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Als in Konstanz die grüne Grenze plötzlich Sperrzone wurde

Der Erste Weltkrieg war für die Bodenseeregion eine große Zäsur - das Rosgartenmuseum will die Folgen dokumentieren

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Von 1414 bis 1418 fand das Konstanzer Konzil statt, dessen Jubiläum nun bis 2018 in der Stadt und der Region gefeiert wird - mit etlichen aufklärerischen, aber zum Teil auch umstrittenen Veranstaltungen. Im Juli wird im Konstanzer Rosgartenmuseum jedoch eine wichtige Ausstellung zu einem deutlich aktuelleren Thema eröffnet: Konstanz im Ersten Weltkrieg. Mit Museumsdirektor Tobias Engelsing sprach darüber Holger Reile.

nd: Wie war die Situation in Konstanz zu Kriegsbeginn im Sommer 1914?
Engelsing: Wie fast überall im Reich gingen die Wogen der nationalen Begeisterung in den ersten Augusttagen 1914 hoch, eine heute schwer vorstellbare Hysterie erfasste die Massen. Davor war Konstanz schon damals eine Insel - etwas im Windschatten der großen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Reich. Es gab einige Industriebetriebe, aber viele Menschen arbeiteten in Behörden und im Handel. Dominierende politische Kräfte waren das katholische Zentrum und die Nationalliberalen, die Sozialdemokratie spielte um 1914 noch eine nachrangige Rolle. Soziale Gegensätze offenbarten sich hier nicht in der Schärfe wie in den großen deutschen Industriezentren. Und: Konstanz war mehr als 150 Jahre lang Garnisonsstadt, die Soldaten prägten das Gesicht der Stadt wesentlich mit. Am Ende des Ersten Weltkriegs hatte das Konstanzer Regiment über 3000 Tote und Tausende Verwundete zu beklagen.

Da Konstanz direkt an der Grenze zur Schweiz liegt, wurde die Stadt in den militärischen Sperrgürtel einbezogen. Was hieß das konkret?
Die Konstanzer Bevölkerung blieb über Wochen von der Außenwelt jenseits der militärischen Sperrzone nahezu hermetisch abgeriegelt. Post und Fernmeldeverkehr wurden überwacht, in der hysterischen Furcht vor Spionage und Sabotage. Zugleich nahmen die gegenseitigen Grenzschikanen zu. Der Erste Weltkrieg ist die große Zäsur im Umgang der Nachbarn miteinander, in dieser Zeit endet die gänzlich unbefangene Freizügigkeit. Die Grenze wird auch zur Grenze in den Herzen und Köpfen. Das wollen wir in der Ausstellung und im Begleitbuch darstellen.

Wie sah der Alltag der Konstanzer Bevölkerung aus?
Durch die Einberufungen Hunderter junger Männer lagen Industrie und Handwerksbetriebe, Handel und öffentliche Verwaltung zeitweise fast brach - bis die kriegsbezogene Produktion richtig loslegte. Zugleich wurden Aufträge storniert, es kam zu gravierender Arbeitslosigkeit. Der Handel hob die Preise an, auch Schweizer Milchhändler trieben, weil sie die einzigen Lieferanten waren, die Preise nach oben. Die Versorgung wurde, je länger der Krieg dauerte, immer prekärer. Schwarzmarkt und Schmuggel blühten, aber es nahm auch die Erbitterung gegen die Regierung und zuletzt gegen die Monarchie zu. Um 1917 waren auch die Konstanzer völlig erschöpft und kriegsmüde.

Stiegen die Konstanzer Zeitungen von Anfang an in das allgemeine Kriegsgeheul ein?
Wer im August 1914 pazifistische oder auch nur mäßigende Töne anschlug, galt schnell als Vaterlandsverräter. Interessant wird die Auswertung der Schweizer Zeitungen werden, denn in der Deutschschweiz gab es starke Sympathien für Deutschland, aber auch Befürchtungen. Zeitungen hatten generell auch damals schon die Tendenz, eher den Mainstream zu vertreten als abweichende, gegen die Mehrheit ihrer Leser gerichtete Meinungen. Nicht zuletzt versprach die Kriegsthematik in den kriegsführenden Ländern für Verlage ein glänzendes Geschäft zu werden. Hier in Konstanz setzte Reuß & Itta, der Verlag der liberalen »Konstanzer Zeitung«, unter anderem auf »Kriegsausgaben« gängiger Literatur und produzierte hohe Auflagen davon.

Gab es zu jener Zeit Friedensaktivisten vor Ort?
Die Region um den Bodensee war in diesen Kriegsjahren häufig Fluchtraum oder Transitstation für Pazifisten, Kriegsdienstverweigerer und zivilisierte Kulturmenschen, die sich am großen Schlachten nicht beteiligen wollten und Asyl in der Schweiz suchten.

Was wird uns bei Ihrer Ausstellung präsentiert?
Wir werden keine militärgeschichtliche Ausstellung machen, also keinen Schützengraben nachbauen oder den Schlachtenverlauf illustrieren. Wir wollen versuchen, den Alltag der Menschen und die Veränderungen an der deutsch-schweizerischen Grenze zu veranschaulichen. Der große Gefangenenaustausch, die Kunst und Literatur der Zeit, Emigration, Politik und Propaganda, aber auch das Leid der damaligen Menschen werden unsere Themen sein. So bitter das klingt: Der Erste Weltkrieg, die »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts, die Hitler mit herbeiführte, ist für junge Menschen unserer Tage so weit weg wie Kaiser Nero und der Brand von Rom.

Mit wie vielen Besucherinnen und Besuchern rechnen Sie?
Wir hoffen, dass wir mindestens 15 000 Besucherinnen und Besucher aus Stadt und Region dazu bewegen können, sich mit diesem ernsten Thema auseinander zu setzen. Ich bin da allerdings etwas skeptisch, vor allem was die Schulen anlangt. Seit G 8 herrscht, ist der Schulalltag so verdichtet, dass Klassen den Bau kaum mehr verlassen, um »außerschulische Unterrichtsorte« zu besuchen.

Wie hoch ist Ihr Budget für diese Ausstellung?
Um eine zeitgemäß inszenierte, anspruchsvoll ausgestattete, gut beworbene und von einem verständlich geschriebenen und gestalteten Buch begleitete Ausstellung realisieren können, muss man etwa 150 000 Euro Sachkosten kalkulieren. Pro gedachten Besucher sind das also zehn Euro. Ein Museumseintritt kostet ohne Ermäßigung in Konstanz aus sozialen Gründen aber nur drei Euro. Weitere Einnahmen bringen der Buchverkauf und Erlöse aus dem Shop, von Gruppenführungen und Angeboten des Rahmenprogramms. Den Sachkosten stehen so, wenn alles gut geht, Einnahmen von rund 100 000 Euro gegenüber. Wie bei vielen Projekten des Rosgartenmuseums müssen wir also in erheblichem Umfang Spenden, Sponsoringmittel und Sachspenden einwerben, denn allein über die städtischen Haushaltsmittel (120 000 Euro für Ausstellungen) sind solche Projekte nicht voll zu finanzieren.

Die Ausstellung »Der Krieg an der Grenze - Der Erste Weltkrieg am Bodensee« ist vom 18. Juli bis zum 31.12. 2014 im Konstanzer Rosgartenmuseum zu sehen. Es wird ein umfangreiches Begleitbuch erscheinen. Informationen unter: www.konstanz.de/rosgartenmuseum/

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