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Das weite Gebiet der Gedanken

Christian Morgenstern, der Schöpfer der »Galgenlieder«, starb vor hundert Jahren

Er wäre ja lieber in Italien gewesen. Rom, vielleicht auch Florenz, Hauptsache Süden, Sonne, Helligkeit, Wärme. Aber der Süden war unerreichbar, wenigstens im Augenblick. Christian Morgenstern verbrachte den Silvestertag 1901 im winterlichen Arosa, abgeschnitten von Freunden und Bekannten und ohne jede Gesellschaft, »ganz auf sich angewiesen«, ein Mann, dem »Alleinsein nichts Fremdes ist«, wie er im Brief seiner Mutter bekannte. Er war lungenkrank wie sie und darum gezwungen, sich immer wieder der Ödnis und Einsamkeit des Kurbetriebs auszusetzen. Der langweiligen, kleinlichen und klatschsüchtigen Gesellschaft entging er diesmal, weil er ein Privatzimmer gemietet hatte. »Mir geht’s innerlich verschieden«, schrieb er auf einer Briefkarte. »Ewige Wellenbewegung, aufreibend.«

Morgenstern, am 6. Mai 1871 in München geboren, war nun dreißig Jahre alt, ein Dichter mit fünf Lyrikbändchen, ein sechstes kam noch 1902 bei S. Fischer heraus. Literarische Interessen zeigte er früh, unterzog sich jedoch erst einmal dem Studium der Nationalökonomie in Breslau (wo Felix Dahn sein väterlicher Lehrer war), gründete eine Zeitschrift, die er »Deutscher Geist« nannte und die auf hektografierten Blättern verteilt wurde, ging zurück nach München und später nach Berlin, um eine Beschäftigung in der Nationalgalerie aufzunehmen, schrieb humoristisch-satirische Aufsätze, Kritiken, versuchte sich an einem Roman (um festzustellen, dass das nicht sein Fach war), lernte Norwegisch, um Ibsen, Strindberg und Hamsun übersetzen zu können, und erklärte 1893 in einem Brief: »Die Feder ist meine Waffe und das weite Gebiet der Gedanken meine Domäne; ich will frei bleiben und ehrlich, ich will einen Beruf, in dem ich auch einmal Dichter sein darf … Ich habe nur auf dieses eine Los zu setzen, alle anderen sind Nieten, aber dieses könnte ein Treffer sein.«

Er hat sein Ziel nicht aus den Augen verloren, nicht die Poesie und auch nicht den Traum von einer rein geistigen Existenz. Nietzsches Zarathustra, der große Einsame, wurde die Leitfigur, und mit Nietzsche war er auch einig in der Ablehnung des satten, zufriedenen, behäbigen Philistertums der Bismarck-Ära. 1895 debütierte er mit einem schmalen Versband (»In Phantas Schloß«), der zwar nur Konventionelles bot und sich nicht sonderlich verkaufte, ihm aber, »in sympathischer Verehrung«, das Lob eines anderen Poeten einbrachte, der ihm mitteilte, alle Gedichte gelesen zu haben, einige zweimal und eines sogar zehnmal. Der junge Mann hieß Rilke, und wenn seine respektvollen Zeilen auch keine Freundschaft stifteten, so hat er zu Morgensterns Selbstverständnis doch eine Menge beigetragen.

Das frühe Werk ist heute so gut wie unbekannt. Der Morgenstern, der im Bewusstsein der Nachwelt lebt, populär noch immer, ist der Schöpfer köstlicher, skurriler Verse, die, häufig gedruckt, für anhaltendes Entzücken sorgen. Alles, was vorher entstand und inzwischen nahezu vergessen ist, findet man nur in den drei starken Bänden der Jubiläumsausgabe, die jetzt, zum hundertsten Todestag, die komplette Lyrik versammelt.

Zu verdanken ist die opulente Edition dem Verlag Urachhaus, dem Stammsitz der Morgenstern-Pflege, wo man seit 1987, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, mit großem wissenschaftlichen Aufwand die Stuttgarter Ausgabe der Werke und Briefe herausbringt, ein Unternehmen, das den oft unzulänglichen Auswahlbänden, die im Lauf der Zeit erschienen sind, endlich die authentische Hinterlassenschaft gegenüberstellt. Noch nie ist der Lyriker so gründlich und vollständig vorgestellt und kommentiert worden wie hier. Die Zeitverse, die Naturdichtungen und Strophen über die Jahreszeiten, die Sprüche, Lieder, Grotesken, Epigramme und Kinderlieder, all das, was an poetischen Zeugnissen überliefert ist, füllt die ersten drei Bände der Stuttgarter Ausgabe mit ihren großartigen Kommentaren. Man kann sie nun in der Kassette mit den schönen roten Broschuren haben.

Der Erfolg, auch der Ruhm kam mit den »Galgenliedern« (1905), »Palmström« (1910), »Palma Kunkel« (1916) und »Der Gingganz« (1919), diesen artifiziellen, närrisch-weisen Scherzen, Gedichtbüchern, die vom Wirklichkeitssinn ihres Autors genauso geprägt sind wie von seinen krausen, hintersinnigen, verblüffenden Erfindungen. »Dieser Dichter«, schrieb Arnold Zweig 1932, »wahrscheinlich tief leidend darunter, dass man seine ernsten Bücher übersah, erhob den Ulk jugendlicher Sprachspielereien zu jener klaren Musik, die man gebührend ehrt, wenn man sie in die Nähe Mozarts rückt …«

Da blickte einer mit erstaunten Kinderaugen und skurrilem Lächeln in eine verkehrte Welt. Und schenkte uns, spottlustig, gesegnet mit blühender Fantasie und sprachlicher Virtuosität, Verse, die nicht welken können, so die unsterbliche Wendung, wonach »nicht sein kann, was nicht sein darf«. Oder die Geschichte vom Architekten, der den Lücken im Lattenzaun zu Leibe rückte, die Zeilen »Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis/ und träumte von Liebe und Freude«, nicht zu vergessen »Fisches Nachtgesang«, das lakonischste Gedicht der modernen Literatur, ein Gedicht ohne Worte, das diskret bis zur Lautlosigkeit, wie Hans Magnus Enzensberger sagt, Subversion betreibt. Das alles findet man jetzt auch in der neuen und wohl schönsten »Galgenlieder«-Sammlung, die es im Augenblick gibt, einer Edition der Büchergilde Gutenberg, geschmückt mit hinreißenden Zeichnungen Hans Tichas.

Seltsam nur, dass der Mann hinter den Versen, ein Klassiker schon lange, fast unsichtbar blieb. Die Kenntnisse über ihn flüchtig und lückenhaft, die Suche nach biografischer Literatur mühselig und nicht sehr ergiebig. Das Wenige aus den letzten fünfzig Jahren ist vergriffen. Da kommt Jochen Schimmang, der Oldenburger Romanautor, wie gerufen. Er erzählt ausführlicher und intensiver als seine zwei, drei Vorgänger die Lebensgeschichte dieses originären Dichters, dem nicht viel Zeit blieb, den die Krankheit ruhelos von Ort zu Ort trieb und der seinem Leiden tapfer, ohne den Humor zu verlieren, trotzte. Natürlich kam er, 1902 dem kalten Arosa kaum entkommen, auch nach Italien. Er hoffte, dort mit Berichten aus Rom ein bisschen Geld zu verdienen, aber die Zeitungen in Deutschland zeigten kein Interesse. Immerhin wurde es eine glückliche Zeit (»endlich einmal ein Stück Erde, zu dem man unbedingt Ja sagt«).

Danach schrieb er weiterhin Gedichte, Kritiken, Betrachtungen, Parodien, Epigramme, übersetzte Hamsun und Björnson, wurde Anhänger Rudolf Steiners und seiner Anthroposophie, heiratete 1910, erhielt 1912 die Ehrengabe der Schiller-Stiftung, indes die medizinischen Befunde immer katastrophaler ausfielen und die Kräfte zusehends schwanden. Nach mehreren Aufenthalten in Sanatorien ist Christian Morgenstern, nur zweiundvierzig Jahre alt, am 31. März 1914 in Meran gestorben.

Es war ein »relativ kurzes und eher schweres Leben«, meint Jochen Schimmang am Schluss, verbracht zwischen Reichseinigung und Erstem Weltkrieg, ein Leben mit viel Mühsal und Kampf. Wir verdanken ihm einen Haufen köstlicher Verse.

Christian Morgenstern: Sämtliche Gedichte, hg. von Martin Kießig und Maurice Cureau. 3 Bde. in Kassette, Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus, zus. 3103 S., br., 99 €. Alle Galgenlieder, mit Grafiken von Hans Ticha, Edition Büchergilde, 362 S., geb., 28 €. Jochen Schimmang: Christian Morgenstern. Eine Biografie. Residenz Verlag. 271 S., geb., 24,90 €.

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