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Achtfache Übersteiger im Vollsprint

Schalke 04 erleidet beim 1:6 gegen Real Madrid die höchste Niederlage der Vereinsgeschichte im Europapokal

  • Von Andreas Morbach
  • Lesedauer: 4 Min.

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Für den FC Schalke 04 wurde das »Wunschlos« zum Alptraum. Real Madrid machte mit einem halben Dutzend Tore schon im Hinspiel die Qualifikation für das Viertelfinale perfekt.

Sergio Ramos war Reals Schlusslicht beim Nachhausgehen. Aber der Innenverteidiger mit dem schicken Tattoo hinter dem linken Ohr fühlte sich einfach viel zu wohl in der Schalker Arena, um diese freundliche Stätte allzu rasch zu verlassen. Immer wieder kraulte der 27-jährige Andalusier genüsslich seinen dunkelblonden Vollbart, murmelte Komplimente an das eigene Team, allen voran an Torwart Iker Casillas, und zog grinsend den Bauch ein, als eine beflissene Uefa-Mitarbeiterin (»Er muss hier vorbei!«) seinen Mitspieler Luka Modric hinter ihm entschlossen durch den überfüllten Gang schob.

Irgendwann machte dann auch Strahlemann Ramos den Abmarsch, im Gepäck ein pralles 6:1 auf Schalke. Das 5:0 hatte, inmitten der Madrider Offensivlawine mit dem Oberkommando Cristiano Ronaldo, Gareth Bale und Karim Benzema (je zwei Tore), zur Abwechslung mal er, Abwehrchef Ramos, vorbereitet. Mit einem feinen Pass auf 91-Millionen-Euro-Mann Bale, der vorbei am bedauernswerten Keeper Ralf Fährmann ins Netz traf. In der vorletzten Minute machte Ronaldo das halbe Dutzend voll, in der letzten Minute platzierte Klaas-Jan Huntelaar (»Der Ball ist gekommen, und ich hab‘ volle Kanne draufgeknallt«) per Traumtor immerhin das königsblaue Trostpflaster.

Aber schon lange davor fragten sich die Augenzeugen des extrem einseitigen Abends: Wann gab es je ein derart spannungsarmes Achtelfinale in der Champions League? Denn nicht nur Real machte sein Rückspiel am 18. März zur netten Staffage, zuvor waren bereits Paris, Barcelona, Dortmund und die Bayern mit zum Teil klaren Auswärtssiegen schon bei Halbzeit mehr oder weniger ins Viertelfinale marschiert. Über die Gelsenkirchener fegte der Real-Sturm nun besonders heftig hinweg. »Leider sind uns Fehler über Fehler unterlaufen - und eine Mannschaft wie Real nutzt das gnadenlos aus«, erkannte ihr geknickter Trainer Jens Keller.

Dabei gelang den Königlichen erst der zweite Sieg auf deutschem Boden, bei stattlichen 26 Versuchen. Der erste Erfolg stammt aus dem Herbst 2000 in Leverkusen - und damit aus der Ära des Trainers Vicente del Bosque, der erfolgreichsten Phase in Reals jüngerer Vergangenheit, unter anderem mit dem zweifachen Triumph in Europas Eliteliga (2000 und 2002). Es waren Madrids bislang letzte Krönungsmessen in der Champions League - wobei der aktuelle Coach Carlo Ancelotti del Bosque in seiner uneitlen, verbindenden Art durchaus ähnelt.

Auch deshalb bekommt die Sehnsucht nach der »Decima«, dem zehnten Königsklassen-Titel, in Madrid gerade einen mächtigen Schub. Vergleiche zwischen der aktuellen Fußball-Weltmacht Bayern München und Real hatten rund um das Gastspiel des Ancelotti-Teams im Pott denn auch Hochkonjunktur. Jens Keller (»Real ist für mich nach dem FC Bayern momentan die zweitbeste Mannschaft der Welt«) hatte sein Urteil bereits drei Wochen zuvor bei Reals 3:0 im nationalen Pokal gegen den keineswegs niedlichen Stadtrivalen Atlético gefällt. Oranje-Stürmer Huntelaar zog nach seinem Live-Erlebnis nun nach: »Ich weiß nicht, ob die Bayern noch besser sind. Real jedenfalls war heute super.«

Horst Heldt (»Wir haben leider gegen eine Mannschaft gespielt, die zu den Favoriten gehört«) schloss sich dem Urteil des Angreifers inhaltlich an. Doch angesichts der Torflut historischen Ausmaßes (höchste Europapokal-Niederlage der Klubgeschichte), die über S04 gerade herein gebrochen war, wollte es der Manager nicht allein bei der Bewunderung für die Madrilenen belassen.

»Wenn die den Ball haben, geht die Post ab - mit fünf Mann im Vollsprint«, staunte Heldt zwar und zeigte sich zudem von Ronaldos »achtfachem Übersteiger« vor dem 3:0 beeindruckt. Doch der 44-Jährige gab auch zu bedenken: »Im Moment enteilen in Europa einige Mannschaften, die andere Voraussetzungen haben. Dabei weiß ich nicht, wie Real das geregelt bekommt, bei 500 Millionen Euro Verbindlichkeiten noch einen Spieler für 100 Millionen Euro zu holen. Und ich lese da wenig Kritik, was alles in Ordnung oder nicht in Ordnung ist.«

Für Real-Coach Ancelotti (»Eine perfekte Nacht«) und Doppel-Torschütze Bale (»Wir wollen alles gewinnen, aber die Champions League ist natürlich unser großes Ziel«) war die Welt jedenfalls voll in Ordnung. Horst Heldt dagegen äußerte für kommenden Samstag einen vergleichsweise bescheidenen Wunsch. »Ich hoffe«, sagte der Schalker Manager, »dass wir dann weniger Fehler produzieren.« Dann, im Auswärtsspiel beim FC Bayern.

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