Totenschädel zur Adoption

In der italienischen Stadt Neapel hat ein Totenkult Seuchen, Kriege und die Moderne überlebt

  • Von Tom Mustroph, Neapel
  • Lesedauer: 4 Min.
Die alten Gräber in den Katakomben von Neapel bekommen bis heute viel Besuch. Besonders gläubige Gäste »adoptieren« sogar Gebeine.

Neapel hat eine besondere Beziehung zum Tod. Dafür sorgen schon der ewig mahnende Vulkankegel des Vesuv und auch die immer wieder aufflammenden Fehden der Camorra. Die Beziehung ist aber noch wesentlich vielschichtiger und offenbart vor allem im Untergrund überraschende Aspekte.

Wer durch die von den Römern angelegte und schnurgerade durch die Altstadt schneidende Via dei Tribunali geht, stößt unversehens auf ein paar blankgeputzte Totenschädel. Sie befinden sich vor dem Portal der Kirche Santa Maria delle Anime del Purgatorio ad Arco. Der Name - Purgatorium (Fegefeuer) - ist hier Programm. Nicht weil die Straße rings um die 1638 eingeweihte Barockkirche besonders gereinigt wäre - der obligatorische Müll findet sich auch direkt unter der opulenten Eingangstreppe wieder. Doch wer ins Innere tritt und dort von den freundlichen Mitarbeitern der gemeinnützigen Organisation, die die Kirche betreut, durch eine versteckte Treppe ins Untergeschoss des Sakralbaus geführt wird, dem eröffnet sich eine unheimlich wirkende Welt.

Schmale Nischen sind in die Wände eingelassen. In sie wurden frisch Verstorbene gebracht und so lange gelagert, bis die Körperflüssigkeiten ausgetreten waren und die Leichen leichter stapelbar in die tieferen Gefilde der Katakomben gebracht werden konnten. Eiserne Nägel, die in den Nischen aus der Wand ragen, sind noch heute sichtbares Zeugnis dafür, wie die Schädel befestigt wurden, damit sie beim Austrocknen des toten Gewebes nicht einfach herunterfielen. Diese Bestattungspraxis wurde in zahlreichen Kirchen Neapels bis ins frühe 19. Jahrhundert praktiziert. Erst eine Cholera-Epidemie 1836 führte zum Verbot der Bestattungen innerhalb der Kirchen der Stadt.

Was Purgatorio del Arco allerdings von anderen Kirchen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sich hier ein Kult herausbildete, der in der sorgsamen Pflege der meist nicht identifizierten Schädel bestand. Frauen putzten inständig die Schädel, bis sie glänzten, beteten für deren Seelenheil - und baten um Hilfe beim Finden ganz privaten Glücks: eines guten Ehemanns, gesunde Kinder oder einen Treffer im Lotto.

Hintergrund war ein bezaubernd einfacher Gedanke. Im Mittelalter kristallisierte sich das Fegefeuer als ein Reinigungsort für die Seelen Verstorbener heraus, von dem aus sie in den Himmel nur gelangen konnten, wenn jemand für sie betete. Weil gerade im 17. Jahrhundert, in den Gründungszeiten von Purgatorio del Arco, zahlreiche Pestepidemien und soziale Kämpfe viele Menschenleben kosteten und die Toten oft anonym bestattet wurden, war anzunehmen, dass niemand für sie das Beten übernahm. Fromme Frauen widmeten sich dieser Aufgabe zunächst ganz uneigennützig - bis sich herumsprach, dass einzelnen von ihnen im Traum die Toten erschienen waren und ihnen etwa die richtigen Lottozahlen sagten; Lotto wurde im 15. Jahrhundert von Mailänder Bankiers zur Finanzierung eines Krieges gegen Venedig ins Leben gerufen.

Manchen wurde auch ein sehnlicher Kinderwunsch erfüllt, andere verheirateten sich - oder die Tochter - vorteilhaft. Die Erklärung lautete immer wieder: In dem Moment, da die Seele, die zum jeweils angebeteten Totenschädel gehört hatte, aus dem Fegefeuer ins Himmelreich aufstieg, erlangte sie besondere Macht - und erfüllte aus Dankbarkeit die Wünsche derer, die für sie gebetet hatten.

In Gesellschaften, in denen Armut weit verbreitet, soziale Aufstiegschancen hingegen rar gesät waren, wirkte so eine Gelegenheit wie der einzige Joker. Die Praxis, Schädel »zu adoptieren«, verbreitete sich in Windeseile. Kleine Altäre wurden für besonders »erfolgreiche« Totenschädel gebaut und mit Danksagungen versehen.

Bis in die jüngste Zeit dauert diese Praxis an. Nicht mehr in Purgatorio del Arco. Aber in den antiken Katakomben, die den einstigen Großfriedhof Fontanelle im Innenstadtbezirk Sanità beherbergen, in dem die Knochen von mindestens 30 000 Menschen untergebracht sind. Dort sieht man Altäre, die in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurden. Bei manchem Schädel liegen Busfahrkarten der lokalen Verkehrsbetriebe - und selbst Eintrittskarten von Spielen des Fußballklubs SSC Neapel aus der aktuellen Spielzeit sind als Tribut bei den Knochen der Altvorderen abgelegt.

Padre Antonio Loffredo hat mit zahlreichen Jugendlichen aus dem Viertel Sanitá dafür gesorgt, dass sowohl die Beinstätte Fontanelle als auch die mit frühchristlichen Wandmalereien versehenen Katakomben San Gaudioso und San Gennaro als Kulturstätten für die Öffentlichkeit zugänglich wurden. Wenn es um die bis in die Gegenwart erhaltenen Adoptionspraktiken geht, entwickelt er erstaunliche Elastizität: »Als spiritueller Denker kommt es mir darauf an, dass die Menschen gute Beziehungen zueinander haben«, meint er. »Ob dies mit Lebenden oder mit Toten geschieht, ist dabei unwesentlich. Wenn die Leute gut mit den Toten umgehen, ist das schon eine gute Sache.«

So richtig gut gehen die Neapolitaner mit den Toten aber auch nicht um. Einzelne Schädel sind mit den Augenhöhlen zur Wand gedreht. Das seien Schädel, die »nicht funktioniert hätten«, also länger Wünsche nicht erfüllt hätten, ist von den Führern durch Neapels Unterwelten zu erfahren.

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