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Unruhe im Parzellenuniversum

Kleingartenanlagen gelten als piefige Bewahrer deutscher Kleinbürgerlichkeit. Ein Bewohner hat genug.

In einer Gartensiedlung im Norden Berlins will ein Bewohner die sonntägliche Käsekuchenidylle nicht mehr mitmachen. Anlass ist der Laubenbrand einer türkischen Familie.

Gemächlich wippt die Deutschlandfahne im lauen Februarwind hin und her. Dem »Southern Cross«, der Flagge der Konföderierten Armee, gegenüber geht es genauso. Axel Wieprecht* flüstert, obwohl neben ihm die Autos eines Autobahnzubringers durch den Matsch donnern. »Hier ist es«, sagt er und nickt mit einer sparsamen Kopfbewegung nach links, guckt aber ansonsten weiter auf den schneebedeckten Boden. Hinter ihm laden gerade Nachbarn den Einkauf aus.

»Hier«, das ist ein kleiner Eckbungalow in einer Gartensiedlung im Norden des Berliner Bezirks Pankow. Auf dem Dach liegt eine olivgrüne Plane, notdürftig an den Seiten mit Schnüren im Boden festgemacht. Um das Grundstück herum hat die Feuerwehr Absperrband gespannt. Vor knapp einem Monat hat die Laube gebrannt, erzählt Wieprecht, als die Nachbarn außer Sicht- und Hörweite sind. Er kam abends zufällig auf einem Spaziergang vorbei. Die grau-schwarze Rauchwolke sah er schon von Weitem. Bei der Polizei liegt eine Anzeige gegen Unbekannt vor. Die Ermittlungen dauern noch an, heißt es auf der zuständigen Wache. Über die Brandursache darf der Polizist am Telefon natürlich nichts Genaues sagen.

Der Bungalow, um den es geht, gehört einer türkischen Familie, die erst seit zwei Jahren in der Siedlung lebt. Im Kleingartenkosmos entspricht das etwa einem Wimpernschlag. Einige der Pächter sind hier, seit 1955 das erste Trinkwasserrohr verlegt wurde. Ob die Herkunft der Familie der Grund ist, warum ihr Bungalow in Flammen stand, ist reine Spekulation, und Wieprecht wird Ärger dafür bekommen, wenn klar wird, wer gequatscht hat, aber das ist ihm egal. Er will nicht länger zugucken, wie die Nachbarn mit aggressivem Schweigen Probleme lösen, wenn ihnen etwas nicht passt. Geredet wird nicht miteinander, stattdessen werden Fensterscheiben eingeschlagen oder Bierflaschen über den Zaun geworfen. Parkplätze vor dem eigenen Grundstück sind mit Absperrband markiert.

Wieprecht fällt eigentlich nicht auf. Er lässt keine Sträucher durch den Zaun aufs Nachbargrundstück wachsen. Seine Hecke sieht aus, als wäre sie mit dem Kalibriergerät geschnitten. Einmal nur hat er widersprochen, als es um die Nachfolge im Vereinsvorsitz ging. Den in der Siedlung beliebten, handwerklich begabten »Trunkenbold«, wie er ihn nennt, wollte er verhindern. Fortan war er vielen zur Begrüßung nur noch einen argwöhnischen Blick wert.

Dicht an dicht haben sich die Menschen hier in der Kleingartensiedlung, die offiziell als Erholungsanlage bezeichnet werden will, ihre eigene Welt geschaffen. 1400 kleine Planeten gibt es mittlerweile, sauber abgetrennt durch meterhohe Kirschlorbeerbüsche oder den klassischen Lattenzaun. Das Zentrum des Siedleruniversums ist das Vereinshaus, in dem der amerikanische Squaredance momentan sehr angesagt ist. Immer öfter gibt es in letzter Zeit Tanzveranstaltungen. Die türkische Familie wurde noch nie beim Westerntanzabend gesehen.

In der Siedlung brodelt inzwischen die Gerüchteküche. Die Familie könnte ja auch selbst schuld sein, wird gemunkelt. Wieprecht selbst hat das aber auch nur von Leuten gehört, die mit denen gesprochen haben, die das vermuten. Eins steht für die meisten fest: So ein Brand passiert eben mal, wenn eine Gasflasche nicht richtig angeschlossen ist. Wieprechts Version von der Brandnacht aber ist eine andere. Er konnte kein Feuer in der Laube erkennen, nur auf dem Dach. Ein Passant, der, wie er, zufällig vorbeikam, hatte die Feuerwehr gerufen. Erst als die eintraf, kamen die Menschen aus dem Nachbarhaus, um zu gucken.

Einen Tag später wird Wieprecht stutzig. Ab jetzt glaubt er nicht mehr an einen Unfall. Am Straßenschild vor dem Grundstück hat jemand einen Aufkleber der Pankower NPD gepappt. »Moschee zurückbauen« steht drauf. Der Sticker ist einen Monat später immer noch da. Vor sechs Jahren eröffnete die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde ihre erste Moschee in Pankow, zehn Minuten mit dem Auto von hier entfernt. Die Moschee zwischen Einfamilienhäusern, Autowerkstatt und Fast-Food-Kette hatte damals für extremen Unmut gesorgt. Es gab Proteste von Anwohnern, Bürgerinitiativen und Nazischmierereien an der Kuppel.

»Das sind ganz liebe Menschen«, sagt Wieprecht über die Familie, die hätten niemandem etwas getan. Sie sind nicht oft hier, aber im Sommer grillen sie zu viel und das stört einige. Schnell ist vergessen, dass die komplette Anlage zwischen Mai und August sowieso unter einer Duftglocke aus Bier-Senf-Marinade verschwindet. Besonders eng ist Wieprecht mit der Familie nicht, gibt er zu. Aber der Brand hat ihn ins Grübeln gebracht, über die Menschen, mit denen er seit fast zehn Jahren Hecke an Hecke lebt. Der Vereinsvorstand will zu dem Brand nichts sagen. Einen fremdenfeindlichen Hintergrund weist man von sich. Mit den Ausländern sei das Verhältnis im Allgemeinen »sehr gut«. Ihr Anteil, und das weiß man ganz genau, liege »auf jeden Fall unter fünf Prozent«.

Einfluss auf die Grundstücksvergabe hat der Verein nicht direkt, darüber entscheidet das Bezirksamt, wo man von dem Brand noch nichts gehört hat. Die Lauben werden aber größtenteils von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Ein wirklicher Austausch findet nur statt, wenn mal jemand außerhalb des Verwandten- und Bekanntenkreises verkauft. Und ab dem Punkt wurde es für Wieprecht ungemütlich. Vor zwei Jahren gab er ein Gartenhaus auf einem Nachbargrundstück, das ihm gehört, an einen Russlanddeutschen ab. Kurz darauf hieß es: »Wenn du das tust, dann fackeln wir dich ab.« »Jetzt hat es stattdessen die türkische Familie erwischt«, ist Wieprecht überzeugt. Das Schweigen im Parzellenuniversum ist für ihn ab jetzt vorbei.

*Name geändert

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