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Wer bin ich?

Die Akademie der Künste in Berlin präsentiert: Traumprotokolle von Hanna Schygulla

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 7 Min.

Hanna Schygulla, die Fassbinder-Ikone. O, ja. Und: Ach. Bis heute wird dieses Attribut zu ihrem Namen geradezu reflexartig gegeben. Es entstammt der großen schöpferischen Zeit gemeinsamer Arbeit mit dem genialen deutschen Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Längst aber ist diese Kennung zu eng geworden. Ja, sie war das Besondere in 23 der 40 Filme Fassbinders in 13 Jahren, in heute als Klassiker der deutschen Filmkunst geltenden Werken. Ausgeblendet wird bei dieser Etikettierung jedoch, dass sie unter anderen großen europäischen Regisseuren im Vielfachen dessen ihre künstlerische Meisterschaft zeigte, das »Gesicht des Neuen Deutschen Films« auch mit Straub, Fleischmann, Hauff, Schlöndorff u.a. wurde, Theater spielte und inszenierte sowie als faszinierende Solistin mit eigenen Bühnenprogrammen in Erscheinung trat, als Diseuse und Sängerin eine Welt aufrief: der Worte, des Klangs, der Gefühle, der Erinnerung, der Nachdenklichkeit, mit eigenen biografischen, auch mit politischen Bezügen. Tucholsky, Mühsam, Brecht, Handke, Fassbinder. Allerdings: Es sei ihr Schicksal gewesen, dass sie Fassbinder begegnete, sagte sie einmal. Und, in großer Bescheidenheit: »Er hat wohl Wasser aus dem Fels geschlagen.«

Ein für Hanna Schygulla zunächst unglücklicher Umstand - Fassbinder drehte einen bereits entworfenen Film mit ihr dann doch nicht - war aber, und ist aus heutiger Sicht, auch ein Glücksfall. Geplant war, gemeinsam einen Film über die Künstlerin Unica Zürn zu inszenieren, die in einem ihrer schizophrenen Schübe glaubte mit dem geteilten Berlin schwanger zu gehen und den Auftrag zu haben, es in sich selbst wiederzuvereinen. Der Film kam nicht zustande, Fassbinder musste wegen des Selbstmords eines Freundes einen anderen drehen. So nahm Hanna Schygulla im Sommer 1979, um aus der privaten Krise, die die enttäuschte Erwartung zur Folge hatte, herauszukommen, eine Videokamera und filmte selbst. Filmte sich selbst, wie im Fieber, ein paar Wochen lang. Mit einfachen Mitteln, ganz für sich allein, an Veröffentlichung war nicht gedacht.

Experimentalfilme entstanden, die das, was in ihr schon gesteckt hatte in Vorbereitung auf die Rolle als Unica Zürn, vor allem aber die Spiegelung von Träumen, des eigenen Unbewussten, gemischt mit real erlebtem Zeitgeschichtlichen und mit künstlerischen Arbeiten auf spontane, impulsive Weise ins Bild bannten. Es entstand mehrstündiges Videomaterial, das lange unbeachtet blieb. Erst vor gut zehn Jahren holte Hanna Schygulla die Kartons hervor und schnitt aus den recht passabel erhaltenen Videos Fassungen von Kurzfilmen, die 2005 auf einer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt und angekauft wurden.

Im Interview mit dem Leiter des Filmarchivs der Akademie der Künste, Torsten Musial, erklärt sie, das Authentische, das es sie damals drängte widerzuspiegeln, seien ihre Nachtträume gewesen. Sie hatte sie vorher notiert, in Traumprotokollen: »Das heißt, wenn du aufwachst und gerade noch den letzten Schleier eines Traums erwischst, dann schreibst du ihn in ein paar Sätzen auf, dadurch bleibt er dir und ist nicht verflogen.« Anhand dieser Aufzeichnungen habe sie dann versucht, die Träume »mit offenen Augen vor meiner Kamera wieder zu erleben«. Es war eine »Hingabe an etwas, das die Erfahrung mit der Welt sucht«.

Was so unspektakulär, aber doch wie ein zu entschlüsselndes Geheimnis bergend klingt aus dem Mund dieser Frau, in deren Erscheinung sich das angenehm Ungekünstelte ihrer Mitteilungen und ihrer Art, sich zu geben, mit einem schwer beschreibbaren Ausdrucksgewicht intellektueller Auseinandersetzung vereint, ist, wenn man es denn in Augenschein nimmt, ein berauschendes Stück Poesie.

In den Räumen der Akademie werden sieben der Filme auf frei im Raum hängenden Projektionsflächen präsentiert. An den Wänden zweier anderer Säle sind zwei später gedrehte Videos zu sehen. Diese Anordnung lässt den Besucher der Ausstellung die Filme wie eine Installation erleben, die obendrein ein Klangerlebnis mit sich bringt. Geräusche, Musik und die wunderbare Stimme der Schygulla mit ihrer sanften, weichen Sprachmelodie und der ganz eigenen Weise, manche Vokale leicht gedehnt auszusprechen, fast wie ein Singen, lagern sich übereinander.

Die älteste Kunst ist der Traum - mit Jorge Luis Borges gesprochen. In der Kulturgeschichte spielt er eine große Rolle, so auch im Leben der Schygulla, die in Borges einen (Traum-)Verwandten sieht. Sie habe schon immer Träume als wichtige Botschaften an sich selbst verstanden. »Ich träume, wenn ich schlafe ... und ich träume, wenn ich wache/ und manchmal weiß ich nicht so genau/ob ich nicht wache, wenn ich schlafe ... und schlafe, wenn ich wache«, schrieb sie vor einigen Jahren. Manches, was sie einst wirklich nur geträumt habe, sei später tatsächlich wahr geworden. »Ich glaube, das ist mein Leben: mit offenen Augen zu träumen.«

»Wach auf und träume«, nach einem Zitat aus Ibsens »Peer Gynt«, heißt denn auch ihre im vergangen Herbst, zwei Monate vor ihrem 70. Geburtstag, erschienene Autobiografie, in der sie erneut beweist, dass ihr das Literarische liegt. Vielleicht wird sie das in den nächsten Jahren weiter verfolgen - das wäre den Lesern zu wünschen -, und es wird ihr dann zur neuen Karriere.

Ein Dichter erwache in uns, wenn wir schlafen und träumen, der Traum ist es, »der uns mit gewagten Bildern und Worten das sagt, was unser Wachsein uns verbirgt«. Er sei wie ein intensiver Wunsch, der sich noch nicht erfüllt, sei der »Anfang der Wirklichkeit«, »Quelle der Lebensfreude«.

Extra für sie als Schauspielerin hatte einst Gabriel García Márquez eine seiner Erzählungen umgeschrieben. Die Figur, die Hanna Schygulla darstellte, sagt da: »Ich verleihe mich zum Träumen.« Eben dieser Satz sei die beste Definition für die Schauspielerei, es gebe keine bessere.

Die filmischen Selbstreflexionen, die die Akademie - statt einer Retrospektive, die man anlässlich des Geburtstags dieses Stars möglicherweise erwarten würde - ausgewählt hat, beginnen mit der einminütigen Videoarbeit »Wer bin ich«. Man sieht das Halbporträt einer Frau, Hanna Schygulla also, vor weit geöffnetem Fenster im Gegenlicht, diffus nur. Und sofort ist der Betrachter mit angesprochen, vor allem sein Empfinden. Bis er in einen Zustand versetzt ist, über Eigenes nachzudenken. Wer bin ich?

Und wenn er weitergeht, zum Assoziationenreigen »Hanna Hannah«, sieben Minuten lang, wird man mit ihrem »Trauma, dass wir unschuldig Schuldige« sind an den Verbrechen der Nazizeit, konfrontiert. Ein tief berührender Film, in dem Schygulla auf ihren Geburtsort Königshütte bei Kattowitz verweist: in der Nähe von Auschwitz. Und sie sollte eigentlich nordisch-germanisch Dagmar heißen, reflektiert sie. »Warum hat meine Mutter mich Hanna genannt? - Weil ich eine Frau kannte«, habe die Mutter geantwortet, »die so hieß, und sie ist so besonders gewesen.« Ein jüdisch klingender Name, in gerade dieser Zeit gegeben ... »Warum habe ich sie nie weiter gefragt, was denn aus dieser Hannah geworden ist?« - Dies auf der Tonspur. Und dann im Bild: das Holocaust-Mahnmal in Berlin im Jahre 2005.

Aufnahmen in wechselndem Licht, meist in Untersicht gedreht, ein behutsames Streifen der Kamera durch die Schluchten zwischen den Betonsäulen, über das kleinteilige Fußbodenraster - das Empfinden von Enge, Bedrohung zieht über den eigenen Rücken, drückt ins Herz, Erinnerung an nicht selbst Erlebtes und Erlittenes steigt auf. Währenddessen hört man die Ermahnung an ein Kind, hier sei kein Spielplatz, oder die Frage eines anderen: »Mami, ist das Berlin?« - Hier ist eine Ahnung von tieferlebter Trauer gegeben, ein Zeugnis von einem Sichaussetzen, wo andere nur oberflächlich von »Betroffenheit« und »Aufarbeiten« reden.

Der vierminütige Filmessay »Traumtunnel« - am Ende des Rundgangs durch die Installation - wurde in Paris, unter der Bastille, gedreht. Eine Fahrt auf einem Kahn. Ist er die Fähre auf dem Acheron, dem Fluss zum Hades? Die Schygulla, an der Bootsspitze stehend, sich befragend, wie man sein Leben sehen soll, in unglaublich schönen, poetischen Worten, löst sich ganz zum Schluss, bei der Ankunft im Licht, in eben diesem auf. Sie hat den Zuschauer mitgenommen auf diese kaum melancholische, sondern gefasste und zukunftshoffende Reise mit ihrer warmen Sinnlichkeit und Klugheit. Man hat eine Frau gesehen, die nicht eine Rolle spielte, sondern einen Menschen getroffen, der er selbst ist.

Man erfährt so auch, was einen Teil der Faszination dieser Frau immer ausgemacht hat: Sie bringe, wie einmal ein Kameramann sagte, in ihre Filmrolle »ihr eigenes Licht mit«, schrieb Jean-Claude Carrière, der Mann, dessentwegen sie nach Paris ging, zu ihrem 60. Geburtstag, und: »Die Photonen, die sie ausstrahlt ..., sind eindeutig viel dichter als die unsrigen.«

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin: Hanna Schygulla. Traumprotokolle. Bis 30. 3., Di-So 11-19 Uhr. Am 25. 2. Gespräch Rüdiger Suchsland mit Andres Veiel und Hanna Schygulla, am 6. 3. Gespräch Max Moor mit Hanna Schygulla

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