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Im seligen Reich der Finsternis

Gesellschaft zum Schutz des Nachthimmels erklärt das Westhavelland zum Sternenpark

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.

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Weltweit gibt es 24 Sternenparks, davon acht in Europa. Der Titel wird seit 2006 vergeben. Nun gehört der Naturpark Westhavelland als erste deutsche Region zu diesem Kreis.

Im zweiten Anlauf hat es nun geklappt: Der Naturpark Westhavelland ist erster Sternenpark Deutschlands. So dunkel wie dort ist es weit und breit nirgends. Zu irgendetwas muss die fortgesetzte Entleerung Ostdeutschlands ja auch gut sein.

Jahrtausendelang war es für die große Menge des Volkes einfach finster, wenn die Sonne untergegangen war. Nachtbeleuchtung war ein Gegenstand der Sehnsucht und das Vorrecht der Reichen. Die flächendeckende Beleuchtung der urbanen Gebiete »ist ein Konzept des 20. Jahrhunderts«, sagte gestern Christoper Kyba von der Internationalen Gesellschaft zum Schutz des dunklen Nachthimmels (IDA). In jedem Jahr werde die Nacht auf dem Erdball zwischen drei und sechs Prozent heller. Amateurastronomen sind entsetzt. Verständlich, denn nur von einem dunklen Flecken Erde lässt sich der Himmel gut beobachten.

Beispielsweise beleuchten inzwischen viele Gartenfreunde ihre Parzellen mit Solarlampen. Den Pfad zur Toilette kurzzeitig zu erhellen, um nicht zu stolpern, geht völlig in Ordnung. Aber die Nacht zum Tag zu machen, ist ziemlich sinnlos.

Inzwischen hat die Beleuchtung solche Ausmaße angenommen, dass von »Lichtverschmutzung« geredet werden muss, erläuterte Umweltministerin Anita Tack (LINKE). Der Mensch schlafe dabei schlechter, Milliarden Insekten werden desorientiert und gehen zugrunde. Sie fehlen in der Nahrungskette und das führt dazu, dass Vogelarten bedroht sind. Das Land Brandenburg will dem etwas entgegensetzen. Gestern erklärte die IDA den Naturpark Westhavelland zum ersten Sternenpark Deutschlands.

Gemeint ist damit nicht, dass von nun an der Naturparkranger in den westhavelländischen Kommunen um die Häuser schleicht und »Licht aus« brüllt wie der Luftschutzwart aus Angst vor Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg. Vielmehr gehe es um den bewussten Einsatz von Licht und um ein »Lichtmanagement«, das seinen Nutzen tut und Energie einsparen hilft, heißt es.

»Nachts um 3 Uhr muss es nicht so hell sein wie abends um 21 Uhr«, sagte IDA-Mann Kyba. Die Naturparkverwaltung setzt beim Konzept für den Sternenpark nicht auf Restriktionen, Vorschriften oder Sanktionen. Vielmehr handle es sich um eine freiwillige Selbstverpflichtung der Städte und Gemeinden dort, Sorgfalt bei der nächtlichen Beleuchtung walten zu lassen. Lampen sollen den Gehweg anstrahlen und nicht den Himmel. Es gibt solche und solche Modelle für Straßenlaternen. Zum Einsatz kommen sollte eine nach oben abgeschirmte warm-weiße Beleuchtung mit geringerem Blauanteil. Werbung sollte von oben nach unten angestrahlt werden und nicht umgekehrt.

Freimütig berichtet Nationalparkleiterin Kordula Isermann davon, dass zunächst Skepsis geherrscht habe und man dem Projekt gegenüber »reserviert« gewesen sei. Das Bekenntnis zur Dunkelheit sei nicht ohne weiteres populär. Doch solle es auch nicht um die Einführung der Dunkelheit gehen, sondern um die Chance, die Milchstraße wieder zu entdecken. »Lassen wir es funkeln.« Isermann sprach von einem touristischen Potenzial und dem Ziel, »die Astronomie wieder in die Köpfe und Herzen zu bringen«. Westbrandenburg ist ausersehen, weil es in Europa nur noch wenige Orte gibt, in denen es nachts so dunkel ist wie dort. Pro Quadratkilometer leben hier nur noch 19 Menschen, sagte Jens Aasmann, Amtsdirektor von Rhinow. Nach UNO-Maßstäben steht diese Region vor dem Status »unbewohnt«. Man habe das Thema debattieren müssen, weil »Insekten die kommunalen Kassen nicht füllen«, erklärte Aasmann. Angesichts der geringen Bevölkerungsdichte und der an sich schon dunklen Nacht in der Gegend seien sich einige bei diesen Vorstellungen vorgekommen, »wie Eskimos, denen man einen Kühlschrank andrehen will«. Im Prinzip aber ließen sich die Anforderungen an einen Sternenpark schnell umsetzen. In der Region gebe es noch Lampen, »an denen hatte schon Walter Ulbricht seine Freude«. Eine Erneuerung wäre also sowieso fällig. Zwei europäische Länder haben den Schutz des Nachthimmels per Gesetz verankert: Slowenien und Frankreich. Das erklärte Andreas Hänel von der Vereinigung deutscher Sternenfreunde. Er könne sich auch weitere Sternenparks vorstellen. In der Röhn und in der Eifel eventuell, in der Müritzer Gegend, aber auch an weiteren Orten in Brandenburg. »Bei Neuruppin ist es nachts so dunkel wie in Namibia«, sagte Hänel.

Die IDA lobt Deutschland. Unerträglich heller, geradezu überbeleuchtet, seien die Nächte in Spanien, Italien und in den USA. Das führte Kyba auf ein geringeres Kriminalitätsrisiko und einen sichereren Autoverkehr in der Bundesrepublik zurück. In den Industrienationen leben ihm zufolge immer mehr Kinder, die vom Sternenhimmel und seiner Pracht keine Vorstellung besitzen.

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