Von Marlene Göring

Streit unterm Regenbogen

Der CSD e.V. will sich neu ausrichten - seine Mitglieder rebellieren

Community übergangen, Mitglieder abgemahnt, Partner verprellt - und ein Vorstand, der sich bereichert? Der CSD e.V. kommt immer schärfer in die Kritik.

Er ist laut, bunt und mittlerweile eine Berliner Berühmtheit: der Christopher Street Day (CSD). Aber hinter dem, was da so farbenfroh einmal im Jahr durch die Hauptstadt zieht, offenbart sich zurzeit ein ziemlich grauer Sumpf. Oder besser eine Steinmauer: »Stonewall« soll die traditionelle Parade am internationalen Feiertag der LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Trans)-Gemeinde ab sofort heißen. Und es mauert der CSD e.V., wenn es darum geht, wieso er den beliebten Festzug in einer Mitgliederversammlung Ende Januar in Eigenregie umbenannte. Der Verein koordiniert die Festwoche rund um den CSD und richtet den Umzug aus. Bei der Namensgebung sehen sich nicht nur viele Mitglieder, sondern auch die LGBT-Szene übergangen.

Denn nicht der Name selbst ist dabei Stein des Anstoßes, sondern das Vorgehen des Vereins. »Wir haben eine Tischvorlage bekommen und konnten sie nur noch absegnen«, sagt Ulli Reichardt, Sprecher von QueerGrün, der schwul-lesbischen Arbeitsgruppe der Berliner Grünen. So wie sechs andere Vereinsmitglieder hat er sich der Stimme enthalten, darunter die Parteien und der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD). Reichardt irritiert das Kommunikationsverhalten der CSD-Führung - nicht nur in diesem Fall. Letztes Jahr hatten Auseinandersetzungen zwischen CSD-Geschäftsführer Robert Kastl und Berndt Schmidt, dem Intendanten des Friedrichstadtpalastes, dazu geführt, dass die jährliche Gala zum Christopher Street Day nun nicht mehr in dem Haus stattfinden wird. »Wir warten bis heute auf eine offizielle Stellungsnahme dazu«, beklagt Reichardt.

»Kastl hat überall verbrannte Erde hinterlassen«, meint Tom Schreiber, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Lesben und Schwule der Berliner SPD. Das Verhältnis zu den LGBT-Vertretungen der Parteien und vielen Behörden sei zerrüttet. »Es herrscht eine vergiftete Atmosphäre, die eine sachliche Diskussion unmöglich macht.« Mit der jetzigen Umbenennung habe der Vorstand außerdem Partner in der Wirtschaft verprellt, die sich auf die Marke CSD eingestellt hatten. Stattdessen ließ der Verein »Stonewall« als Wortmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt eintragen. Die Widerspruchsfrist läuft noch bis Anfang April. »Ich vermute, es wird Klagen geben«, sagt Schreiber. 2019 wird es deutschlandweit LGBT-Veranstaltungen geben. Dann jährt sich der Aufstand in der New Yorker Christopher Street, der später zum Sinnbild der Schwulenbewegung wurde, zum 60. Mal. Ausgangspunkt war damals die Bar »Stonewall Inn«, wo sich Homosexuelle einer Razzia der Polizei widersetzten.

Wie andere Kritiker vermutet auch Schreiber, dass finanzielle Interessen hinter der Markenanmeldung liegen. Die Markenrechte vertritt Vorstandsmitglied Sissy Kraus mit ihrer Anwaltskanzlei. Auch CSD-Geschäftsführer Kastl hat eine Doppelrolle: Seine Firma Publicom! erstellt das bundesweite Magazin zum CSD, das sich über Anzeigen finanziert. Ab diesem Jahr vermietet sie außerdem das CSD-Fenster: Videowände, von denen deutschlandweit auf jeder größeren CSD-Parade ein bis zwei stehen sollen. Ein Spot-Paket kostet Werbekunden zwischen 12 000 und 65 000 Euro. Bisher macht die Firma laut Kastl nur 100 000 Euro Umsatz im Jahr. »Da kommt immer mehr ans Tageslicht«, behauptet Schreiber. Er fordert eine lückenlose Offenlegung der personellen Verquickungen innerhalb des Vereins.

Henry Jaworek hat vom Verein bereits eine Abmahnung wegen Verstoß gegen das Markenrecht erhalten. Auch er ist Mitglied im CSD. Direkt nach dem Vereinsbeschluss hat er sich eine Facebook-Seite und mehrere Domains gesichert, die den Namen »Stonewall« enthalten. »Aus Protest«, sagt er. Auch Jaworek erhebt schwere Vorwürfe. Eine kleine Clique wolle sich an den Marken CSD und »Stonewall« bereichern. »Für die ist der CSD zur Gelddruckmaschine geworden.« Auch Jaworek zweifelt an der Rechtmäßigkeit der personellen Verbindung von Kanzlei, Publicom! und Verein - und an den Geschäftszahlen. 313 728 Euro Einnahmen hatte der Verein im Jahr 2013, davon 138 000 durch Sponsoring. Damit wirtschaftet er gerade kostendeckend. Zum Vergleich: Die Loveparade - als sie noch eine Demonstration war - hatte jedes Jahr mehrere Hunderttausend Mark an Überschüssen.

Jaworek will nun eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen und geht auch juristisch gegen die Abstimmung Ende Januar vor. In seinen Augen war sie nicht satzungskonform, weil auch Nicht-Mitglieder mit abgestimmt hätten. Im schlimmsten Fall könne sich auch ein neuer Verein gründen, sagt Jaworek. Interessenten gebe es.

Rückendeckung bekommt CSD-Chef Kastl unter anderem von Bodo Niendel, Referent für queer-Politik der Linksfraktion im Bundestag und ehemaliges CSD-Vorstandsmitglied. »Im Verein bereichert sich niemand, dafür lege ich meine Hand ins Feuer«, betont er. Im Gegenteil verdienten auch die mit Werksverträgen Beschäftigten wenig. Kastl selbst hat eine halbe Stelle und bekommt dafür laut Selbstauskunft 1750 Euro brutto monatlich.

Für den CSD-Geschäftsführer steht hinter der Diskussion politisches Kalkül. »Primär die Parteien regen sich auf«, sagt er. »Sie wollen uns reinregieren in das, was wir tun.« Sonst sei die Stimmung im Verein gut. »Die Stimmungsmache geht von denselben drei, vier Leuten aus, die schon in der Vergangenheit negativ aufgefallen sind.« Die Kritik am Markeneintrag von »Stonewall« sei durchsichtig - kommerzielle Interessen steckten dahinter. »Wir sollen die Arbeit machen, aber die Gewinne am CSD sollen privatisiert werden«; ärgert er sich. »Der Neid in der Community kommt von der Idee, hier würden Millionen fließen - das ist aber absurd«, sagt Kastl. Nach wie vor sei es für eine schwullesbische Organisation nicht einfach, Sponsoren zu finden. Auch sieht Kastl keinen Konflikt zwischen dem Verein und der Firma Publicom! »Ich habe sie stark eingedampft, als ich CSD-Geschäftsführer geworden bin.« Derzeit veröffentliche die Firma lediglich das Magazin zum CSD. Die Geschäftszahlen seien alle belegbar.

»Wir wollten unser neues Konzept als Überraschung vorstellen«, erklärt Kastl, wieso niemand über die Umbenennungspläne informiert wurde. Wie seine eigene Parade heiße, sei Sache des Vereins. Nicht nur der Name soll anders werden. Insgesamt hat sich der CSD e.V. neu orientiert, will politischer werden, mehr Aktionen auch im Rest des Jahres machen. Das Konzept will Kastl beim CSD Forum am Mittwoch vorstellen. Dort sind nicht nur Mitglieder, sondern alle eingeladen, denen der CSD am Herzen liegt. Die Fragen werden diesmal schärfer als sonst ausfallen.

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