Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Flucht aus dem Todeslager

Arte zeigt Marc Wieses Nordkorea-Dokumentarfilm »Camp 14 - Total Control Zone«

Nordkorea leugnet ihre Existenz. Aber Luftaufnahmen beweisen das Gegenteil. Es gibt Lager der Sicherheitsstufe »Total Control Zone«. Wer in so einem Lager lebt, bleibt bis zu seinem Tode eingesperrt - sofern ihm nicht die Flucht gelingt. Ungefähr 80 Kilometer von der Landeshauptstadt Pjöngjang entfernt, wurde Shin Dong-hyuk 1982 im Todeslager Camp 14 geboren, aus dem er mit 22 Jahren durch einen Zufall entkommen konnte. Außer ihm lebten dort damals auf 500 Quadratkilometern 40 000 weitere Gefangene, Zwangsarbeiter allesamt, die unter menschenfeindlichsten Bedingungen in Kohlenbergwerken, Fabriken oder Farmen schufteten. Shin floh nach Südkorea.

In dem preisgekrönten Arte-Dokumentarfilm »Camp 14 - Total Control Zone« kommt jedoch nicht nur der ehemalige Strafgefangene in 100 Minuten erschütternd zu Wort, sondern auch Ex-Täter wie der ebenfalls geflohene Lagerkommandant von Camp 22 oder ein ehemaliger Mitarbeiter des nordkoreanischen Geheimdienstes. Verständlicherweise gibt es kaum Filmaufnahmen vom Lagerleben. Statt Schilderungen szenisch unter langwierigen Proben nachzustellen, ließ der Filmautor Marc Wiese bewusst situationsbezogene Animationen zeichnen.

Als erste bleibende Kindheitserinnerungen nennt Shin Gewehrschüsse. Mit willkürlichen und angeordneten Erschießungen großgeworden, blieb ihm Mitgefühl fremd. Er empfindet er es als normal, wenn er wegen kleinster Fehler ausgehorcht, geschlagen, gefoltert oder unter Todesandrohung zur Denunziation anderer verpflichtet wird. So hinterbringt er gehorsam einem Lehrer, dass seine Mutter und sein jüngerer Bruder wahrscheinlich einen Fluchtplan aushecken. Bei der öffentlichen Exekution beider in der ersten Reihe stehend, empfindet er nach eigenen Aussagen nichts.

Bereitwillig zeigt Shin seine von Folter deformierten Arme und erzählt von scheußlichen Narben an den Beinen. Er schimpft aber sonderbarerweise nicht auf die Folterer, sondern bedauert nur, aus ästhetischen Gründen nie Shorts tragen zu können. Ebenso fragt er nicht, warum die Gefangenen nie Fleisch bekommen. Dass sie dafür nach Arbeitsschluss auf Rattenjagd gehen müssen, scheint ihm, der bis zu seiner Flucht nie etwas anderes erlebt hat, zum Lagerleben zu gehören. Als er sieben Monate wegen vermeintlicher Mittäterschaft ins Gefängnis gesteckt und fürchterlich misshandelt wird, nimmt er selbst dieses Unrecht als Teil des Lagerlebens hin.

Ähnlich formatiert von diesem mitleidslosen Systemleben, berichten Lagerkommandant und Geheimdienstler völlig unbewegt, wie sie Lagerinsassen auf Anordnung oder aus freien Stücken, »sprich Trainingsgründen«, gequält und getötet hätten. Oder sie erzählen von einem Wärter, der eine von ihm Geschwängerte vor aller Augen an einen Ast hängte, und langsam zu Tode prügelte. »Für jeden Toten«, so der Geheimdienstler, »gab es außerdem eine Extra-Portion Fleisch und Alkohol«.

Als Shin 2005 die Lagerflucht gelang, wollte er eigentlich erst mal nur von jenem Essen in der anderen Welt kosten, von dem man ihm erzählt hatte - besonders neugierig sei er auf Hühnchen gewesen. Die Berechtigung des Lagers stellt er bis heute nicht in Frage, lakonisch kommentiert er: »Es gibt in Südkorea, wo sich alles ums Geld dreht, mehr Selbstmorde als im Lager. Ich habe mir ein reines Herz bewahrt. Sollte ich eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea erleben, möchte ich in die Lagergegend zurück und dort etwas anbauen.«

Bemerkenswert, dass diese Doku in der Hauptsendezeit läuft. Wiederholungssendungen sind vorerst nicht geplant.

Dokumentation: Camp 14, Arte, 2015 Uhr, 5.3.14.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln