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Menschen, aus Menschen zusammengesetzt

Die Performance »Dissolved -The Uncanny Valley« bringt Orte in Berlin und London im virtuellen Raum zusammen

Menschen sind nur die Bilder von Menschen, jedenfalls wenn man sich in die digitale Sphäre begibt. Dieses Phänomen macht sich eine Berlin-Londoner Koproduktion zwischen dem Performer-Zusammenhang um Florian Feigl, Christopher Hewitt und Jörn Burmester sowie den Pionieren des telematischen Theaters der Gruppe Station House Opera zunutze.

In der Kantine der Sophiensaele und in einem Londoner Galerieraum sind aus weißen Styroporplatten und sparsamem Mobiliar zwei jeweils identische Räume konstruiert. Eine Wand wird von einer Projektionsfläche eingenommen, auf die die live erzeugten Abbilder eben dieser beiden Räume deckungsgleich übereinander geworfen werden. Dieser Konstruktionscharakter wird vor allem dann deutlich, wenn einer der Berliner Performer den Raum betritt, sein Abbild und das seiner Umgebung mit minimaler Verzögerung auf die Leinwand geworfen werden - und sich dort ein Treffen mit einem Londoner Performer ereignet. Beide Schemen nehmen nun Beziehungen zueinander auf. Sie beobachten sich, umkreisen sich, flüchten voreinander.

Diese Spielereien erfahren einen Qualitätssprung, wenn ein Performer in den anderen »hineintritt«, also im jeweils anderen Raum an die Stelle tritt, in der sich sein Gegenpart bereits befindet. Im digitalen Überlagerungsraum verschmelzen beide Figuren. Führen sie die annähernd gleichen Bewegungen aus, bilden sich an den Überlagerungen der Gliedmaßen stärkere Konturen heraus, während an den Rändern so etwas wie eine Korona oder ein digitales Echo entsteht, das den Gemeinschaftskörper umspielt.

Am faszinierendsten sind diese Überlagerungsmomente an Gesichtern. Wenn zwei Performer mit ähnlichen biometrischen Daten, also den Abständen zwischen Augen, Mund und Nase, sich »ineinander« begeben, entsteht ein »drittes Gesicht« als Hybride dieser beiden. Florian Feigl, einer der Performer, sprach gegenüber »nd« von »Anflügen von Unheimlichkeit«, wenn diese Verschmelzung erfolgt. Die Performer können sich über Monitore selbst beobachten.

Einen weiteren interessanten Effekt stellten Gruppenarrangements von real anwesenden und lediglich virtuell präsenten Spielern auf der Projektionsleinwand dar. Man fühlte sich zuweilen an die Arrangements aus Blumen, Früchten und Tieren erinnert, mit denen der Renaissancemaler Arcimboldo menschliche Figuren kreierte. Nur sind hier das Material zur Skulpturenbildung selbst Menschen.

Die Apparatur von »Dissolved« ist auch außerhalb der Vorstellungen als Installation zu sehen und zu erproben. Einige Termine sind an Berlin-Londoner Teilgruppen zu Begegnung in den digitalen Sphären vergeben.

Einziges Manko dieses avantgardistischen Projekts war, dass die erzählten Geschichten sehr rudimentär waren und die Aufführung kaum über die Präsentation der freilich faszinierenden - und weitgehend aus Baumarkt-Elementen komponierten - Technologie hinausging.

Aber immerhin: Der Schritt in ein telematisches Performancezeitalter ist nun offensichtlich auch in Berlin vollzogen.

Nächste Vorstellungen: 20. bis 22.3., 20.30 Uhr, Sophiensaele

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