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Der ärmste Sohn der getreueste

Der »Burgfrieden« von Sozialdemokratie und Gewerkschaften 1914

  • Von Von Arno Klönne
  • Lesedauer: 7 Min.

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Am 25. Juli 1914 rief der Vorstand der deutschen Sozialdemokratie zu Demonstrationen auf: »Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die Euch im Frieden knebeln, verachten, ausnutzen, wollen Euch als Kanonenfutter mißbrauchen. Überall muß den Gewalthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Krieg! Hoch die Internationale Völkerverbrüderung!« Hunderttausende folgten der Aufforderung, artikulierten auf Straßen und Plätzen ihren Protest gegen den drohenden Krieg.

Am 4. August gab indes die sozialdemokratische Reichstagsfraktion ihre Zustimmung zu den Kriegskrediten. Sie erklärte: »Nicht für oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der für die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel ... Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich.« Nun rückten Hunderttausende junge Sozialdemokraten »ins Feld«. Der jungsozialistische Arbeiterdichter Karl Bröger rühmte den »ärmsten Sohn« Deutschlands als den »getreuesten«.

Nicht die Arbeiterbewegung war es, die damals zum Krieg trieb, und in der Arbeiterbevölkerung grassierte nicht der Wahn von einem Krieg als »reinigendem Gewitter«, wie bei den meisten deutschen Bildungsbürgern. Aber der »Burgfrieden«, den Sozialdemokratie und Gewerkschaften im August 1914 mit dem deutschen Obrigkeitsstaat und dem Militär schlossen, war eine Voraussetzung für die Kriegsfähigkeit des Deutschen Reiches; an der »Heimatfront« war damit erst einmal Geschlossenheit hergestellt. Für die deutsche und die internationale Arbeiterbewegung ergab sich daraus ein folgenreicher Geschichtsbruch.

Bis zum Ersten Weltkrieg war die deutsche Arbeiterbewegung parteipolitisch nicht gespalten. Die SPD hatte einen historisch einzigartigen Aufstieg hinter sich. Das Bismarcksche »Sozialistengesetz« zu ihrer Unterdrückung war wirkungslos geblieben. Die Partei zählte über eine Million Mitglieder und an die 4,3 Millionen Wähler (Frauen hatten damals noch kein Wahlrecht). Mit 35 Prozent der Stimmen bei der Reichstagswahl 1912 war die SPD mit Abstand die stärkste parteipolitische Kraft. Sie verfügte über eine Fülle von Bildungseinrichtungen und eigene Medien. Mit der Partei verband sich ein Netzwerk von Kultur- und Sportverbänden, auch von Jugendvereinen. Das alles war ohne Subventionen aus »öffentlicher Hand«, aus eigener finanzieller Kraft geschafft, im ständigen Konflikt mit staatlichen Gesetzen und behördlichen Schikanen. Der Partei politisch verbunden waren die Freien Gewerkschaften und Genossenschaften, ebenfalls mit Millionen von Mitgliedern.

Ein »Gegenstaat« sei da herangewachsen, meinten Bewunderer wie auch Feinde der Arbeiterbewegung. Die deutsche Sozialdemokratie war die organisatorisch stärkste und erfolgreichste Mitgliedspartei der Sozialistischen Internationale, sie genoss größtes Ansehen in der Arbeiterbewegung anderer europäischer Länder. Das feudal-kapitalistische Wilhelminische Kaiserreich, so schien es, war bald reif für eine Wende hin zu Demokratie und Sozialismus.

Diese Erfolgsgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung kam an ihr Ende, als die Sozialdemokratie im August 1914 dem Krieg Kredit gab. Denn der »Burgfrieden« bedeutete die Aussetzung des Konflikts mit den Machteliten, die von der Sozialdemokratie bis dahin als Klassengegner angesehen wurden, bedeutete Verständigung mit den kaiserlichen Staatspolitikern, den hohen Militärs und den Großindustriellen. Auch die Vorstände der Gewerkschaften entschieden sich für die »Kriegspartnerschaft«. Lohnkämpfe und Streiks sollten unterbleiben, dafür gewerkschaftliche Vertreter in die Administration der »Wehr«-Wirtschaft einbezogen werden. Kapital und Arbeit sollten nun verbündet für den militärischen Erfolg des Deutschen Reiches wirken.

Das hatte zwei epochale Folgen: Erstens war es die Vorrausetzung für die erste »totale Mobilmachung« in der Weltgeschichte, für das »Menschenschlachthaus« (Wilhelm Lamszus) in der Moderne und garantierte zudem das Funktionieren der deutschen Kriegsmaschinerie über vier lange Jahre. Zweitens musste damit die politische Spaltung der Arbeiterbewegung zwangsläufig kommen: die Trennung in eine sozialdemokratische und eine kommunistische Linie. Die Entwicklung in Deutschland ab 1914 war auch ausschlaggebend für die Entzweiung in der internationalen Arbeiterbewegung. Und auch die russische Revolution 1917 im Zarenreich verdankte sich in gewisser Weise des »Burgfriedens« im Deutschen Reich mit. Zugleich erhielt durch die Spaltung und innere Verfeindung der Arbeiterbewegung der Faschismus in Deutschland die Chance, an die Macht zu gelangen und den Zweiten Weltkrieg zu entfesseln.

Der Kredit, den im August 1914 die sozialdemokratischen und freigewerkschaftlichen Vorstände dem Krieg gaben, rief jedoch schon bald Opposition in der Arbeiterbewegung hervor, von der Reichstagsfraktion der Partei bis zur Basis der Gewerkschaften. Als erster Parlamentsabgeordneter verweigerte sich Karl Liebknecht den weiteren Finanzzusagen für die Kriegsführung; er blieb nicht der einzige Abweichler in der Fraktion. Ab 1916 kam in den Betrieben und in der Arbeiterbevölkerung ein Massenprotest auf gegen die Fortsetzung des militärischen Treibens und gegen den Staat, der dieses immer brutaler organisierte.

In der Auseinandersetzung mit der Mehrheits-Sozialdemokratie entstand 1917 die kriegsgegnerische Unabhängige Sozialdemokratische Partei. Die Spartacus-Gruppe und andere linke Organisationen wirkten auf einen Bruch mit dem staatlichen System hin, das den Charakter einer Militärdiktatur angenommen hatte.

Im November 1918 war es zu Ende mit dem deutschen Obrigkeitsstaat und dem Krieg, die militärische Niederlage ließ sich nicht mehr verhüllen, und in der deutschen Gesellschaft war die revolutionäre Bewegung nicht mehr zu unterdrücken.

Die Mehrheits-Sozialdemokratie schwenkte nun um auf eine Politik des Friedensschlusses und der Parlamentarisierung des politischen Systems. Friedrich Ebert empfing dennoch die rückkehrenden Soldaten mit dem gefährlichen Satz, sie seien »im Felde unbesiegt«. Im Konflikt mit dieser Sozialdemokratie entwickelte sich eine kommunistische Massenpartei.

Es wäre jedoch zu einfach, die Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion 1914 dem persönlichen »Verrat« von Partei- und Gewerkschaftsführern zuzuschreiben. Die nationalmilitärische Folgebereitschaft in der Sozialdemokratie hatte durchaus systematische Gründe, und zwar in der Ideenwelt nicht nur von Partei- und Gewerkschaftsvorständlern. Die großangelegte »vaterländische Wehrerziehung« im deutschen Nationalstaat, der 1871 durch den Krieg gegen und den Sieg über Frankreich, durch »Blut und Eisen« entstanden war, hatte auch Einfluss auf das Bewusstsein von Teilen der Arbeiterbevölkerung gewonnen. Der industrielle und weltwirtschaftliche Aufstieg des Wilhelminischen Reiches, so glaubten viele, habe Neid und aggressive Absichten anderer Nationen geweckt, gegen die Deutschland sich verteidigen müsse. Speziell in der Sozialdemokratie verbanden sich solcherart »patriotische« Gefühle mit der Vorstellung, eine kriegerische Auseinandersetzung mit dem zaristischen Russland als »Ausgeburt des Reaktionären« sei allemal gerechtfertigt.

Der organisatorische Erfolg der deutschen Sozialdemokratie vor 1914 hatte angesichts des beginnenden Krieges eine Kehrseite: Nicht wenige der zahlreichen Funktionäre in Partei und Gewerkschaften, gerade auch der hauptamtlichen, hatten sich angewöhnt, ihre Organisation und deren ungestörtes Funktionieren als Selbstzweck zu empfinden. Widerständige Aktivitäten und spontaner Protest erschienen ihnen als Verhaltensweisen, die nur Probleme bereiten, den geregelten Umgang mit den Behörden destruieren und die Obrigkeiten unnötigerweise provozieren würden. »Sozialpartnerschaft an der Heimatfront« hingegen, so ihre Einschätzung, werde den Organisationen der Arbeiterbewegung Vorteile bringen: Anerkennung bei Staat und Industrie, Beteiligungsrechte in der wirtschaftlichen und sozialen Adminis-tration. Es fehlte nicht an publizistischen Überhöhungen dieses Kalküls: Die planerischen Strukturen der Militärökonomie wurden von manchen sozialdemokratischen Intellektuellen als »Kriegssozialismus« gefeiert, als »deutscher Weg zum kollektiv organisierten Wirtschaftsleben«.

Der »Burgfrieden« speiste sich zudem aus der teils offen, teils verdeckt geäußerten Auffassung, in der Konkurrenz der Nationen um einen »Platz an der Sonne« könne die Arbeiterklasse im eigenen Interesse nicht abseits stehen. »Es wäre falsch, wenn man meinte, der gegenwärtige Krieg sei eine Sache, die nur die besitzenden Klassen angehe ... Es kann dem deutschen Proletarier nicht gleichgültig sein, welchen Ausgang dieser Kampf nimmt, ob er für Deutschland günstig oder ungünstig verläuft.« Dies war 1916 in der Zeitung der Metallarbeitergewerkschaft zu lesen, und dieser Standpunkt war keineswegs randständig.

Auch auf der linken Seite der Sozialdemokratie, bei den »Marxisten«, war eine Einschätzung weit verbreitet, die den Antimilitarismus anderweitig hemmte: Kriege wurden gedeutet als »Lokomotiven der Weltgeschichte«, als gesellschaftliche Prozesse, aus denen revolutionäre Veränderungen hervorgehen und Fortschritte hin zum Sozialismus möglich würden. Daraus ergab sich die Distanz zum Pazifismus, eine parteiübergreifende Friedensbewegung kam nicht zustande.

Aus all diesen Gründen waren Sozialdemokratie und Gewerkschaften 1914 nicht fähig, sich der Kriegspolitik wirksam entgegen zu stellen. Was sie vor dem Ersten Weltkrieg war, wurde die deutsche Arbeiterbewegung nie wieder. Die historisch fatale Weichenstellung ließ sich nicht mehr revidieren.

Unser Autor, emeritierter Professor der Universität Paderborn, forscht und publiziert vor allem zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Militarismus und Faschismus. In der Reihe bereits erschienen: »Ich begehr, nicht schuld zu sein« von Kurt Pätzold (11.1.), »Als Pinsel und Feder glühten« von Reiner Oschmann (22.2.) und »Wenn die Männer töten, müssen die Frauen um das Leben kämpfen« von Marga Voigt (8.3.).

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