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Honkas Säge, »Hamburger Acht« und ein bisschen Pädagogik

Das neue Polizeimuseum in Hamburg will mehr informieren als gruseln

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Hervorgegangen aus der Lehrmittelsammlung der Kriminalpolizei, setzt das neue Polizeimuseum nicht mehr so stark auf den Gruselfaktor, sondern auf einen »reflektierten Umgang mit der Polizeigeschichte«.
Honkas Säge, »Hamburger Acht« und ein bisschen Pädagogik

Carl-Cohn-Straße 39, Hamburg-Alsterdorf: Unter dem Dach des als »Block 3« bezeichneten grauen Dienstgebäudes befindet sich Hamburgs jüngstes Museum. 21 Räume auf 1400 Quadratmetern sind voll mit teilweise skurrilen Utensilien aus der Verbrechensgeschichte der Hansestadt. Zur Einstimmung flimmern im sogenannten Prolog-Raum Szenen aus der jüngeren Vergangenheit über mehrere Bildschirme. Zu sehen sind Reiterstaffeln, Impressionen von Demonstrationen, Festnahmen und eine Polizistin im Gespräch mit einem Gehandicapten, neben dem ein Blindenhund mit dem Schwanz wedelt - Bilder vom »Hamburger Kessel« aus dem Jahr 1986 sind nicht sehen. Immerhin: Der rechtswidrige Polizeisatz, bei dem 800 Demonstranten auf dem Heiligengeistfeld stundenlang festgehalten wurden, wird an anderer Stelle ausführlich geschildert.

Im großen Ausstellungsraum folgt ein Streifzug durch 200 Jahre Hamburger Polizeigeschichte, dargestellt »anhand repräsentativer Zeitschnitte«. Dabei zeigt sich, dass das Wirken der Hamburger Polizei stets eng mit dem jeweiligen politischen System verbunden war. »Als 1892 das Sozialistengesetz erlassen wurde, war es die Aufgabe der Polizei, die Gespräche von Arbeitern in den Kneipen zu bespitzeln«, erzählt Inse Leiner vom Ausstellungsdesigner Graphische Werkstätten Feldstraße.

Auch die Nazi-Zeit wird - nicht zuletzt dank kritischer Nachfragen der LINKEN-Fraktion - in der Schau ausführlich thematisiert. Einen breiten Raum nimmt die Schilderung der im Zweiten Weltkrieg vom Polizei-Bataillon 101 begangenen Gräueltaten im besetzten Polen ein. Es gab aber auch in Hamburg Polizisten, meist Sozialdemokraten, die sich dem Nazi-Terror verweigerten und deshalb aus dem Dienst entfernt wurden.

Wie die Polizei mit der Nazi-Zeit nach Kriegsende umging, lässt eine Kripomarke aus den Jahren 1945/46 erahnen: Das Hakenkreuz wurde einfach nur herausgekratzt. »Das Polizeimuseum Hamburg leistet einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Diskussion über die Ziele polizeilichen Handelns und übernimmt damit einen Anteil an historisch-politischer Bildungsarbeit«, heißt es im »Selbstverständnis« des Museums.

Nach dem Londoner Crime Museum und vor dem Pariser Musée de la Préfecture de Police war das Hamburger Kriminalmuseum eine der frühen Polizeisammlungen, die um die Jahrhundertwende in den europäischen Metropolen entstanden. Von den 5700 bisher registrierten Exponaten haben es nur wenige in die aktuelle Schau geschafft - darunter Gummiknüppel, Schilde, Helme und die als »Hamburger Acht« bezeichneten Handschellen.

Im Gegensatz zur Lehrmittelsammlung, die nur Polizeischüler und Feuerwehrleute zu sehen bekamen, ist die neue Schau öffentlich. Brachen zartbesaitete Gemüter einst beim Anblick von Fotos mit abgeschnittenen Brüsten, die in der Pfanne brutzelten, Kokainkügelchen im Menschendarm oder blutverschmierten Tatwerkzeugen häufig zusammen, so werden Interessierte heute beispielsweise in dem von der Designagentur Syneo gestalteten »Präventionsraum« darüber informiert, wie man sich zuverlässig vor Einbrechern schützen kann.

Ein bisschen Grusel gibt es zum Schluss dann doch - und zwar direkt unter dem Dach von »Block 3«, wo acht Hamburger Kriminalfälle ausführlich dargestellt werden. Zu bestaunen sind Originale wie das verbeulte Metallfass, in dem 1984 ein Lotto-Millionär im Osterbekkanal versenkt wurde, oder die im Fachjargon als »Fuchsschwanz« bezeichnete Säge, mit der der vierfache Frauenmörder Fritz Honka Mitte der 1970er-Jahre seine Opfer zerteilt hatte. Die zerstückelten Leichen wurden beim Löschen eines Wohnungsbrands zufällig in Honkas Mansardenwohnung im Stadtteil Altona entdeckt. Nur die Farbfotos aus Honkas Horrorkammer bekommt niemand mehr zu Gesicht.

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