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Hausmannskost im Ersten

»Tatort« in der Krise: Immer mehr Ermittler, aber die kreativen Ideen fehlen

  • Von Katharina Dockhorn
  • Lesedauer: 3 Min.

Mehr als acht Millionen Zuschauer, 23,9 Prozent Marktanteil, rund zwei Millionen Klicks in der Mediathek. Der MDR hat Ende letzten Jahres alles richtig gemacht mit der Einführung seines neuen Weimarer »Tatort«, der auf die Prominenz von Nora Tschirner und Christian Ulmen setzt. Die beiden sind das gefühlt 100. neue Ermittlerteam im ARD-Krimi. Für den Zuschauer gab es allerdings nur die gewohnte Kost. Das überraschte, denn der MDR hatte zur Freude der deutschen Medienkritik den neuen »Tatort« Ende 2012 offen ausgeschrieben. Creative Pitching heißt dies neudeutsch. Beim traditionellen Pitching macht der Sender dagegen inhaltliche Vorgaben.

143 Vorschläge flatterten bei ARD-Fernsehspiel-Chefin Jana Brandt auf den Tisch. Das Rennen machte die Münchner Wiedemann & Berg, die mit »Das Leben der Anderen« einen Oscar gewann. Dass der von Franziska Meletzki routiniert humorvoll inszenierte Krimi in eingefahrenen Bahnen lief, mag drei Ursachen haben. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Andreas Pflüger, seit 20 Jahren Autor beim »Tatort«, sowie von Murmel Clausen, der aus der Pro7-Comedy-Ecke stammt. Die Redakteure setzten auf Bekanntes, oder, den anderen deutschen Produzenten fiel nichts Besseres ein.

Die Produzenten seien von dem Verfahren begeistert, meint MDR-Intendantin Karola Wille. Der Sender hat deshalb auch die Nachfolge von Simone Thomalla und Martin Wuttke ausgeschrieben. Willes Potsdamer Kollegin Dagmar Reim, die Boris Aljinovic und Dominik Raake kürzlich durch Meret Becker und Mark Waschke ersetzte, ist skeptisch. Viele Produzenten hätten über ein Hasenrennen geklagt, bei dem viele kreative Ideen unter den Tisch gefallen seien. Zudem seien sie auf den Entwicklungskosten sitzen geblieben.

Das sei bei einem Wettbewerb doch normal, werden sich Außenstehende wundern. Doch zum einen sind kreative Ideen nicht so variabel anzubieten wie andere Dienstleistungen. Und die Gewinnmargen bei Fernsehfilmen sind zu gering, um regelmäßig Autoren anzuheuern, die für den Papierkorb schreiben.

Jede Sendeminute Fiktion kostet die Gebührenzahler 63 Cent im Monat, davon entfallen für den »Tatort« 15 an, für den Talk im Ersten zahlt er 10 Cent, für den Sport 72. Für einen »Tatort« oder einen Fernsehfilm am Mittwoch lässt die ARD einen Etat von 1,4 Millionen Euro springen, für den Donnerstagabend, wo die »Donna-Leon«-Krimis laufen, und die Degeto-Schmonzetten am Freitagabend 1,6 Millionen Euro.

Von dem Geldsegen bleiben dem Produzenten pauschal 17 Prozent zur Deckung der eigenen Kosten und als Gewinn. Oft werden diese Margen nicht erreicht. Die Produzenten sind in der Zwickmühle. Die Sender haben die Etats eingefroren und verweisen auf die Ministerpräsidenten. Die aber haben kürzlich die Gebühren gesenkt, statt sie zu erhöhen. Auf der anderen Seite haben die Filmschaffenden tarifliche Regelungen durchgesetzt, die den Dreh verteuern. Unter solchen Bedingungen ist Kreativität nur für herausragende Sendeplätze möglich. Und so steht sich die ARD mit einer Mischung aus Knausrigkeit bei der Kalkulation der wirklichen Kosten und fehlendem Wagemut bei Redakteuren selbst im Weg, um hochgelobte und international vorzeigbare Programme zu zeigen.

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