Zu viel Theorie

In der Lehrerausbildung wird die wichtigste pädagogische Fähigkeit nicht vermittelt: Empathie, meint Robert Rauh, Lehrer des Jahres 2013

Als einziger Berliner Pädagoge wurde Robert Rauh Ende 2013 zum Lehrer des Jahres gewählt. Vorgeschlagen wurde er von einem Ex-Schüler. Der gebürtige Berliner unterrichtet am Barnim-Gymnasium in Berlin-Hohenschönhausen Deutsch und Geschichte. Das Fach lässt ihn auch nach Schulschluss nicht los. Mit dem von ihm verfassten Buch »Grundwissen Geschichte« können sich Oberstufenschüler auf eigene Faust den Abiturstoff aneignen. Zudem ist Rauh Mitherausgeber eines offiziellen Berliner Schulbuchs geworden, des »Kursbuch Geschichte für die Oberstufe«. Mit dem 46-Jährigen sprach Jürgen Amendt.

nd: Sie sind Ende letzten Jahres zum »Lehrer des Jahres« gekürt worden. Ihr Weg zum Beruf war aber kein geradliniger. Sie wollten eigentlich Archivar werden. Wie sind sie dann doch im Lehrerzimmer gelandet?
Rauh: Während meines Studiums der Archivwissenschaften habe ich nebenbei in einer privaten Nachhilfeschule gearbeitet, um Geld dazu zu verdienen. Ich habe gemerkt, dass ich gut erklären kann und mir das Unterrichten Spaß macht. Daraufhin habe ich umgesattelt und auf Lehramt studiert.

Initiative »schul-gerecht«

Mit einem Zehn-Punkte-Plan will Robert Rauh das deutsche Schulsystem reformieren. Rauhs Initiative mit dem Titel »schul-gerecht« setzt sich u.a. für eine Entschlackung der Lehrpläne, kleinere Lerngruppen, eine Professionalisierung der Schulleitungen und bundesweit einheitliche Kerninhalte und Prüfungsanforderungen ein.

Lehrer aus Berufung also?
Nicht nur. Für meine Berufswahl war letztlich noch ein zweiter Gedanke entscheidend: Es kann doch nicht sein, dass der Nachhilfeunterricht, den ja die Eltern oder in sozialen Notfällen der Staat finanzieren müssen, vor allem das nachholt, was in der Schule offenbar versäumt wird. Ich fragte mich: Was läuft an den Schulen falsch?

Sie sind jetzt schon einige Jahre in dem Beruf. Haben Sie eine Antwort gefunden?
Ich habe gleich mehrere Antworten gefunden. Zum einen entstehen die Lernlücken, weil zu viel Unterricht ausfällt bzw. fachfremd vertreten wird. Zum anderen lässt die Stofffülle nur wenig Übungs- und Anwendungsphasen zu. Ungeachtet dessen mangelt es vielen Lehrkräften an der Fähigkeit, ihre Schüler für ihr Fach und letztendlich zum Lernen zu motivieren.

Glauben Sie, dass man es als Lehrer lernen kann, Schüler zum Lernen zu motivieren?
Ja.

Kann man es an den Universitäten lernen?
Nur bedingt. Die Universitäten vermitteln zwar das didaktische Handwerk, z.B. wie man eine Unterrichtseinheit aufbaut. Das ist aber zu wenig.

Woran fehlt's?
An einer Grundvoraussetzung für den Lehrerberuf: Empathiefähigkeit und kommunikative Kompetenz. Die hat nicht jeder Mensch. Und an den Universitäten spielt das nur eine geringe Rolle. Ein Problem ist, dass sie keine Voraussetzungen für die Aufnahme eines Lehrerstudiums sind.

Sie sind also für Eingangstests im Lehrerstudium?
Ja, unbedingt. Nichts ist schlimmer, als wenn man erst am Ende einer Ausbildung feststellt, dass man für den gewählten Beruf nicht oder nur bedingt geeignet ist. Das führt bei Lehrern zu Frustration und psychischen Beschwerden; letztendlich zu »Burn out« und Frühpensionierung. Und ungeeignete und demotivierte Pädagogen sollten auch den Schülern nicht zugemutet werden.

Warum tun sich die Universitäten so schwer damit, am Lehrerstudium etwas zu ändern?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen sind die Lehramtsstudiengänge nach wie vor an den Universitäten das fünfte Rad am Wagen; sie bringen hohe Studentenzahlen, sind aber in keinem eigenständigen Fachbereich organisiert. Zum anderen fehlt der Praxisbezug. Es gibt Universitäten, die im Rahmen des Bachelor-Studiums lediglich ein Orientierungspraktikum von zwei Wochen vorrangig zum Hospitieren anbieten. Und der Student verfasst anschließend einen Bericht. Wichtig wäre jedoch, dass er selbst vor einer Klasse steht und unterrichtet.

Die Lehrerausbildung ist zu theorielastig?
Ja, die Studenten lernen nicht, wie man ein Elterngespräch führt oder einen Wandertag organisiert, wie man mit Unterrichtsstörungen oder mit schwierigen sozialen Lagen der Schüler umgeht. Es fehlt in den Unis vor allem an Dozenten aus der Schulpraxis. Ein Referendar hat mir kürzlich von einem Didaktik-Professor berichtet, der das Lehrerreferendariat abgebrochen hat, jetzt aber Lehrer ausbildet.

Sie haben die durch die Auszeichnung zum Lehrer des Jahres gewonnene öffentliche Aufmerksamkeit genutzt, um eine Initiative mit dem vielsagenden Titel »schul-gerecht« zu starten (siehe unten stehenden Kasten). Keine der Forderungen ist neu. Was macht Sie so optimistisch, dass Sie mit Ihrer Initiative mehr erreichen können als all die zahlreichen Vorgänger?
Es gibt positive Rückmeldungen, auch aus der Politik. Ich bin da optimistisch. Bildungspolitik ist auch die Kunst, besonders dicke Bretter ausdauernd zu bohren. Problematisch ist in erster Linie, dass sich ein so kleines Land wie Deutschland 16 Bildungssysteme leistet. Außerdem stimmen die Rahmenbedingungen häufig nicht. So bleibt beispielsweise die vielfach erhobene Forderung nach einer individuellen Förderung in einer Klasse mit durchschnittlich 30 Schülern eine Wunschvorstellung.

Und in den Lehrerkollegien sind diese Bretter nochmal ein Stück dicker. Eine Umfrage unter angehenden Lehrern in Baden-Württemberg ergab einmal, dass sich die Hälfte der Befragten selbst als ungeeignet für den Beruf einschätzt. Würden Sie der These zustimmen, dass manche Ihrer Kollegen sich deshalb gegen Veränderungen sperren, weil sie Angst davor haben, dass ihre mangelnde pädagogische Eignung dadurch offenbar wird?
Nein, das sehe ich nicht so. Viele Kolleginnen und Kollegen wünschen sich Veränderungen. Im Übrigen auch eine qualifizierte Fort- und Weiterbildung. Aus der Berliner Situation weiß ich aber, dass die rasche Abfolge an politisch durchgesetzten Reformen in den vergangenen Jahren die meisten Pädagogen verunsichert und reformmüde gemacht hat.

Ein klein wenig sind die Lehrer für die Situation aber doch auch verantwortlich. Beispiele, wie ein anderer Unterricht aussehen kann, gibt es zuhauf. Fehlt den Lehrer die Bereitschaft dazuzulernen?
Teilweise. Denn dazu gehört auch, seine eigene Unterrichtstätigkeit in regelmäßigen Abständen zu hinterfragen. In meinem Beruf gibt es keine ausgeprägte Feedback-Kultur. Und Praktikanten oder Kollegen, die im Unterricht hospitieren wollen, wird häufig mit Argwohn begegnet.

Auch das ist ein Ausbildungsproblem. In anderen pädagogischen Berufen, z.B. bei Erzieherinnen oder Sozialpädagogen gehört eine solche Feedback-Kultur geradezu zum Berufsethos.
Ja, davon könnten sich Lehrer in der Tat eine Scheibe abschneiden.

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