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Gänseblümchen auf Augenhöhe

Sven Kocar bedient die Kamera mit den Füßen und hält Alltägliches in ungewöhnlichen Perspektiven fest

Gewöhnliche Motive in außergewöhnlichen Perspektiven: Sven Kocar, spastisch gelähmt, stellt gerade in Marzahn seine Bilder aus. Er hat sie mit den Füßen fotografiert.

Es ist schon wieder passiert. Sven Kocar hat ein interessantes Motiv im Blick, stellt mühevoll den Fotoapparat vor seinen Rollstuhl, lehnt sich etwas zurück und wartet auf den richtigen Moment zum Abdrücken. Aber dazu kommt es nicht. Eine übereifrige Dame nimmt wortlos die Kamera vom Boden und setzt sie Kocar auf den Oberschenkel. Noch bevor der spastisch Gelähmte etwas sagen kann, ist die Frau im Park verschwunden. »Solche Situationen erlebe ich sehr oft«, sagt Kocar. »Aber ich nehme das mit Humor«, betont er und lächelt selbstbewusst.

Sven Kocar hat inzwischen eine ganz eigene Abwehrstrategie entwickelt. Wenn wieder so ein »störender Helfer« naht, stellt er seine Füße demonstrativ auf den Fotoapparat. Manchmal schafft er es noch zu sagen, dass alles in Ordnung ist. Und dann konzentriert er sich ganz auf sein Motiv.

Er hält alltägliche Dinge auf ungewöhnliche Art und Weise mit der Kamera fest. Viele Bilder spiegeln seine Sicht auf die Natur wieder und lösen beim Betrachter vor allem Erstaunen aus. Vermutlich haben die wenigsten bislang Gänseblümchen aus der Froschperspektive gesehen. Diese zarten Pflanzen, eingefangen auf einer heimischen Wiese, wirken auf Kocars Fotos plötzlich wie Gewächse aus einem fernen Land: So riesig, so fremd, so wunderschön. Solche Nahaufnahmen macht er häufig auf dem Grundstück seiner Eltern oder auch im Volkspark Friedrichshain. Manchmal setzt er sich dazu direkt auf den Rasen, rückt mit den Füßen den Monitor der Kamera zurecht und drückt mit den Zehen ab.

»Die meisten Makro-Motive entstehen erst beim Machen, ganz spontan«, sagt Sven Kocar. Dazu gehören Blüten in unterschiedlichen Sichtweisen, Blattstrukturen, auf denen Wasserperlen liegen, oder Regen, der auf den Asphalt prallt. Das Besondere an den Aufnahmen ist: Der Ausstellungsbesucher erkennt oft erst auf den zweiten Blick, worum es sich handelt. »Ich mag es sehr, die Fragezeichen auf den Gesichtern der Betrachter zu sehen und den Moment der Erkenntnis mitzuerleben, in dem der Groschen fällt und der Aha-Effekt sich einstellt«, schreibt der Mediengestalter auf seiner Homepage.

Auch die hat er selbst angelegt: diszipliniert und ausdauernd immer wieder vervollständigt. Er braucht dazu eben viel länger als ein gesunder Mensch. »Sven versuchte schon immer, so viel wie möglich aus sich herauszuholen und selbstständig zu sein«, sagt sein Vater Rainer Kocar. Er sei unheimlich stolz auf seinen Sohn.

Zuhause kam dem Rollstuhlfahrer die Idee zum Fotografieren. Er erinnert sich noch ganz genau an sein erstes Bild - ein umgekippter Salzstreuer auf dem Linoleumfußboden. Auf der Nahaufnahme wirkt das Ganze wie ein verlorener Kristall am Strand. Solche abstrakten Objekte gefallen dem jungen Künstler am besten. In seiner nächsten Ausstellung werden vor allem solche Bilder zu sehen sein. Im Stadtteilzentrum »Mosaik« steht derweil gerade die Natur im Mittelpunkt.

Kocar träumt davon, irgendwann einmal ein Buch zu veröffentlichen - mit Bildern und Kurzgeschichten. Manchmal lockert er die Fotoausstellungen mit kurzen Anekdoten aus seinem Alltag auf. Ein Freund liest die Geschichten für ihn vor. Dank Computer, den Sven Kocar ebenfalls mit den Füßen bedient, kann er sich ausdrücken, wo ihm die Sprache manchmal versagt.

Die Fotoausstellung mit Makroaufnahmen von Sven Kocar ist bis zum 14. April im Stadtteilzentrum »Mosaik«, Altlandsberger Platz 2, zu sehen. Öffnungszeiten: montags bis freitags, 9 bis 18 Uhr.

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