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Der Schwarm und seine Eigenheit

Digitalisierung - eine vorläufige Bilanz

  • Von Detlef Kannapin
  • Lesedauer: 7 Min.

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Vor etwa zwanzig, fünfundzwanzig Jahren sah die ideologische Struktur der audiovisuellen Medien in ihren Grundelementen so aus: Es fand erstens eine ausschließlich lineare Informationsübertragung vom Sender zu den Empfängern statt. Zweitens gab es eine räumlich und zeitlich unüberbrückbare Distanz von Sender und Empfänger. Drittens waren mediale Inhalte Produkte in ästhetisierten Formen, denn ohne Attraktivitätseffekte wären reine Informationen als Abstrakta kaum massetauglich. Und viertens transportierten audiovisuelle Medien Ausschnitte der sozialen Wirklichkeit - die verantwortlichen Medienproduzenten, Redakteure und Journalisten entschieden über die Relevanz von Nachricht, Berichterstattung und Botschaft. Zu dieser Zeit existierten noch Rudimente sozialistischer Medien, die aber in Auflösung begriffen waren. Die dominierenden kapitalistische Medienkomplexe, deren Wachstum unbegrenzt schien, vervollkommneten sich.

Der technologische Fortschritt des Computerzeitalters hat über Digitalisierung und Internet seitdem neben den traditionellen Medien eine neue informationelle Infrastruktur der digitalen Medien entstehen lassen. In dieser Parallelwelt zweier Medienformen sind die traditionellen Medien fast bruchlos weiter von den genannten ideologischen Grundelementen geprägt, während sie in den digitalen Medien modifiziert zur Geltung kommen. Das Präteritum gehört also ins Präsens zurückübersetzt, zumal das Leitmedium ja immer noch das Fernsehen ist.

Rechnergestützte Vereinfachungen der Informationsübermittlung haben vor allem für eine zeitliche Straffung des Medienprozesses gesorgt. Die Distanzierung zwischen Codierung und Decodierung von Informationen fällt nun deutlich schwerer. Nach wie vor ist man aber darauf verwiesen, die Medieninhalte auf ihren Wahrheitswert zu prüfen (die Agenturmeldung kann genauso ideologisch sein wie der Blogeintrag), und zu den fatalsten Folgen der Euphorisierung der digitalen Lage zählt die Missachtung der theoretischen und empirischen Konsequenzen einer allein schon aus Gründen des exorbitant gestiegenen Informationsumfangs unreflektierten Mediennutzung. Entscheidend ist, beurteilen zu können, was einen aus der Medienwelt anzugehen hat und was nicht.

Zur vorläufigen Bilanzierung der Digitalisierung sind zunächst drei Autoritäten heranzuziehen, die diese gar nicht erlebt und die uns trotzdem einiges dazu zu sagen haben: aus ethischer Sicht der Publizist Saul Ascher, aus medientheoretischer Sicht der Soziologe Paul F. Lazarsfeld und aus praktisch-politischer Sicht der Kybernetiker Georg Klaus. Ich referiere und enthalte mich einer Einschätzung, denn ich denke, dass die Aussagen für sich sprechen.

Saul Ascher (1767-1822) schrieb 1818 eine Adresse an den preußischen König mit der Überschrift »Idee einer Preßfreiheit und Zensurordnung«. Darin heißt es: »Es kommt alles auf die Form an, wie es gesagt wird. Die Wahrheit, schlicht und dürre vorgetragen, wird für den, den sie von der schwachen Seite trifft, nie solchen Nachteil bewirken und nie so tief verwunden, als wenn sie mit hämischen Ausfällen, beleidigenden Floskeln und satyrischen Seitenhieben ausgestattet wird. Und die Lüge, Sophisterei und Verleumdung wird es nie der Mühe wert halten, sich hervorzudrängen, wenn sie nicht schadenfroh, stechend oder vergiftend sich äußern kann. Es gibt daher jetzt für die Regierung keinen anderen Ausweg, wenn sie eine begrenzte Preßfreiheit üben lassen will, als Form und Materie der schriftstellerischen Arbeiten zu trennen. Über die Form mögen die Zensoren wachen, nicht über den Inhalt. Sage ein jeder im Staate über jeden Zweig der Verwaltung und deren Handhaber, was er Tadelnswertes daran findet, sage er es aber nach der vorgeschriebenen Form. Spreche er wie ein Mann die Wahrheit, einfach, ungeschmückt, bescheiden und ernst. Was bedarf es mehr, wenn es darauf ankommt, etwas Gutes und Heilsames zu bewirken?« Man muss also außerhalb des digitalen Mediensektors nach den Ursachen für die Vergriffenheit in Ton und Form suchen.

Der Soziologe Paul F. Lazarsfeld (1901-1976) schrieb 1941 den Aufsatz »Bemerkungen über administrative und kritische Kommunikationsforschung«. Darin beobachtete er, dass die wesentlichen Verhältnisse der Massenmedien nicht innerhalb der Medien selbst zu studieren sind, sondern am Zustand der Literatur, des Bildungs- und Ausbildungssystems, des kulturellen Entwicklungsstandes und der aktuellen Situation der sozialen Kämpfe sichtbar werden. Oskar Negt kommentierte 1973 diesen Text mit den Worten: »Das Zentrum einer kritischen Medientheorie bilden nicht die Medien.« Nie wäre dem Lazarsfeld von 1941 eingefallen, den Unsinn zu glauben, das Medium sei die Botschaft. Sozialistische Medienkundige wie Peter Hacks haben sich das gemerkt. Wo das Mittel nämlich die Botschaft selbst sei, verzichtet man darauf, nach dem Absender zu fragen. Das bedeutet für die digitalen Medien: Das Zentrum einer notwendig zu entwickelnden kritischen Netzwerktheorie bilden nicht die Netze, Algorithmen oder Datenverkehrswege.

In seiner letzten Abhandlung »Rationalität - Integration - Information« formulierte der Kybernetiker Georg Klaus (1912-1974) dies: »Meiner Meinung nach wird es in Zukunft überhaupt keine Sachbücher mehr geben. Auch in der Sammlung von belletristischen Werken wird man sich auf wertvolle, bibliophile Ausgaben beschränken. Die Orientierung für künftige Wohnungsbauer kann also nicht heißen: Für jede Familie eine Privatbibliothek, sondern: Jeder Familie einen Anschluß an ein umfassendes Informations-, Bildungs- und Unterhaltungssystem. Die technische Lösung eines solchen Problems ist nur eine Frage der Zeit und der finanziellen Mittel. Ich darf jedoch hier schon darauf hinweisen, daß ein solches System das Problem der Verantwortung und der weiteren Entfaltung unserer Demokratie stark in den Vordergrund rückt. Denn erstens bedarf ein solches System einer permanenten Rückkopplung, beispielsweise um die Wünsche und den Entwicklungsstand der Verbraucher zu ermitteln, es bedarf aber auch der ständigen Mitarbeit der Werktätigen an der Programmgestaltung. Mit Sicherheit läßt sich feststellen, daß ein Informations- und Unterhaltungssystem großen Stils im Kapitalismus unweigerlich zu einer für die Massen schädlichen Manipulation führt.« Das war 1974 und in der DDR. Lapidare und glasklare Sätze. Man kann die Digitalisierung nicht bilanzieren, ohne von Manipulation zu reden.

Bedauerlicherweise findet exakt eine solche Wendung, die auf die gesellschaftlichen Grundlagen der digitalen Medien zielt, trotz aller Litaneien über Gefahren der Super-Data-Highways, von Ausspähung, Kommunikationsüberwachung und Verlust der Privatsphäre oder Netzneutralität eigentlich nicht statt. In ethischer Perspektive verläuft sich der Ärger über die Missachtung zivilisatorischer Regeln in der Empörung über empörende Empörer. In medientheoretischer Hinsicht gilt den Kanälen und der Schaltung alles, der damit transportierten Ideologie im Produkt nichts. Im praktisch-politischen Bereich scheut man den Begriff der Manipulation wie weiland den des Kommunismus unter Hinweis darauf, dass der inzwischen zum Co-Produzenten umdefinierte kulturindustrielle Konsument ja interaktiv mitmacht.

Völlig vergessen erscheinen frühe Warnungen wie die von Joseph Weizenbaum, wonach der Computer Probleme lösen soll, die ohne ihn gar nicht da wären. Auch zeitgenössische Warnungen wie jene des Romanautors Daniel Suarez, dessen technische Schriften in ihren Science-Fiction-Plots die sehr realen Möglichkeiten der kompletten sozialen Handlungsunfähigkeit durch technologischen Rationalismus thematisieren, werden kaum wahrgenommen. Die Aufregungen kreisen bei Leuten wie Mercedes Bunz und Jewgeni Morozov, bei Frank Schirrmacher und Ilija Trojanow etc. höchstens um die Auswüchse der Digitalisierung, die angeblich durch die Restitution bürgerlicher Rechte wieder eingerenkt werden könnten.

Mitnichten. Die Wirkung der Manipulation ist gerade dann am treffsichersten, wenn sie überhaupt nicht mehr begriffen wird. So ist das Kritischste, was momentan gegenüber der Digitalisierung in Anschlag gebracht wird, entweder kulturkonservativ verbrämt, wie bei Byung-Chul Han, oder anarchistisch absurd, wie bei Hans-Christian Dany.

Han erläutert in seinem Essay »Im Schwarm. Ansichten des Digitalen« einzelne phänotypische Aspekte des High-Tech-Kapitalismus von der Präsenz in Permanenz bis hin zur Ausweitung der Ausbeutung mit bildschirmfixierter Dauerarbeit, ohne sich die Frage zu stellen, wie das, was er Transparenz- und Überwachungsgesellschaft nennt, mit den Veränderungen der Verwertungsanforderungen für das weltweit operierende Kapital zu tun hat. Umgekehrt erkennt Dany in seinem Buch »Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft« viele Fehlentwicklungen der kybernetischen Steuerung, die unter kapitalistischen Bedingungen den Prozess der Selbstoptimierung durch Datenanpassung bedingen, um zu dem wirklich seltsamen Schluss zu kommen, seinen Verstand ruhen zu lassen und besser geistig arm seinen Seelenfrieden zu finden.

So irrational der Status der Schwarmintelligenz aussieht, so irrationalistisch gebärden sich ihre Befreier. Vorläufig ist zu konstatieren, dass sich durch Digitalisierung und Internet nicht ein einziges repressives oder ideologisches Herrschaftsmittel überlebt hat. Im Gegenteil: Es gilt nicht nur mehr denn je das Hacks-Wort, dass, wer Medien habe, keine Zensur mehr brauche, sondern es bewahrheitet sich auch der alte Hegel-Satz, wonach einer Idiot heißt, insofern Eigenheit in ihm ist. Denn seine digitale Bedeutung erlangt er dadurch, dass dem Schwarm zugeschrieben wird, was der Gesellschaft nicht gelingen will: vernunftgemäße Emanzipation.

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