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Paralympics geraten in Schieflage

Der Aufschwung der Behindertensportler könnte in Sotschi einen Dämpfer bekommen

Am Freitag beginnen in Sotschi die Paralympischen Winterspiele. Sie werden vom Konflikt zwischen Gastgeber Russland und der Ukraine überschattet, doch IPC-Präsident Philip Craven will ihn lieber gar nicht erst ansprechen.

Am Dienstagmorgen verschickte das Internationale Paralympische Komitee eine Pressemitteilung. Darin lobt Philip Craven, Präsident des IPC, die freiwilligen Helfer in Sotschi, auch Logistik und Sportstätten: »Wir wollen für die Sportler die besten Winter-Paralympics aller Zeiten organisieren. Sie haben jahrelang trainiert, um hierher zu kommen.«

Am Freitag beginnen die Weltspiele der Behinderten, mit 600 Teilnehmern aus 45 Ländern. Sotschi ist weniger als 500 Kilometer von der ukrainischen Halbinsel Krim entfernt, wo sich durch die Intervention des russischen Militärs eine Destabilisierung Europas abzeichnet. Diese Völkerrechtsverletzung des paralympischen Gastgebers möchte auch Philip Craven nicht unerwähnt lassen: »Wir sind uns bewusst, was sich woanders abspielt, aber wir überlassen die Weltpolitik den Politikern. Die Sicherheit der Athleten und Offiziellen hat oberste Priorität.« Das Wort Ukraine wurde nicht einmal erwähnt.

Die Verdienste des Engländers Craven, der von der Königin 2005 zum Ritter geschlagen wurde, sind hoch, doch mit dieser Argumentation folgt er der beschämenden Haltung von Thomas Bach, dem deutschen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees. Bach hatte vor und während der Olympischen Spiele in Sotschi kein kritisches Wort zu Menschenrechtsverletzungen in Russland abgegeben, zu Enteignungen, Umweltschäden, der Ausgrenzung von Homosexuellen.

Mit dem militärischen Vorstoß Russlands erreicht die Entwicklung eine neue Stufe. Millionen äußern in der Ukraine ihre Angst vor einem Krieg. Und wenige Autostunden davon entfernt beschwört Craven die Kraft des Behindertensports: »Die ersten Paralympics in Russland sind schon jetzt eine große Errungenschaft und zeigen, dass sich Dinge zum Besseren wenden.«

Die Olympischen Sommerspiele 1980 fanden in Moskau statt. Die Sowjetunion weigerte sich damals, auch die Paralympics zu organisieren. Auch danach wurden jahrzehntelang in Russland Menschen mit Behinderung ausgegrenzt. Während der Vorbereitungen hat die Regierung nun ein milliardenschweres Programm aufgelegt, um Versorgung, Bildung und Transport von Behinderten zu verbessern. IPC-Präsident Craven beansprucht für die paralympische Bewegung nicht nur in Russland eine gesellschaftliche Kraft. Lange hat er damit richtig gelegen. Doch nach den beeindruckenden Paralympics in Vancouver 2010 und London 2012, mit wachsenden Umsätzen und Zuschauerzahlen, können die Spiele von Sotschi dieser paralympischen Bewegung viel Glaubwürdigkeit kosten.

Weder die USA noch Großbritannien oder die Niederlande werden mit Regierungsvertretern bei den Paralympics vertreten sein. Doch wie wertvoll ist ihr Fernbleiben, wenn ihre Sportler an den Wettkämpfen teilnehmen? An der Spitze des Internationalen Sports hat sich niemand mit klaren Worten zur Krimkrise geäußert. Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, sagt zumindest, dass die Vergabe an Sotschi eine falsche Entscheidung gewesen sei. Doch auch er möchte nicht, dass die 13 deutschen Athleten, die in Sotschi an den Start gehen werden, auf einen Höhepunkt ihrer Karriere verzichten sollen. Immerhin: »Es steht ihnen frei, sich in Sotschi zur Lage zu äußern. Unsere Sportler sind freie Bürger.«

Das Paralympische Komitee Russlands wurde 1995 gegründet. Sein Präsident ist Wladimir Lukin, ein Vertrauter Putins und Beauftragter für Menschenrechtsfragen. Lukin, der die Politik des Kremls verteidigt, stellt russischen Goldmedaillengewinnern eine Prämie von vier Millionen Rubel in Aussicht, 81 000 Euro. Angeblich sollen Tausende Russen mit Behinderung auf ihre sportlichen Fähigkeiten getestet worden sein, ähnlich war es vor den Sommerspielen 2008 in Peking gewesen. Die Paralympics sollen nach den Olympischen Spielen den zweiten Teil der russischen Eigenwerbung darstellen.

Und was hält Philip Craven davon? In einem Interview vor dem Konflikt in der Ukraine sagte er Mitte Januar: »Die westlichen Medien sollten einsehen, dass sie die Welt nicht nur aus ihrer Perspektive bewerten können. Sie sollten sich auf die Kultur anderer Ländern einlassen. Auch wenn wir gegen manche ihrer politischen Grundsätze sind: Wir müssen in diese Länder reisen und über heikle Themen sprechen.«

In der vergangenen Woche fanden in Moskau übrigens die Open Games statt, das erste schwullesbische Sportfestival. Teilnehmern wurde dabei der Zutritt zu Hotels verwehrt, in einer Halle zündeten Unbekannte eine Rauchbombe, in einer anderen wurde den Athleten der Strom abgestellt. In Russland, wo die Minderheit der Homosexuellen in Angst lebt, will die Minderheit der behinderten Menschen nun ein fröhliches Sportfest feiern. Ob Philip Craven bei der Eröffnungsfeier die passenden Worte finden wird, ist zu bezweifeln.

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