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Aus Hoppegarten in die Welt

Das Institut für Journalistik bildet seit 50 Jahren Mediennachwuchs für Entwicklungsländer aus

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Still wirkt das dreistöckige Gebäude in Hoppegarten bei Berlin. Irgendwie verlassen. Nur ein unscheinbares Metallschild weist auf das Internationale Institut für Journalistik Berlin-Brandenburg hin.

Müsste hier nicht Trubel herrschen, geprägt vom Temperament junger Leute aus Afrika und Asien? Zumindest ab und an, in regelmäßigen Abständen. Das war einmal. Am Institut für Journalistik in Hoppegarten, einem Vorort östlich von Berlin, gibt es seit längerem keine Seminar- und Übungsräume mehr. Lediglich ein paar Büros. Das Haus wurde verkauft; das Institut »wohnt« zur Miete in den einst eigenen Gemäuern. »Unsere sämtlichen finanziellen Mittel sollen der Aus- und Weiterbildung von Journalisten in Entwicklungsländern dienen«, sagt Institutsdirektor Dr. Rüdiger Claus. Auch deshalb wurde das Konzept verändert. Heutzutage reisen die Dozenten zu ihren Schülern. Vor 1990 war es meist umgekehrt.

Hilfe mit Wissen und Technik

Einst arbeiteten in dem Projekt um die 50 Mitarbeiter. Das war in der DDR, als sich das Institut noch - bis 1980 - »Schule der Solidarität« nannte und beim Journalistenverband der DDR angesiedelt war. Von ihm erbte das Institut eine zweistellige DM-Millionensumme, gespeist aus einem Solidaritätsfonds. Er bestand aus Lotteriemitteln und Spenden, die von DDR-Medien zusammengetragen worden waren, nicht zuletzt beim alljährlichen Basar mit tausenden Besuchern auf dem Berliner Alexanderplatz.

Treuhand und Parteienkommission stellten Ende 1991 fest, dass das Vermögen nach »materiell-recht-staatlichen Grundsätzen« erworben wurde. »Das war die zweite Geburt unseres Institutes«, so Claus. Heutzutage zählt der Trägerverein noch 15 Mitglieder, von denen vier in Projekten des Instituts arbeiten. Hinzu kommen Trainer und Gastlektoren von verschiedenen Berliner Medien oder Organisationen.

In den letzten Wochen regierte im Institut der Papierkram und damit Routine. Es musste erledigt werden, wozu man übers Jahr kaum kommt - Internetseite aktualisieren, Lehrpläne überarbeiten, Programme und Broschüren erstellen, Kurse für 2014 vorbereiten, dabei Erfahrungen der zurückliegenden Monate bewerten und einfließen lassen.

Die Palette der Themen ist breit gefächert. In Uganda beispielsweise hat Rüdiger Claus - nach sieben Jahren mit Kursen in Nepal - 2013 mehrere Seminare über Bildbearbeitung und -gestaltung abgehalten. Dabei fiel ihm auf, dass Fotoreporter und Redakteur dort oft aneinander vorbei arbeiten. »Was braucht man auf dem Foto mehr von dem Mann zu sehen als das im Text beschriebene Entsetzen, das sich in seinem Gesicht widerspiegelt? Wozu muss man Arme, Beine, Füße sehen, die mit dem Thema gar nichts zu tun haben?« - solche Argumente bekam Claus zu hören.

Bei den Schulungen vor Ort ergeben sich immer wieder andere Zum Beispiel: Fragen und damit neue Ansätze. Wie vermarktet man ein Foto? Das ist wichtig für afrikanische Pressefotografen, erzählt Rüdiger Claus. Sie führen ein hartes Leben, um zu überleben. Für das Titelfoto in einer Zeitung bekommt man zehn bis zwölf Dollar. Das gelingt vier- bis fünfmal im Monat. Bilder auf den Innenseiten werden mit einem bis drei Dollar honoriert. Auch wenn man es in diesen Ländern mit einem anderen Preisgefüge zu tun hat - viel Geld ist das nicht. Und für eine gute Fotoausrüstung zahlt man so viel wie in Deutschland. Deshalb kauft man aus zweiter Hand - und muss mit dem Risiko leben, eine Wundertüte oder eine schrottreife Kamera erworben zu haben. »Wir bringen bei jedem Flug Festplatten, Speicherkarten, Kartenleser und Regenbedeckungen für Kameras mit«, sagt Claus.

Jedes Land stellt andere Anforderungen an die Kurse. In Uganda etwa gibt es keine Fotoschule. Die meisten Reporter sind sich als Autodidakten. Das reicht aber nicht, wenn man die Möglichkeiten einer digitalen Spiegelreflex-Kamera ausreizen möchte. Die Lehrstunden sollen den Lernenden helfen, mit dem Bild Geschichten zu erzählen. »Es muss etwas Brauchbares für die Praxis herauskommen« - das ist das wichtigste Ziel des Institutes. Das große Verlagshaus »New Vision Publications« in Ugandas Hauptstadt Kampala erklärte sich inzwischen bereit, in bessere Ausrüstung zu investieren. Und will schrittweise eigene Ausbildungskapazitäten aufbauen. »Da kämen wir mit unseren Angeboten gerade recht«, erfuhr Rüdiger Claus aus der Chefetage. »Nach einem fünf Jahre geltenden Vertrag haben wir 2012 entsprechende Kurse begonnen.«

Angelika Schulze bildet in Nepal indes bereits einigermaßen erfahrene Radiojournalisten aus. Sie sollen befähigt werden, den Rundfunk-Nachwuchs selbst zu schulen. Vor allem in den Provinzen. Diese Form der Kurse hat mit dem Land selbst zu tun. Wenn man von Kathmandu nach Pokhara fliegt, bekommt man bei Bodensicht eine Vorstellung von einigen Problemen des Landes. Man sieht einen Bergrücken. Oben steht ein reichliches Dutzend Häuser. Die Einheimischen nutzen die kleine Fläche rings um den Gipfel, um Gemüse anzubauen, mit dem sie dann auf einem verschlungenen Pfad steil hinunter in die Täler kraxeln, um es zu verkaufen. Und auf dem nächsten Berg befindet sich ein weiteres Dörfchen. Da haben es Zeitungen schwer. Wer soll sie mit welchem Aufwand verteilen?

Deshalb spielen die 300 nepalesischen Bürgerradios eine besondere Rolle. Sie werden von den Gemeinden finanziert. Aber auch von Sponsoren, einfach so, ohne irgendein Werbeziel. Die Bewohner betreiben die Stationen selbst und befassen sich vornehmlich mit ihren unmittelbaren Problemen. Jede Station in einer anderen heimatlichen Sprachversion. Das macht die Verständigung mit Lehrern in Englisch unmöglich. »Deshalb sind wir darangegangen, einheimische Trainer auszubilden, die weitergeben, was sie bei uns gelernt haben«, erläutert die erfahrene Radioreporterin. Da geht es zunächst um Grundlagen und Methodik: Wie schreibt man Nachrichten, wie führt man Interviews und Rundtischgespräche, worauf kommt es bei Livesendungen an …

Schüler mit Tarnnamen

Solidarität kostet Geld. Das wurde mit den Jahren knapp und knapper. Aber es fanden sich auch immer wieder Sponsoren. Dazu gehören jene deutschen Stiftungen, die nach Rosa Luxemburg, Heinrich Böll und Konrad Adenauer benannt sind. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland konnten Bild- und Hörfunkjournalisten aus jenen Entwicklungsländern einladen werden, die sich qualifiziert hatten, wie Togo und Costa Rica, dazu Reporter aus Südafrika als Veranstalter der WM 2010. Das Auswärtige Amt steuerte 30 000 Euro für die Kurse bei.

Das Institut in Hoppegarten schaut auf eine 50-jährige Geschichte zurück. Mindestens 3700 Journalisten aus 93 Ländern wurden in 415 Kursen aus- oder fortgebildet. Die tatsächliche Zahl der Schüler dürfte weitaus größer sein. Nicht alle wurden am Institut registriert, weil sie als Gäste der DDR-Medien - der Nachrichtenagentur ADN, des Rundfunks und Fernsehens und von Zeitungen - in deren Statistiken geführt wurden. Unter den Schülern befanden sich nicht wenige Kämpfer aus Befreiungsbewegungen: dem ANC aus Südafrika, der SWAPO aus Namibia, aus Mocambique und Angola. »Manche haben uns erst Jahre später bei einem Besuch offenbart, dass es sie eigentlich hier nie gab, weil sie mit Tarnnamen eingereist waren, damit sie nicht identifiziert werden konnten.«

Nach der Wende 1989/90 änderte sich auch im Institut für Journalistik vieles. »Wir begannen, die Lehrpläne zu entrümpeln, akademische Vorträge auszumerzen, dafür praxisnah all das zu üben, was der journalistische Beruf erfordert«, erinnert sich Rüdiger Claus. Niemand musste wissen, welche chemischen Prozesse ablaufen, wenn ein Film entwickelt wird. Man habe allerdings auch in den Jahren zuvor keineswegs missioniert, sondern versucht, einen Bedarf an praktisch Anwendbarem zu befriedigen. Viele afrikanische Länder hatten seinerzeit Vorstellungen eines sozialistischen Weges. »Unsere Studenten kamen mit solchen Gedanken hierher und wollten einiges an theoretischen Grundlagen mit nach Hause nehmen.«

Neuer Einsatz in Uganda

Zur Entrümpelung gehörte auch, die bis dahin für die Kurse benutzte Villa in Berlin-Friedrichshagen zu einen offenen Haus für die Bürger zu machen. Das Objekt war bis dahin eingezäunt, man musste durch eine Schranke, vorbei an einem Wachmann. Wurden hier Terroristen ausgebildet, mit Sprengstoff umzugehen? Solche Gerüchte gingen immer mal wieder um. »Nichts dergleichen gab es dort«, sagt Rüdiger Claus. »Dieses Haus zu einer Art Käfig zu machen, das war schon damals Unfug.«

Letzte Woche hat sich wieder eine Trainergruppe des Instituts auf den Weg nach Uganda gemacht. Drei Ausbilder - für Bild- und Online-Journalismus sowie für Hörfunk. Wie in Nepal wird Angelika Schulze auch einheimische Journalisten für die sieben Stationen der »New Vision Group« ausbilden. Als Hilfe zur Selbsthilfe. Und das soll fortgeführt werden - auf welche Weise und in welchem Umfang, das bleibt vorerst offen. Den am Anfang und am Ende jeder guten Sache steht immer die Frage nach dem Geld.

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