Späte Wahrheiten

Das 20. Jüdische Filmfestival Berlin & Potsdam ist oft politisch - und manchmal komisch

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Achtung, schlau. Achtung, gläubig. Achtung, reich. Eine schlaue Blondine, ein gläubiger Tattoo-Träger, eine wohlhabende Vogelscheuche: Wer die Werbekampagnen für das Jüdische Filmfestival Berlin der vergangenen Jahre im Kopf hat, braucht den Untertitel eigentlich gar nicht mehr. Der lautet »20 Jahre Filme ohne Klischees« und bezeichnet, was das Festival sein möchte: ein frischer Wind, der mit Klischees aufräumt und zum genaueren Hinsehen anregt.

Die Deutschlandpremiere von John Turturros »Fading Gigolo« zur feierlichen Eröffnung am Sonntag im Potsdamer Hans Otto Theater passt genau in dieses Konzept. Woody Allen spielt darin die zweite Hauptrolle neben Turturros Frauenbeglücker mit angegrauten Schläfen, und zwar als - Gelegenheitszuhälter. Für einen Anteil am (nicht unerheblichen!) Honorar vermietet der gescheiterte Buchhändler Murray seinen teilzeitarbeitenden Blumenhändler-Freund Fioravante an Frauen, die sonst wenig Zärtlichkeit erfahren.

Ein unwahrscheinliches Gespann, das zwischen Büchern und Blumen und überm Kaffee im Diner an der Ecke die Termine plant. Aber ein Team, das funktioniert. Auch wenn die orthodoxe jüdische Witwe mit kleiner Zahnlücke (denn unter der Perücke steckt Vanessa Paradis), ihr Glück auf Dauer doch in ihrer eigenen, abgeschotteten Welt suchen wird - der Gigolo hatte sich bei einem der unwahrscheinlichsten Sexarbeitereinsätze der jüngeren Filmgeschichte in sie verliebt.

Ab Montag läuft das Programm dann parallel in beiden Städten, und nach dem Schmunzeln kommen die ernsten Themen wieder ins Spiel, die auch der frischeste Wind nicht wegblasen kann. Fragen jüdischer Identität in Israel und Europa, Filme über den Holocaust, über Pogrome, historische Schikane und fortdauernden Antisemitismus. Aber auch eine eindrucksvolle, wortkarge filmische Kritik am Umgang des Staates Israel mit den Beduinen, die lange vor der Staatsgründung vor Ort lebten, im Spielfilm »Sharqiya« von Ami Livne.

In der doppelbödigen Mossad-Komödie »Kidon« darf noch gelacht werden, wenn ein politischer Mord in Dubai (der einst in Europa für berechtigte Aufregung sorgte, auch weil gefälschte europäische Pässe dabei eine Rolle spielten) komödiantisch zerlegt und zum Heist Movie umgedeutet wird - zum Thriller mit einem Mord, der konsequent unsichtbar bleibt. Auch Eytan Fox will mit seiner quietschbunten Eurovision-Song-Contest-Persiflage »Cupcakes« bei allen satirischen Absichten doch vor allem Wohlfühlstimmung verbreiten - und natürlich für schwule Gleichberechtigung werben.

Zu den Schwergewichten des Festivals gehören dann aber doch die Filme, die einem das Lachen im Halse stecken bleiben lassen. Allen voran »Aftermath« (Pokłosie) von Władysław Pasikowski, der bei seiner polnischen Premiere für heftige Feuilletondebatten sorgte. Kein Wunder, denn die katholische Dorfbevölkerung, der Pasikowski hier das reale Massaker von Jedwabne anlastet, zeigt weder in der Großvater- noch in der Enkelgeneration sonderlich menschliche Züge - jedenfalls nicht im Sinne von Menschlichkeit. Dass Pasikowski seine Geschichte vom Fund jüdischer Gebeine auf einem der Höfe (der die offizielle Mär von der kollektiven Deportation der Juden des Dorfes durch die Deutschen widerlegt) in einen Thriller auf halbem Weg zum Horrorfilm verpackt, mit einer Dorfbevölkerung, die gern als stumme Masse auftritt und dabei aussieht wie Figuren von Hieronymus Bosch, macht ihn angreifbar. Aber das Kalkül geht auf und der Film nachhaltig unter die Haut. Auch wenn Pasikowski sich dafür anhören musste, er sei ein Vaterlandsverräter.

In »Aftermath« erfahren die polnischen Söhne des Bauern, der den zusammengetriebenen Juden das eigene Haus über dem Kopf anzündete, von dieser familiären Schuld erst spät. Auch in Amit Epsteins mit Victoria Trauttmansdorff und Thorsten Merten namhaft besetztem Kurzfilm »Gloomy Sabbath« dauert es, bis man von der wahren Herkunft eines Gemäldes erfährt - Beutekunst, aus der Wohnung der abtransportierten Nachbarin gestohlen.

Späte Erkenntnisse sind überhaupt ein wiederkehrendes Thema in dieser Ausgabe des Jüdischen Filmfestivals. Da gibt es die polnische Novizin des Jahres 1960 in Pawel Pawlikoswkis berückend schön kadriertem (und in seiner schwarzweißen Ästhetik wie aus der Zeit gefallenen) Spielfilm »Ida«, die kurz vor dem Ablegen des Gelübdes erfährt, dass sie jüdischer Herkunft ist.

Die Geschichte des jüdischen Lagerüberlebenden Feiv‘ke Schwarz aus dem heutigen Vilnius, der unter neuem Namen ausgerechnet im brandenburgischen Schlieben, dem Ort seiner Leiden, eine Familie gründete, während seine Schwester und ihre Nachkommen in Israel ihn für tot hielten - das erzählt der autobiografische Dokumentarfilm »Schnee von gestern« der israelischen Wahl-Berlinerin Yael Reuveny über eine vorsichtige jüdisch-deutsch-israelische Familienzusammenführung. Derweil porträtiert sich Assi Dayan, Schauspieler, Autor, Regisseur und Sohn eines übermächtigen Vaters, in Adi Arbels »Life as a Rumor« in zwei aufschlussreichen, aber doch recht langen Stunden selbst als eine am Vater, den Medien und den Drogen gescheiterte Existenz.

30.3.-13.4., Hans Otto Theater, Potsdam. Thalia-Kino, Potsdam-Babelsberg. Filmkunst 66, Kino Arsenal und weitere Kinos in Berlin, Film- und Reservierungsinfo unter www.jffb.de

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung