Von Folke Havekost

Lampeduser Schattensenat

Flüchtlinge in Hamburg verarbeiten ihre Erfahrungen auf der Theaterbühne

Die Lampedusa-Flüchtlinge, die in Hamburg seit Monaten auf ihre offizielle Aufnahme warten, sind müde, auf ihre Flucht reduziert zu werden. Und brachten ihre Hoffnungen nun auch auf eine Theaterbühne.

Andreas hat etwas zu verkünden: »Der alte Hamburger Senat wird schon bald hinausgeworfen werden.« Der 30-jährige Marketingexperte aus Ghana stand am Sonntag auf der Bühne des Theaters »Thalia in der Gaußstraße« und stellte sich und seine Mitstreiter in einer künftigen Regierung der Hansestadt vor: Zehn Flüchtlinge aus Ghana, Burkina Faso und Mali sowie die Musikerin Bernadette La Hengst, die »L’Universal Schattensenat« mit Mitgliedern der Flüchtlingsgruppe »Lampedusa in Hamburg« entwickelt hat.

Das Stück bildete den Abschluss der alljährlichen Lessingtage des Thalia-Theaters, in deren Mittelpunkt diesmal das Verhältnis zwischen Europa und Afrika stand. Eröffnet hatte sie die kenianische Soziologin, Germanistin und Entwicklungshelferin Auma Obama, eine Halbschwester des USA-Präsidenten. Ihre Eröffnungsrede hatte diese bereits den Flüchtlingen gewidmet, die vor Lampedusa auf der Suche nach einem besseren Leben gestorben sind. Das Theater hatte im September 2013 bereits eine Veranstaltung mit der Flüchtlingsgruppe organisiert: Die Urlesung von Elfriede Jelineks »Die Schutzbefohlenen« in der St. Pauli-Kirche, in der damals etwa 80 Flüchtlinge untergekommen waren.

Während die Lampeduser damals den Text der österreichischen Nobelpreisträgerin vortrugen, sollte diesmal etwas Eigenes auf eine Bühne gebracht werden - zumal viele Flüchtlinge auch erkennbar müde sind, stets auf den Bericht ihrer Fluchtgeschichte verkürzt zu werden. Das Theater beauftragte die Berliner Musikerin und Regisseurin Bernadette La Hengst mit der Ausarbeitung einer »Elektropop-Performance«, die im Dezember zum ersten Mal - noch in der Kirche - aufgeführt wurde.

Auf der Thalia-Nebenbühne in Altona empfahl der Reisesenator Grenzöffnungen und Bewegungsfreiheit, während der Senator für Transparenz und Helligkeit eine Glühbirne in der Hand hielt: »Hier gibt es nur Licht durch Afrika«, sagte er mit Verweis auf den Draht aus Kupfer, das nach Europa importiert wird. »Wenn die Menschenrechte gelten würden, dann dürften wir arbeiten«, kritisierte der Senator für Menschenrechte: »Es sind keine Menschenrechte, sondern Rechte für Europäer.« Kurz zuvor war das Ergebnis der schweizerischen Volksabstimmung bekannt geworden. »Die Schweiz zeigt, dass man auch als Deutscher ganz in der Nähe zum Fremden werden kann«, sagte Thalia-Ensemblemitglied Sebastian Rudolph.

La Hengst stellte die Zuschauer als Senatorin für Dekolonisierung vor eine Alternative: Entweder ein Jahr Sozialdienst in Afrika oder die Rückgabe aller Diamanten, die Deutschland aus seiner ehemaligen Kolonie Namibia gewonnen hat. Die 46-Jährige, die die Revue aus Gesang, Tanz und Statements an sechs Wochenenden mit den Gruppenmitgliedern einstudiert hat, wollte »etwas anderes auf die Bühne bringen als das Bild der armen Flüchtlinge, die dankbar sein müssen, auf einem Kirchenboden zu schlafen«.

Das Thalia-Theater sammelte 2013 etwa 45 000 Euro Spenden, die in Unterkunft, Verpflegung oder auch Fahrkarten für die etwa 300 Flüchtlinge flossen, die seit fast einem Jahr um ihr Bleiberecht kämpfen. »Es geht hier nicht nur um Caritas«, betonte Thalia-Intendant Joachim Lux: »Wir, die satt und zufrieden sind, können von den Flüchtlingen sehr viel lernen, etwa über Kraft, Überlebenswillen oder Erfahrungen, die man an der Grenze zum Tod macht.«

Für den 1. März hat die Lampedusa-Gruppe eine Großdemonstration mit anschließendem Konzert in der Hamburger Innenstadt geplant. Schon vorher spricht ein anderer Akteur auf der Thalia-Bühne: Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hält am 19. Februar eine Grundsatzrede zu »Hamburg, Europa und die Grenzen« und diskutiert anschließend mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow, der im Rahmen der Lessingtage aus seinem Buch »Wo Orpheus begraben liegt« las.

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