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Galerie der Berliner Graphikpresse: Hans Vent zum 80. Geburtstag

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 6 Min.

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Es gibt viele Formen, die Wirklichkeit zu ergründen und die eigene Position in ihr zu orten. Darunter eine ist die Malerei. Sowohl seitens des Malers als auch seitens des Betrachters. So banal die Aussage, so wenig selbstverständlich ist sie in unserer Zeit des ständigen Gehetztseins, der durch pausenlosen Überfall oberflächlicher Reize verengten Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfähigkeit. Zur Besinnung kommen, zu Tiefe und Standfestigkeit, ist etwas geworden, das man sich vornehmen muss. Das Zusammensein mit Kunst, so man dies dafür erwählt, ist ein solcher Weg und es kann ein kräftiger Kraftquell sein.

Zusammensein mit Hans Vent, dem stets freundlich und gelassen, aber nie abgeklärt oder gar selbstgefällig, sondern mitreißend sympathisch neugierig wirkenden Mann. Die Werke des Malers und Plastikers, der heute 80 Jahre alt wird, sind Konzentrat von Erfahrung, Beobachtung, Befragung, sind also in einem hochenergetischen Zustand. Teilhabe daran gewinnen, ist wie Energie abzapfen.

Vent bietet ein überschaubares Repertoir an Motiven: menschliche Figur, Figurengruppe, Kopf. Letzteres gegeben in situationshaften Porträts, im Profil oder frontal aufgefasst, unterschiedlich in Blickwinkel und Ausschnitt. Sie sind nicht auf physiognomische Ähnlichkeit aus, es sind Anonyma, die umso mehr vermögen, Haltung zur Welt auszudrücken, Seelenzustände zu spiegeln und Charaktereigenschaften, existenzielle Probleme, Konfliktfelder darzustellen. Es ist wie ein Sich-Aussprechen, um sie, um sich selbst zu verstehen. So erklärt sich, wenn bei Vent von Vereinfachung der Form die Rede ist, dass das nicht Aussparen oder Beschränkung heißt, sondern Konzentration.

Faszinierend das Farb- und Formenspiel, das auf Leinwand und Papier seine Mitteilungen setzt. Vielschichtig, ohne Erzählungen zu verströmen. Ausgefüllte Flächen suchen Harmonie mit durchscheinendem oder ganz freigelassenem Grund - beides ist dem Maler gleichermaßen wichtig, schaffen zugleich Kontraste, weil es eines nicht ohne das andere gibt - so ist das Leben, Gegensätze als das Treibende von Bewegung, von Wandel bis hin zum Vergehen. Festgehalten ist nur das Vorläufige. Was werden kann, ist offengelassen. Welch Dramatik!

Oftmals ist der Pinsel so geführt, dass der Prozess des Malens sichtbar wird. Unruhe geht von scheinbarer Flüchtigkeit aus, von luftiger Hingehuschtheit beim Farbauftrag, von Verwischtem, Verschwommenem, von Linien. Zeichnerisches, Gestricheltes, Schraffurenflächen auch sind Elemente, die im Einsatz sind, den Farbklang zu erzeugen.

Ach, die Farbe ... Es ist überliefert, dass einer der Lehrer Vents an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Bert Heller, wo der in Weimar Gebürtige 1953 sein Studium begann, für seine dabei entstandenen Arbeiten eine Bestnote vergab, die da lautete: »Herr Vent, Sie haben ja einen Urwald an Farben im Schädel!« Dieser Urwald ist seither höchst fruchtbringend bestelltes Feld.

Da war zu erforschen, welche Kraft in Farben steckt, wie sie sich im Nebeneinander ergänzen, steigern, abstoßen, Raumtiefe bilden, aus der Fläche herausspringen, sich übereinander schichten. Eigenwillig das Resultat, was bereits mit der Einzigartigkeit in der Auswahl aus dem Farbenspektrum beginnt. Rosa, Grau, Grün, Violett, Himmelblau, zum Beispiel, und jedes mal blass, mal dumpf, mal stechend, mal licht, mal wuchtig - niemals gleichgültig lassend. Und das Zusammenspiel - ein Spiel, wie jede ernsthafte künstlerische Bestrebung. Verlockendes und Bedrohliches in einem schimmert auf, behauptet sich auf der Fläche oder auch Bestimmtes im Wechsel mit Unbestimmten - man wird nicht fertig damit, man muss sehen, und sehen, und sehen, und fühlen, und denken.

Eine Wegmarke im Biografischen, wohl mehr als im Schaffen, war das große Tafelgemälde »Menschen am Strand«, 1976, das in die Vorzeigegalerie im Palast der Republik in Berlin aufgenommen wurde (dem charaktergeraden Fritz Cremer war zu verdanken, dass der später von kunstfernen Ideologen als »Menschenbildverzerrer« und »Destruktiver« Abgekanzelte sein Bild malen konnte). Es gab wie wohl kein anderes dort Auskunft darüber, was Malerei ist, was Malerei kann. Bei Vent sind Strandmotive bis heute eine Konstante. Doch werden sie weder als Landschaft noch als Metapher genutzt, sondern als Mediums-Ort des Gestaltens, des Ausdrucks inneren künstlerischen Wollens. Das Meisterwerk aus dem abgerissenen Palast »verwittert« heute im Deutschen Historischen Museum. Im Depot, selbst im bestklimatisierten, zu stehen, anstatt unter den Menschen zu sein, hat es nicht verdient.

Einen kleinen, aber chronologisch weit greifenden Einblick in Hans Vents Werk gibt derzeit die Galerie der Berliner Graphikpresse. Sie zeigt neben Malerei unter anderem Radierungen: eine Technik, die ihm grafische Entsprechung zur Malerei ist - nur, dass das Hauptfeld der Untersuchungen die Möglichkeiten des Grau ist. Auch deutlich mehr Kleinteiligkeit lässt der Künstler hier zu. Es mag Verschmitztheit sein oder ein erneuter Coup bei Experimentieren: Da wird doch in eines der »schwarz-weißen« Blätter tatsächlich ein knallrotes Fleckchen hineingesetzt! Neben dem Spaß, den Vent als ein Credo seiner Arbeit genannt hat (wie man hier sieht), liegt auch in der Waagschale, dass jedes Bild immer wieder ein Aufbruch ist, jede Form, jede Farbe, die einmal gefunden war, erneut ihre Prüfung zu bestehen hat.

In der Galerie der Berliner Graphikpresse, die seit Langem mit dem Künstler verbunden ist - wo bleibt die große monografische Ausstellung in der Nationalgalerie? -, sind, von einer akkuraten Zeichnung einer Dorflandschaft aus dem Jahre 1961 bis zu dem 2013 geschaffenen Ölgemälde »Durchblick«, markante Arbeiten vertreten. Dies jüngste ist ein außerordentlich erstaunliches: Es zeigt einen Wandel in der Handschrift an. Eine dunkelgrüne Fläche, die Leinwand ausfüllend und ohne die gewohnten kantig-zackigen Binnenstrukturen, deutet weich, rundlich einen Wald an. Aus dem Dunkel heraus leuchtet ein Ausblick in etwas Helles, Offenes. Eine Lichtung? Ein Platz, an dem alles Streben zur Vollendung geführt ist? Ein Spiel, das Seele und Geist in einen lebbaren Zustand bringt.

Was immer einen auf den Pfad bringt, die Wirklichkeit zu ergründen und die eigene Position in ihr zu orten, bei Vent ist dem Augenschein zu trauen. Die Anziehungskraft seiner Bildwerke ist enorm. Es bedarf keiner erklärten Absicht, sich eins seiner Bilder ansehen zu wollen, und es ist auch nicht so wie bei Werken manch anderer Künstler, dass man sie zur Kenntnis nimmt wie eine sachliche Information oder aber sich einen Augenblick lang erfreut und dann weitergeht. Bei Vent ist es anders: Jedes Gemälde, jede Grafik, jede Plastik, jedes Aquarell, sofern man für nur einen Moment die Augen hat hinwandern lassen, reißt, ob man will oder nicht, weil man in Eile ist oder nicht gestimmt, sofort den Blick an sich, zieht den Betrachter hinein, und aus erster Irritation, was denn das Besondere sein mag, das ihn da gepackt hat, wird Nachdenklichkeit, Verstehenwollen, wird die Gewissheit, den Strudel der eigenen Emotionen, die das Werk ausgelöst hat, in Gerichtetes bringen zu können. Das Empfinden bekommt Stoff, Ambivalenzen auszuloten, im Befremdlichen Gewohntes aufzufinden, im Bekannten das Neue. - Lakonischer Kommentar des Meisters zum »Durchblick«: Man kann ja auch mal etwas anderes probieren.

Galerie der Berliner Graphikpresse, Silvio-Meier-Str. 6 (vormals Gabelsbergerstr.), Berlin-Friedrichshain, Mi-Fr 13-19, Sa 11-15 Uhr. www.galerie-berliner-graphikpresse.de

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