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»Ich liebe Familiengeschichten«

Oliver Berben hat den ZDF-Film »Der Wagner-Clan« produziert - mit Mutter Iris als Komponistengattin Cosima

Wenn das deutsche Fernsehen zum Geschichtsmelodram bläst, ist Oliver Berben meist nicht weit. Jetzt hat der Produzent den »Wagner-Clan« nach dem Tod des Meisters Richard in TV-Form gegossen - mit Mama Iris als Cosima (ZDF, So., 20.15 Uhr). Das Interview über Mutterrollen, Dynastienfilme, Familiengeschichten - aber leider nicht über Berbens neuestes Projekt: »Anne Frank« - führte Jan Freitag.

nd: Herr Berben, Krupps, Adlon, jetzt der Wagner-Clan - Ihre großen Produktionen befassen sich gern mit deutschen Dynastien im Sog der Nazis. Ist das eine Art Steckenpferd?
Berben: Ja, was das Dynastische betrifft, nicht den NS-Bezug. Ich liebe Familiengeschichten, auch meine Gegenwartsfilme haben oft mit Familie zu tun. Menschliche Beziehungen jeder Art sind schließlich der wichtigste Bezugsrahmen fast aller Zuschauer und interessieren mich auch persönlich sehr.

Ist dieses Interesse aus der eigenen Biografie heraus entstanden?
Das hab ich mich auch schon gefragt. Ob ich lese oder Filme schaue, Familie spielt darin eine bedeutende Rolle. Vielleicht ja, weil ich aus einer sehr kleinen stamme, mir aber immer eine sehr große gewünscht habe.

Hinzu kommt das Kalkül, wie beliebt Familiengeschichten sind.
Als ich vor weit mehr als zehn Jahren »Die Patriarchin« gemacht habe …

... über die Hamburger Kaffeedynastie Darboven ...
… war mir das noch nicht bewusst. Aber auch da war mein Interesse an solchen Sippen größer als das berufliche Kalkül. Am Erfolg habe ich jedoch gemerkt, dass dieses Thema mehr Menschen bewegt als mich allein.

Weil der viel beklagte Werteverfall die Sehnsucht nach einer alten Ordnung wach hält?
Schon. Die Adelsgeschichten in der Regenbogenpresse interessieren mich gar nicht, stoßen aber auf ein irrsinniges Interesse. Verrückt, nicht wahr? Es gibt eben eine Hinwendung zu dem, was George Bush abfällig »Old Europe« genannt hat, eine Kraft gegen die umfassende Veränderung. Aber der Begriff von Familie ist in Deutschland auch wieder ein anderer als in Spanien, hier wünschen sich viele einen stärkeren Einfluss.

Andererseits beschreibt das Fernsehepos insgesamt ja mit genüsslicher Vorliebe den Aufstieg und Fall der Familie im Buddenbrookschen Sinne…
Aber tendenziell auch mit anschließendem Wiederaufstieg. Das Publikum sieht es mit einer gewissen Genugtuung, wenn die Großen fallen. Das macht die eigene Situation da unten etwas erträglicher. Weil es aber immer wieder aufwärts gehen kann, bedienen solche Geschichten auch den Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär und sorgen somit für Vorsicht und Hoffnung zugleich - man kann abstürzen und aufsteigen.

Aber verfolgen wir bei Großen wie Wagner was Neues oder doch nur aufwändig inszenierte Zeitgeschichte?
Zu seinem 200. Geburtstag wurde voriges Jahr so viel schriftlicher, akustischer und visueller Art über Wagner erzählt, dass mir der Mehrwert zunächst schleierhaft war. Mich hat daher weniger seine Person überzeugt als ein amerikanisches Buch von Jonathan Carr, mehr eine Reportage, mit dem Titel unseres Films: »Der Wagner-Clan«. Sie erzählt über einen sehr viel längeren Zeitraum die gesamte Familie, das fand ich spannend. Denn was nach Wagners Tod passierte, ist vielen völlig unbekannt.

Bekannt ist der Eifer von Wagners Schwiegertochter Winifred für Hitler. Suchen Sie diesen Thrill gezielt?
Natürlich übt die Gefahr, ins Revisionistische abgleiten zu können, den größeren Reiz aus, als nichts falsch machen zu können. Aber als Gero von Böhm mit dem ZDF auf mich zugekommen ist, ob ich nicht mal was über Wagner machen möchte, habe ich erst mal nein gesagt, weil in dem Thema so viele Fallstricke stecken. Es geht dabei wirklich um die zerstörerischen Aspekte von Wagners Werk, die dazu führen, dass auch das gesamte Umfeld letztlich selten in einem positiven Licht steht. Am Ende geht es mir aber doch um Unterhaltung, nicht um besondere Deutungen.

Um zu unterhalten, decken Sie davon unabhängig aber fast das ganze Spektrum ab - von Popcorn- und Spartenfernsehen über mal leichte, mal experimentelle Serien bis hin zum Musikkino mit Sido. Was ist da der rote Faden?
Mein Zugang. Wenn ich etwas inhaltlich nicht verstehe oder emotional nicht nachempfinde, sind Produktionen bloß Aufträge, also nichts für mich. Jeder meiner Filme hat mit mir zu tun.

Sie sind ein Fan-Produzent.
Gefällt mir, der Ausdruck. Ich bin jedenfalls kein Taktiker. Vor dem Bedürfnis nach Erfolg, das es ohne Zweifel gibt, steht bei mir die Überzeugung.

Ist das ein Rezept für gutes Fernsehen?
Wenn es ein Rezept gäbe, würden ja alle das gleiche kochen. Ich sehe es wie eine Waagschale: Solange die Seite, die mir, den Zuschauern und am besten auch noch der Kritik gefällt, tiefer hängt, bin ich zufrieden mit meiner Arbeit.

Gibt es denn wenigstens ein Rezept für großes historisches Eventfernsehen?
Ich mag den Begriff Event nicht, aber was unbedingt in die großen Geschichten rein sollte, ist eine besondere Idee, die sich dem Zuschauer in aller Kürze verständlich macht. Warum etwas zum Beispiel ein großer Zweiteiler wird, sollte sich schon zu Beginn erschließen. Was definitiv nicht hinein darf, sind dagegen Sättigungsbeilagen. Stars um ihrer Namen Willen etwa.

Außer es ist der Ihrer Mutter Iris. Zieht keiner in der Branche die Augenbrauen hoch, wenn Sie schon wieder Ihre Mutter topbesetzen?
Wissen Sie was? Das ist mir wurscht!

Wie oft haben Sie mit ihr gearbeitet?
Keine Ahnung, aber unter gut 100 Filmen vielleicht bei der Hälfte.

Was für ein Verhältnis war das dann - das zu einer Angestellten oder das zur Mutter?
Es war und ist so wie zu jenen, mit denen ich auch sonst oft arbeite wie Heino Ferch: schon eng, besonders in der Entwicklungsphase. Und wenn der Regisseur am Zug ist, halte ich mich ohnehin raus. Ich bin Produzent.

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