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Razzien gegen rechte Schläger

Ballstädt in Thüringen: Polizei untersucht Rollkommando-Überfall - Haftbefehl gegen SKD-Frontmann erlassen

Sechs Tage nach dem brutalen Überfall von Rechtsextremen auf eine Kirmesfeier in Ballstädt, Kreis Gotha, waren kurzfristig fünf Männer festgenommen worden.

Es kommt selten vor, dass Katharina König die Polizei so lobt. Am Wochenende tat sie es. Insbesondere die Besondere Aufbauorganisation Zentrale Ermittlungen und Strukturaufklärung Rechts - kurz »Zesar«, wurde von der Linkspartei-Landtagsabgeordneten herausgehoben. Die Spezialeinheit hat das Neonazi-Spektrum in Thüringen im Blick.

Der Grund für das Lob? Mehrere Razzien. Beamte der Bereitschaftspolizei und des Landeskriminalamts (LKA) hatten am frühen Sonnabendmorgen das so genannte Gelbe Haus in Ballstädt durchsucht. Außerdem recherchierten Ermittler in mehreren Privatwohnungen. Insgesamt fünf Personen, so teilte Oberstaatsanwältin Anette Schmitt-ter Hell mit, seien vorläufig festgenommen worden. Doch es gab am Sonntagabend dann doch nur einen Haftbefehl. Er richtet sich gegen den 38-jähirigen Frontmann der Thüringer Rechtsrock-Band SKD. Sie nennt sich nach dem »Sonderkommando Dirlewanger« der SS. Er ist einer der drei Eigentümer des »Gelben Hauses« in Ballstädt.

Über mehrere Stunden trugen Polizisten mögliche Beweismittel aus dem Anwesen der Neonazis. Säckeweise. Aufgrund der Vernehmung der Beschuldigten sind am Samstagabend nochmals sechs Privatwohnungen in Thüringen durchsucht worden.

Den Polizeieinsätzen vorausgegangen war ein schwerer Überfall auf eine Kirmesgesellschaft. Der hat bereits am 8. Februar stattgefunden. Man feierte an diesem Freitag im Kulturzentrum von Ballstädt, als gegen zwei Uhr um die 15 Angreifer in den Saal stürmten. Sie waren vermummt und prügelten unverzüglich und hemmungslos auf jeden ein, der ihnen in den Weg kam, berichteten Augenzeugen. Selbst als die Angegriffenen schon am Boden lagen, ließen die Schläger nicht von ihren Opfern ab. Sie verletzten zehn Menschen, zwei davon schwer.

Nach Angaben der Landespolizeidirektion waren zwar vier Streifenwagen in kurzer Zeit am Tatort, doch von den Tätern fehlte da bereits jede Spur. Warum die Gesellschaft im Kulturzentrum im Stil eines SA-Rollkommandos überfallen wurde, ist noch unklar. Angeblich soll eine eingeworfene Fensterscheibe am »Gelben Haus« der Grund für den Überfall gewesen sein. Sicher ist, die Nazis wollen all jene im Ort einschüchtern, die sich ihnen entgegen stellen. Es gibt eine Bürgerinitiative, rund 400 Einwohner der 700-Seelen-Gemeinde sollen sich ihr angeschlossen haben.

Thüringen und der damalige Thüringer Heimatschutz waren Sammelbecken auch für jene, die als Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) mindestens zehn Menschen aus rassistischen Motiven heraus ermordet haben. Seit 2013 nutzen Neonazis aus der Region in Ballstädt eine alte Bäckerei, das sogenannte Gelbe Haus. Dort ist auch der ehemalige NPD-Landtagskandidat Steffen R. anzutreffen. Er ist ein Vertrauter des mutmaßlichen NSU-Unterstützers Ralf Wohlleben. Der ist angeklagt im Münchner NSU-Prozess. Mehrfach organisierte Steffen R. Solidaritätsaktionen für »Wolle«.

Neonazis sind in der Region seit Jahren auffällig. Einige bezogen bereits Ende 2011 ein Haus im knapp 30 Kilometer entfernten Dorf Crawinkel. Dort firmieren sie als Hausgemeinschaft Jonastal. Die Namenswahl ist vermutlich kein Zufall: HJ ist die Abkürzung - HJ wie Hitlerjugend. In dem Treffpunkt finden seitdem immer wieder Rechtsrockkonzerte statt, die Nutzer sind zum Teil dieselben wie die des Gelben Hauses.

Täter aus dem Umfeld der Neonazi-Immobilie waren bereits im Oktober 2005 bei einem Übergriff in Gotha beteiligt. Damals attackierten 38 Rechtsextremisten neun Menschen, teils vietnamesischer Herkunft, mit Zaunlatten und Totschlägern, erinnert sich Katharina König.

Ende August vergangenen Jahres durchsuchten LKA-Fahnder drei Objekte in Thüringen, darunter auch die Häuser in Ballstädt und Crawinkel. Sie beschlagnahmten Waffen, darunter ein Sturmgewehr und zwei Maschinenpistolen sowie eine Menge Drogen. Den Razzien waren umfangreiche Ermittlungen, vor allem in Österreich, vorausgegangen. Dort sitzen zurzeit zwei Thüringer Neonazis in Haft, die aus der Gothaer Szene stammen. Die beiden Männer und weitere Neonazis aus Ballstädt und Crawinkel sind seit Jahren eng vernetzt mit Mitgliedern des sogenannten Objekt 21 in Österreich. Gegen die Mitglieder dieser rechtsextremen Kameradschaft laufen Ermittlungen, ihnen werden unter anderem Waffen- und Drogenhandel sowie Brandanschläge im Rotlichtmilieu vorgeworfen.

»Es ist gut, dass durch die Thüringer Polizei Druck auf die Neonazi-Szene im Raum Ballstädt ausgeübt wird, um den rechten Schlägern klar zu machen, dass Gewalttaten entsprechende Konsequenzen zur Folge haben.« Doch Katharina König will das Lob nicht übermäßig ausdehnen. »Wenn vier der mutmaßlichen Schläger vom Wochenende gefasst wurden, laufen etwa zehn weitere momentan frei herum«, warnt sie. Ballstädt sollte eine Mahnung an die Sicherheitsbehörden sein, beim nächsten Mal gleich auf Hinweise zu einem neonazistischen Hintergrund zu achten.

»Immobilien in den Händen von Neonazis kristallisieren sich gerade in Thüringen häufig als Vernetzungs-, Veranstaltungs- und Treffpunkt für die Szene heraus. Hier können die extrem rechten Anhänger nicht nur ihrer Ideologie freien Lauf lassen, von diesen Objekten gehen auch immer wieder Bedrohungen und Übergriffe aus«, so die Abgeordnete.

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