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Abgeschoben und Spaß dabei

Eine Broschüre soll Flüchtlingskindern die »freiwillige Rückkehr« schmackhaft machen

Bunte Bilder sollen Flüchtlingskindern in einer Broschüre des Bayerischen Roten Kreuz die »freiwillige Rückkehr« erklären. Flüchtlingsorganisationen kritisieren das als »verharmlosenden Quatsch«.

Ein Junge ahmt die Bewegungen eines Fliegers nach, über ihm kreist ein Flugzeug, im Hintergrund stehen der Vater und die Mutter gemeinsam mit seiner kleinen Schwester. Es ist eine glückliche Szene, in der nichts einen traurigen Anschein erweckt. Diese Illustration ziert das Titelblatt eines Bilderbuchs mit dem Titel »Rückkehr«, das kürzlich vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) - Kreisverband Nürnberg Stadt herausgeben worden ist.

Auf leicht verständliche Art soll die Publikation Kindern von Flüchtlingen in vier Sprachen die sogenannte freiwillige Rückkehr erklären. Dazu erzählt das Bilderbuch auf 26 Seiten eine Geschichte, die im Wohnzimmer der Familie beginnt. Nachdem der Vater seinen Kindern von dem »Land, aus dem wir kommen« erzählt hat, bereitet sich die Familie auf die Abreise vor. Der Sohn packt dafür seine Spielsachen in einen Rucksack, verabschiedet sich von seinen traurigen Mitschülern und unternimmt zum Abschied noch einen Ausflug mit Freunden.

Nach der Ankunft in ihrem vermeintlichen Heimatland folgt sogleich das glückliche Wiedersehen mit der Verwandtschaft. Anfangs ist für den Jungen zwar »alles anders als in Deutschland« und gelegentlich hat er auch Sehnsucht, doch seine Eltern trösten ihn und innerhalb kurzer Zeit findet er sogar neue Freunde zum Spielen. Im Bilderbuch nimmt die Geschichte also - trotz einiger negativer Aspekte - ein glückliches Ende.

Diese positive Darstellung sorgt inzwischen für kontroverse Diskussionen. Im sozialen Netzwerk Facebook reagierte Pro Asyl »fassungslos« auf das Buch. »Die Kinder landen nicht in der Situation, wie es geschildert wird«, bemängelt die Flüchtlingsorganisation. Die Broschüre bewertet sie als »makaber«. Alleine bei der »freiwilligen Rückkehr« handle es sich de facto um eine »erzwungene Freiwilligkeit«. Führt eine Ablehnung doch meist automatisch zu einer Abschiebung.

Auch die harmlose Darstellung der »Rückkehr« sieht die Organisation kritisch. »Die Kinder landen nach der Ankunft häufig im absoluten Elend und können nicht zur Schule«, merkt Pro Asyl an. »Ihre einzige Hoffnung ist, dass sie zurück nach Deutschland können.« Vor diesem Hintergrund wirke das Buch »verniedlichend«. »Der Comic war sicher nicht böse gemeint«, räumt die Organisation ein, »aber es wirkt trotzdem wie eine Bagatellisierung«.

Ähnlich sieht das auch Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat. »Diese Broschüre ist eine absolute Frechheit, ein verharmlosender Quatsch und eine Verharmlosung der Abschiebemaschinerie«, sagt er dem »nd«. Eine Rückkehr bedeute in der Realität - anders als im Bilderbuch - kein »heiles Familienidyll«. »Die Rückkehr ist ein traumatisches Erlebnis«, berichtet Thal aus seiner Erfahrung. »Die Kinder sind dort ganz oft isoliert, das ist die Hölle. Gerade für Kinder bedeutet dies das Ende ihres bisherigen Lebens.«

»Sehr verwundert« ist man über die Kritik hingegen beim BRK Nürnberg. Ulrike Sing, Abteilungsleiterin im Bereich Soziale Arbeit, sieht das Buch als »Handhabe für die Berater«. Bei der Arbeit in der »Zentralen Rückkehrberatung« habe sich gezeigt, dass häufig nur die Erwachsenen zu Wort kommen. »Da wollten wir was entwickeln, was uns ein Handwerkszeug gibt, um besser auf die Kinder einzugehen«, erklärt Sing. Die teils prekäre Lage für »zurückgekehrte« Flüchtlinge ist natürlich auch dem BRK bekannt. »An der politischen Situation kann das BRK aber nichts ändern«, sagt Sing im Gespräch mit »nd«, »doch wir können die Kinder stärken, damit sie mit der Situation umgehen können«. Mehr solle mit dem Buch nicht erreicht werden.

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