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Ätzende Satire

Dmitri Schostakowitschs «Moskau Tscherjomuschki» in der Dresdner Semperoper

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Eine einzige bitterernste Stelle hat diese Komödie. Als die Einweihungsparty läuft und die Wodkapullen durch die Hände gehen, wird Fremdenführer Sascha von dem Arschloch Drebednjow bezichtigt: «Jude!». Großes Entsetzen. Ljusja, die Bauführerin (Christel Loetzsch), ruft kurzatmig zur Revolution gegen den Typ und solche Banditen wie den Hausverwalter Barabaschkin, der mit den Bedürfnissen der Neumieter zynisch spielt.

Da rückt plötzlich heutige Realität in den Budenzauber der Inszenierung von Christine Militz, da erscheint der Konflikt gefährlich zugespitzt. Denn solche dickkotzigen Funktionäre, wie sie Schostakowitsch mit seinen Librettisten V. Mass und M. Tscherwinski vorführt, sind nicht weniger halunkisch, selbstbedienerisch, antisemitisch als jene heutigen korrupten Amtsträger, Hausbesitzer, Manager, welche die «gesellschaftliche Mitte» bevölkern. Ja, das Stück kann man spielen, ja muss es spielen. Hier. Jetzt. Bloß nicht mit dem engen Blick auf russische, ukrainische etc. Gegebenheiten, sondern geradewegs geschaut in die vorgeblich so reichen, demokratischen, sicheren, stabilen deutschen Verhältnisse, die alles das nicht sind, sondern deren Maschinerien dies nur vorgeben.

Wovon spricht diese Operette? Sie thematisiert den scheinbar simplen Traum, eine eigene Wohnung zu haben. Eng sind die sowjetischen Städte noch in den 1950er Jahren. Zahllose Familien müssen in einem einzigen Zimmer hausen. Erst mit dem massenhaften Bau von Neubauwohnungen wächst deren Hoffnung, mit der eigenen Wohnungstür endlich das Glück aufzuschließen. Rangeleien schießen ins Kraut, Verteilungskonflikte. Neid reicht der Missgunst die Hand. «Moskau Tscherjomuschki» ist eine Reaktion darauf. Die Aufführung in der Semper 2, der Nebenspielstätte der Semperoper, entspricht dem Operettenhaften. Hundert Minuten Buntheit, schmissige Walzer, angejazzte Arien, Balletteinlagen, ein Reigen, gefüllt mit Anspielungen und Musikzitaten.

Eine Empore ist zusätzliche Spielfläche, Ort der Liebelei, des Tanzes, der Ausgelassenheit (Bühnenbild und Kostüme: Christian Rinke). Kleine und große Gaunereien entpuppen sich, nehmen ihren Lauf. Wawa (Christiane Hossfeld), Gattin des dicken Drebednjow (Matthias Henneberg), kommt so dumm und frech grellgelb daher, als würde sie im Fokus einer falschen Sonne stehen. Die geifernde Wawa will statt zwei vier Zimmer haben, ihr Oller aber erreicht das nicht.

Satire ist Schostakowitschs Sache seit der genialen Oper «Die Nase», die er mit 21 komponierte. Sie ist freilich ungleich ätzender als diese Operette, die durch die Militz-Lesart allerdings ungeheuere Fahrt erhält. Eine kaltschnäuzige Humoreske gibt der kriminelle Hausverwalter Barabaschkin (Michael Kranebitter). Eine Türstehertype, launiger, cooler Glatzkopf, die Arme tätowiert, der meint, die Schlüsselempfänger in seiner dreckigen Hand zu haben. Mann ganz von heute. Barabaschkin gehören die feistesten Ariosi und Parlandi. Diverse Paarbeziehungen, Partnerschaftskonflikte, Eifersüchteleien strukturieren den Ablauf.

Im Hintergrund laufen Filmbilder auf Videowand um die Wette (Video: Knut Geng). Das Sowjetimperium audiovisuell wie es leibt und lebt. Massenaufläufe in Sportstadien. Lenin und Stalin Seit’ an Seit’. Panzer und Raketenfahrzeuge auf dem Roten Platz. Kriegsszenen. Heldenverehrung. Industrialisierung. Großbauten des Kommunismus. Hauptsymbol: der rote Stern. Der fliegt in den närrischsten Erscheinungen durch die Inszenierung, verformt, verfärbt sich, schlägt Purzelbäume, zerplatzt, die Teile setzen sich flugs wieder zusammen. Handpuppen, die so etwas wie Ratten mit Hühnerkopp darstellen, singen krähfüßig und beißen Akteure in den Arsch.

In hoher Laune oft die ganze Bühne. Lebensgefühle der schwungvollsten Art figurieren. Kommunismus ohne Messer im Bauch und Lachen, Genießen, Tanzen, Erotik. Wo geht das noch zusammen? Genial die schwindelnde Fahrt der Mannschaft mit dem Umzugsauto durch die Straßen der neuen Stadt. So wodkatrunken wie konflikthaft die angedeutete Einweihungsparty. Die Traumsequenzen am Schluss mit dem Aufgebot zweier Balletteusen und einem Kostümfolklorismus, wie ihn die Tourismusindustrie nicht besser machen kann, ist Parodie auf diese Industrie.

Boris ist die wohl agilste Figur (Sebastian Wartig). Ausgemachter Macho, jedem Feminismus feindlich, tritt er auf als der Emanzipierteste unter seinesgleichen. Lange Zeit in der Ferne auf Montage, nun wieder daheim in Moskau, wähnt er sich im Stadtmilieu unwiderstehlich. Dauernd schaut er den Röcken hinterher. Das entzückt nicht eben die Damen der höheren Kultur. Stimmlich entspricht Boris haarklein dem Bild, das er äußerlich gibt. Seine Arien klingen wie die Farben seiner Seidenbluse. Fletscht er die Zähne und lächelt wie Elvis Presley, so kommt das den Streifen seiner Jacke und seinen arschengen Hosen nahe. Alle stimmlichen Register beherrscht der Mann.

Und Boris kann tanzen, lässig, federleicht. Was kostet die Welt, hergehört, jetzt komm’ ich. So betritt er die Szenerie und so beherrscht er nach und nach auch die Frau, die ihn nicht will, die er aber kriegen will: Lidotschka (Nadja Mchantaf). Eine Augenweide die Szene, wo beide im Tanz einander näher rücken und sich wieder entfernen. «Das »Tauwetter« der Chrustschows-Ära mag dem Dreiakter »Moskau Tscherjomuschki« den Stempel aufgedrückt haben, er führt indes über seine Zeit hinaus.

Nächste Vorstellungen: 4., 6. und 28.März.

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