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Der Peymannschaftsgeist

Wiens Burg, die neue Intendantin Karin Bergmann und Gedanken an ächzende Provinzen

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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In der Filmgeschichte bedeutete Rückkehr oft eine Heraufbeschwörung des Unheimlichen als einer ewigen Gegenwart. Gegen alle Illusion von verbesserungsfähiger Welt. »Die Rückkehr des Golem«, »Die Rückkehr der Zombies«, »Alien - Die Rückkehr«. Keine gute Perspektive. Hitchcock plante sogar »Die Rückkehr der Vögel«.

Auch der Zustand unserer realen Welt gemahnt ans Unheimliche, das aus den Tiefen der Geschichte immer wieder auf neue Weise über uns kommt. Kalte und heiße Kriege. Oder Annexionen, die sich Befreiung nennen. Oder Freiheitskämpfer, deren Reden das tragen, was auch ihre Körper tragen: Tarnanzüge. Oder Völkerrecht, das wie Korn durch Definitionsmühlen gedreht wird, bis es in jedem östlichen, westlichen Fahnenwind mitstäuben kann. Hofmannsthal: »Ach, du, ausgerechnet du allein sagst die Wahrheit? Nein, auch du, wie alle auf ihre Weise, wiederholst lediglich, womit man dich irgendwann geimpft hat. So bist du geistig, was du immer warst. Ödes Theater.«

Theater? Öde Welt! Daher schnell hinüber nach Wien, wo alles wirklich nur Theater ist. Und wo es jetzt zu einer ungewohnt sanften Rückkehr kommt: quasi des Peymannschaftsgeistes in Person von Karin Bergmann. Und zwar an der Burg, jener Bühne Europas, von welcher der Wiener Alt-Kardinal König sagte: »Es gibt zwei Häuser hier, die kann man nicht regieren, den Stephansdom und das Burgtheater.« Immer reizt das Unregierbare: Der Mensch sucht Gott und findet ihn gern in sich selbst.

Karin Bergmann nun fühlt sich alles andere »als eine Höherberufene - aber ich möchte helfen.« Bergmann (60), aus der Pension geholt, ist ab sofort die Interimschefin des Theaters, sie wird die Burg zwei Spielzeiten führen. Das große Haus (ein 60-Millionen-Betrieb mit 400 Angestellten) in der größten seiner Krisen. Ex-Intendant Matthias Hartmann: entlassen wegen »verletzter Sorgfaltspflichten«. Er trägt den Kopf gern erhoben, so sah er wohl nicht, wie sich über acht Millionen Euro Schulden anhäuften. Warf seine Haushalterin hinaus. Der übliche Sündenbocksgesang. Hartmann verdiente im Jahr mehr als Österreichs Bundeskanzler - nun klagt er auch noch Gehälter seiner nicht mehr stattfindenden Zukunft ein, fühlt sich als verletzter Olympier, beteiligt sich aber gleichzeitig am neuen Breitensport: der Selbstanzeige wegen Steuerschulden. Weltkomödie Österreich!

So hießen zwei dicke Bücher nach Claus Peymanns Ära von 1986 bis 1999. Die frechste, frischste, fanalheftigste, funkenschlagendste Epoche der modernen Burg. Mit Karin Bergmann kehrt seine einstige Pressesprecherin zurück, sie ist souverän, beliebt, einfühlsam - und vorsichtig. Verschwendet vor allem nicht hybrid ihr Ich (wie ihr Vorgänger). Regisseure wie Haußmann, Henkel, Kriegenburg, Ostermeier, Fritsch will sie holen, Dramaturgie bedeutet ihr viel, die Spiele-Strategie also.

Und dabei hilft ihr (ehrenamtlich!) Peymanns ewiger Co-Direktor Hermann Beil, jener sanfte Wiener, der in der Stadt das schöne Schicksal totaler Verklärung genießt, und der an der Burg, im Schlag-Schatten von Feuerkopf Peymann, tolle Schlachten für und mit Thomas-Bernhard schlug. Der ja selbst einmal Direktor werden sollte und sich das so vorstellte: »Ich bin Frühaufsteher, ich gehe morgens um fünf ins Burgtheater, und wenn um zehn die ganzen Idioten kommen, gehe ich wieder nach Hause, aber alle Entscheidungen sind gefallen.«

Karin Bergmann ist die Tochter einer Bergarbeiterfamilie. Wühlerin in die Tiefe und zugleich ins Freie. Ihre Aufgabe führt sie an Peymanns Anfänge in Wien zurück - der kommentierte 1986 seinen Start: »Das alte Burgtheater war eine Leichenhalle! Und Leichenhallen müssen nicht geschützt werden. Eine Geldverprassungsmaschine. Ein Saustall. Jetzt gibt es keine Verfettungen, keine Privilegienwirtschaft mehr.«

Aufräumarbeit an einem europäischen Spitzenhaus. Und die Gedanken gehen nach Dessau oder Neustrelitz oder Wuppertal. Hier zweifelhafter Burg-Frieden mit Millionen, in den ächzenden Provinzen gleichsam Kriege um Cents.

Die Kunst in Existenzkämpfen. Matthias Hartmann als letztes, endlich Umkehr erzwingendes Fallbeispiel wider den großbürgerlichen Grobianismus der Überteuerungsgeilheit. Theater soll spielig sein - aber tatsächlich immer derart kostspielig? Auf der Bühne Gier-Anklage, hinter den Kulissen Absahnsucht? In Palästen Selbstbedienung wie bei Lidl - nur dass dort eine Kasse steht.

Matthias Hartmann wird in wenigen Tagen möglicherweise, obwohl er Hausverbot hat, sein eigenes Stück am Akademietheater der Burg aufführen. Es heißt sinnigerweise: »Der falsche Film.« Der ist jetzt abgelaufen.

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