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Steine kommunizieren lassen

Hermann Illgen, weltbester Malefizspieler, verrät Strategien und ein paar taktische Tricks

»Malefiz« ist ein spannendes Laufspiel, das aus dem simplen Mensch-ärgere-dich-nicht-Prinzip ein Hindernisrennen mit gewissen Anklängen zu Backgammon macht. Die aktuelle Nummer eins der Weltrangliste ist Hermann Illgen, 48, aus dem oberbayerischen Hohenschäftlarn. Bei dem hauptberuflichen Dachdeckermeister holt sich nd-Autor René Gralla ein paar Tipps für die Vorbereitung auf die diesjährige Malefiz-WM, die als offenes Turnier Ende Mai im bayerischen Wangen ausgetragen wird.

nd: Kann man im Würfelspiel Malefiz ernsthaft um Sieg und Platz kämpfen?
Illgen: Früher dachte ich auch, das ist bloß ein Kinderspiel. Aber in unserem Schützenverein, dem ich ebenfalls angehöre - mit der Luftpistole habe ich bereits viele Stadtmeisterschaften und Landesmeisterschaften gewonnen - , hat jemand mal ein Malefiz-Brett ausgegraben. Und plötzlich merkte ich, dass man ganz schön aufpassen muss, wenn man wirklich vorne mitspielen will. Der Erfolg hängt nicht bloß vom Würfelglück ab, sondern vom besseren strategischen Plan.

Und wie sieht der aus?
Sie müssen Ihre Steinchen schön zusammenhalten, das ist das A und O.

Aha. Sie lassen Ihre Figuren wohl in einer geschlossenen Gruppe operieren, wie die berühmte Schildkröte der römischen Legionäre?
Das ist keine schlechte Idee, und ein paar Spieler bevorzugen besagte Variante tatsächlich. Die marschieren mit ihren fünf Steinchen voran, aber leider funktioniert das meistens nicht perfekt. Weil sie vom Gegner regelmäßig dessen Figuren mitten zwischen die eigenen Leute reingesetzt bekommen, und dann geht der Ärger los. Eine Gruppe wirklich sauber zusammenzuhalten, das ist fürchterlich viel Arbeit. Wichtiger ist es, dass Ihre Steine auf dem Brett stets miteinander kommunizieren.

Die Kegel »kommunizieren« im Malefiz? Wie soll man sich das denn vorstellen?
Die Figuren dürfen nicht weiter voneinander entfernt stehen als sechs Würfelaugen, so dass sie einander helfen können. Indem sie, falls ein eigener Stein vom Gegner aus dem Rennen geschmissen wird, sofort zurückschlagen können.

Sie manövrieren demnach Ihre Pöppel quasi auf Sichtweite.
Das lässt sich mit Backgammon vergleichen. Dort sollten Sie Ihre Steine auch aufeinander abgestimmt platzieren, so dass, egal welche Zahl gerade erwürfelt wird, immer einer der Steine ziehen kann. So setzen Sie sich gegen einen Gegner durch, der seine Steine wie Kraut und Rüben auf dem Brett rumliegen hat.

Typisch für Malefiz sind Barrieren aus Miniblöcken, die das eigene und das gegnerische Vorrücken behindern. Wohl eine weitere Parallele zum Backgammon, das ja auch Blockaden kennt.
Beim Malefiz reicht es jedoch, dass einer meiner Steine die Zielmarke erreicht. Folglich lasse ich zu Beginn einer Partie eine Figur lossausen, und erst wenn die an einem bestimmten Punkt nicht weiter kommt, rückt der Rest in einer Kolonne nach. Und zwar in der erwähnten gestaffelten Formation.

Welches Erfolgsrezept können Sie als Meisterspieler denn noch so verraten?
Den Gegner permanent stören und ratzfatz schmeißen, sobald sich eine Gelegenheit dafür bietet.

Das klingt praktisch und simpel. Warum taucht in der Malefiz-Literatur dann aber gelegentlich der so schicksalsschwangere Kreuzritter-Leitspruch »Deus lo vult« (Gott will es) auf?
Klingt martialisch, ist aber eher eine Mahnung, sich während einer Partie zu bremsen und sein Schicksal demütig hinzunehmen, falls man zu sehr in Rage kommt. Weil man sich im Malefiz nämlich wirklich grün und blau ärgern kann: Du stellst deine Figuren perfekt auf, und du musst jetzt einfach eine Zahl von eins bis fünf würfeln, um einen der Steine bewegen zu dürfen. Aber dann fällt die sechs, die Du überhaupt nicht gebrauchen kannst, und dann bleibt Dir allein das »deus lo volt«. Ich erinnere mich an ein Match, da stand einer direkt vor dem Loch, er brauchte bloß die Eins, um zu gewinnen. Aber die hat er mit mehr als 40 Versuchen nicht geworfen, und am Ende hat der Gegner reingespielt. Und ich selber habe oft genug gegen völlig Unbekannte in der Szene verloren, weil ich einfach keine passenden Würfelzahlen bekommen habe.

Hört dann der Spielspaß aber mitunter nicht buchstäblich auf?
Nein. Während der Partien sind wir konzentriert bei der Sache, aber nicht verbissen. Zumal wir eins wissen, und das ist neben »deus lo volt« das zweite Motto auf unserer Website: »Auch ein steiniger Weg führt zum Ziel.« Klar, am Brett sind wir Konkurrenten, aber wenn wir vom Brett aufstehen, ist alles wieder vergessen, und wir sind wieder Freunde. Drei- bis viermal im Jahr veranstalten wir Turniere, bei denen es nicht darum geht, mit Brachialgewalt zu gewinnen. Vielmehr sind das Anlaufpunkte, um gemeinsam zu spielen, und darauf freuen sich alle.

Das nächste große Ereignis in Ihrer Spieldisziplin ist die Malefiz-WM am 24. Mai 2014 im bayerischen Wangen. Wird es da tatsächlich richtig international zugehen?
Das wird sich zeigen. Ansonsten ist es gerade unsere Philosophie, dass auch während einer WM der familiäre Charakter nicht verloren geht. Da gibt es Kaffee, Kuchen und Kipferl, es wird viel getratscht. Der bisher jüngste WM-Kandidat war übrigens acht Jahre alt und der älteste Teilnehmer über 80. Wir sind eine große Familie.

Weitere Infos: www.p2online.eu Einen Malefiz-Stammtisch gibt es in Berlin einmal im Monat an einem Donnerstag, das nächste Mal am 10.4.2014 ab 18.30 Uhr in der »Spielwiese« Berlin-Friedrichshain, Kopernikusstraße 24.

www.spielwiese-berlin.de

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