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Kosmisches Rauschen im Neandertal

Kathrin Zinkant über Wellen in der Raumzeit und was Einkaufen bei Lidl mit der Urknallforschung zu tun haben könnte

  • Von Kathrin Zinkant
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wenn so ein Higgsteilchen oder, wie vor wenigen Tagen, das Echo des Urknalls entdeckt wird, reagieren die Menschen ja recht verschieden: Die einen bejubeln den Durchbruch, weil er ihre Vorstellung von der Welt bestätigt. Im Fall des Urknalls geht es um unsere Welt als Ganzes, das Universum, das dem derzeitigen Verständnis der Physik zufolge durch einen großen Rumms aus dem Nichts entstand und sich dabei binnen einer Billionstel Billionstel Billionstel Sekunde zum Kosmos aufblähte. Die mathematische Rekonstruktion dieses Ereignisses sagt ein Echo voraus, einen Nachhall des Geburtsschreis sozusagen. Es sind Wellen in der Raumzeit, die sich zwar der direkten Beobachtung entziehen, weil ein Auf und Ab dieses Schwappens mindestens eine Million Jahre beansprucht. Dafür hinterlässt es aber Spuren im Hintergrundrauschen des Universums, die nachweisbar sein sollten und jetzt auch gefunden wurden.

So ungefähr, jedenfalls. Sämtliche Metaphern von Schwappen bis Geburtsschrei helfen ja nur bedingt, die Unzugänglichkeit zugehöriger Theoriegebäude zu übertünchen. Und damit tritt die Mehrheit der Anderen auf den Plan, deren Verständnis der Welt weniger mathematischer als praktischer Natur ist und die das mit dem Urknallbeweis bisweilen zwar faszinierend finden, aber dann die in ihrem Weltmodell naheliegenden Sinnfragen stellen: Was bedeutet das? Ist es überhaupt bedeutend? Was bringt diese Erkenntnis für die Zukunft der Menschheit? Kann ich demnächst etwas Nützliches bei Lidl kaufen, was auf diese Erkenntnisse zurückgeht? Die Antworten in entsprechender Reihenfolge lauten: Einstein hatte recht. Kommt auf den Standpunkt an. Weiß keiner. Mit ziemlicher Sicherheit nicht - abgesehen vielleicht von Bildungs-DVDs über den Urknall für 1,99 Euro.

Die Konsolidierung von Weltbildern ist eben schwer. Dabei sind das Einzige, was man der Physik vorwerfen kann, die Milliarden, die für Teleskope, Beschleuniger und Raumsonden pulverisiert werden, um Dinge nachzuweisen, die kaum jemand nachzuvollziehen in der Lage ist. Mit der Geld-Moralkeule kommt man aber schon deshalb nicht weit, weil dieses Geld die grundlegenden Probleme dieser Welt kaum lösen würde und in anderer Dimension auch für weitere Forschungen gilt, deren Erkenntnisse ähnlich konstruiert sind und ebenfalls einen komplexen, schwer nachzuvollziehenden Ursprung beschreiben, zum Beispiel den der Menschheit selbst.

Aber Paläoanthropologie ist doch relativ wohlgelitten, was zum Teil am praktischen Bezug liegen mag - wie viel Neandertaler steckt in meinem Mann und erklärt sein Verhalten? - zum größeren Teil wohl aber an der Fähigkeit der Menschen, sich in andere Lebewesen hineinzuversetzen, und zwar umso besser, je ähnlicher sie ihnen sind. Und obwohl Urmenschen aller Art für Krim-Krise und Welthunger auch nicht relevanter sind, kann die Gravitationswelle da eben weniger punkten als der Neandertaler. Wobei: Die grafische Darstellung ihres Echos im kosmischen Rauschen, die jetzt in vielen Zeitungen zu sehen war, erinnert schon ein bisschen an die bunten Bilder aus der Hirnforschung. Und das ist zwar weit hergeholt, aber vielleicht trotzdem hilfreich: Letztlich ist es das menschliche Gehirn, das die Konstruktionen dieser Welt zusammenführt, weil sie allesamt dort entstehen. Und nur dort.

Damit kommen wir zum eigentlichen Kern: Was macht den Menschen zu dem, was er ist? Die Frage beschäftigt nach wie vor viele kluge Leute.

Für den israelischen Historiker Yuval Harari gab die kognitive Revolution den Ausschlag: Die Fähigkeit des Menschen, über Dinge nachzudenken und zu kommunizieren, die man weder essen, noch anfassen, noch irgendwie sinnlich wahrnehmen kann. Ideen, Pläne, Vermutungen, Projektionen. Komm, hinterm Meer liegt vielleicht noch mehr Land, wir erfinden das Boot und nennen den Kontinent Australien!

Dem heute dort forschenden Kognitionspsychologen Thomas Suddendorf fällt noch einiges mehr ein. Vielleicht am wichtigsten: Der Mensch ist ein Zeitreisender. Nur er kann über die Erfahrungen der individuellen Lebensspanne hinaus denken, und zwar sowohl vor als auch zurück. Diese Zeitreisen, ob bis an den Anfang der Zeit schlechthin oder nur bis zum Anfang der Gattung Homo, machen unsere Art nicht immer besser. Aber sie machen uns zu Menschen.

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