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Nie wieder?

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Rassismus und Sozialdarwinismus liegen nachweislich im Trend. Siehe Sarrazin und Kollegen. Und das, obwohl die Politik nicht müde wird, immer wieder an die faschistische Barbarei zu erinnern. Vielleicht liegt das auch daran, weil diese Gedenkkultur so abstrakt abgespult wird.

Als ich hörte, wie der Bundespräsident neulich in Griechenland um Verzeihung bat, da dachte ich mir, dass all diese Bekenntnisse immer gleich klingen. Es handelt sich schon lange nicht mehr um mutige Reden zum Thema, sondern um rhetorische Figuren, die einstudiert und festgefahren sind. Nach demselben Muster geraten auch die Erinnerungsveranstaltungen im Bundestag, die man jedes Jahr beobachten kann. Im Zuge des sich verschärfenden rassistischen und sozialdarwinistischen Klimas in diesem Lande, wirkt diese »Kultur des Nie wieder!« irgendwie aus der Zeit gefallen. Nach abgeschlossenem Festakt stülpt sich dieses Land dann wieder die Betroffenheit ab und geht zum natürlichen Tagwerk über, schmäht Arbeitsscheue, schimpft auf integrationsunwillige Ausländer und die dem Islam immanente Gewaltbereitschaft.

Roger Willemsen schreibt in seinem neuen Buch »Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament.« über eine Gedenkveranstaltung zur Vernichtungsaktion im Warschauer Ghetto, die letztes Jahr im Bundestag stattfand: »Die Anwesenden im Bundestag erheben sich. Norbert Lammert verneigt sich vor den Opfern und sagt: «Ihr Kampf um die Menschenwürde ist und bleibt ein Vermächtnis für die nachfolgenden Generationen.» Die Verneigung ist aufrichtig. Aber was für ein Vermächtnis soll das sein, wenn man den bestehenden Gefangenenlagern der «Verbündeten» gegenüber stumm bleibt?« Ich möchte dem hinzufügen: Was für ein Vermächtnis ist gemeint, wenn es mittlerweile wieder zum guten Ton dieses Landes gehört, seinen ungehobelten Rassismus als Wissenschaft verkaufen zu können oder unter Hinweis auf die Meinungsfreiheit die Menschenwürde bestimmter Gruppen in Frage stellen zu dürfen?

Ich denke hierbei natürlich an Sarrazin und seine Gefolgschaft, und an Leute wie Buschkowsky und Broder oder aktuell an Lewitscharoff. An Personen also, die mit eugenischen Taschenspielertricks aufwarten, von »Halbwesen« sprechen oder einfach nur hetzen und eigentlich so gut wie keine Gegenwehr erhalten - und sogar noch von der Öffentlichkeit belobigt werden, weil sie ja angeblich so mutig sind gegen den »linken Zeitgeist«, der versuche, »die Wahrheit« mundtot zu machen. Man muss das alles hier nicht weiter ausführen. Wir wissen leider mittlerweile viel zu gut, wie weit das Zündeln mit rassistischen Parolen und sozialdarwinistischen Losungen vorangeschritten ist. Es ist salonfähig geworden und man sich sich ihrer nicht mehr genieren.

Während sich die politische Kaste dieses Landes verneigt, in Gedenken übt und Ansprachen hält, die so klingen wie unzählige Ansprachen zuvor, als habe man bloß archivierte Reden abgestaubt und nochmals vorgetragen, kann man mit Positionen, die man durchaus als faschistische einordnen kann, wieder punkten in diesem Land. Das konnte man vielleicht immer in bestimmten Milieus. Aber dass das alles heute so relativ unkommentiert geschehen kann, spottet jedem Festtagsgedenken. Willemsen fragt ganz richtig: Welches Vermächtnis also? Oder ist es nicht sogar so, dass das institutionalisierte Erinnern an das Grauen und die Opfer des Nationalsozialismus eine Art Alltagsblindheit in unserer Gegenwart zeitigt?

Indem den Geschehnissen von damals als etwas gedacht wird, was sich vor längst vergangenen Zeiten ereignete, lassen wir es zur Abstraktion werden. Zu einem Gedächtnis an Ereignisse, die nicht wiederholbar scheinen, weil ja regelmäßig an sie erinnert wird. Diese Repetitio, die in Feierstunden das »Nie wieder!« betont, suggeriert, dass wir in einem Zustand des »Nie wieder!« angelangt sind. Die vermeintliche Gewissheit darüber macht das Andenken irgendwie seelenlos und schwammig, lässt das Vermächtnis, das in Sonntagsreden gerne zitiert wird, nur noch schwer mit dem Alltag unserer Gegenwart zusammenfinden. Gerade so, als habe der Rassismus der Nazis und der Rassismus heutiger Menschenfischer nichts miteinander zu tun.

Und so verbringen wir diesen Alltag in der grotesken Situation, so viel Gedenken zu haben, wie nie zuvor und trotzdem eine Zunahme jener Unwerte zu spüren, die einst auch diejenigen antrieb, gegen die sich heute dieses »Nie wieder!« richtet. Nun tut es Not, dieses berechtigte Andenken in die Gegenwart zu holen, um es als Auftrag an die aktuelle Gesellschaft begreiflich zu machen und im Alltag zu verinnerlichen. Geschieht das nicht, ist das Vermächtnis endgültig gescheitert.

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