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Eisenbahner mit Herz und Verstand

Vom Fahrdienstleiter zum Publizisten - zum Tode von Erich Preuß

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Im Alter von 74 Jahren ist nach kurzer schwerer Krankheit unser langjähriger Autor Erich Preuß verstorben. Er gehörte zu den renommiertesten Eisenbahnexperten in Deutschland.

Freundlich, geduldig und beharrlich - so war Erich Preuß immer, wenn es um Bahnthemen ging. Etwa wenn er Fernsehsendern Interviews über die Gründe der vielen Zugverspätungen gab, wobei ihm klar war, dass am Ende nur einige wenige Sätze übrig blieben. Oder wenn er - anlässlich der Personalengpässe am Stellwerk in Mainz - dem Journalisten eines Boulevardblatts einen Tag lang zu erklären versuchte, was Fahrdienstleiter eigentlich so leisten. Hinterher sagte er teils bedauernd, teils realistisch: »So ist das Mediengeschäft.«

Erich Preuß war ein Experte, wie es ihn nur selten gibt: Seinem Thema widmete er sich mit Sachverstand, aber auch mit Praxiserfahrung und mit viel Herzblut. Dies war teils seiner Vita geschuldet. Nach dem Studium der Verkehrstechnik und Rechtswissenschaften mit Abschluss als Diplom-Jurist arbeitete Preuß für die Reichsbahn, darunter 15 Jahre lang als Fahrdienstleiter in Cottbus und seinem Geburtsort Zittau. Recht früh widmete er sich auch der Publizistik, schrieb in der Eisenbahnerzeitung »Fahrt frei«. 1979 wurde sein erstes Buch »Die Spreewaldbahn« veröffentlicht - in der DDR und als westdeutsche Lizenzausgabe.

Es folgten mehr als 50 Bücher, die vor allem in den Fachverlagen Transpress und GeraMond erschienen. Zudem war Preuß Herausgeber von Loseblattsammlungen über den DDR-Schienenverkehr. Legendär sind seine Bücher über spektakuläre Eisenbahnunglücke. Dabei war er alles andere als ein »Pufferküsser«, wie Fanatiker bezeichnet werden, die jeden Loktyp und jede Spurbreite auswendig aufsagen können, sich aber nicht für den politischen Kontext interessieren. Kurz vor seinem Tod erschien die »Chronik Deutsche Bahn AG«, in der sich Preuß kritisch mit den Folgen der vor 20 Jahre begonnenen Bahnreform auseinandersetzt.

Seine Haltung zur Sparpolitik war Ergebnis genauer Kenntnisse - und nicht, wie bei manchem Privatisierungsgegner, ideologisch abgeleitet. Preuß war häufig und überall unterwegs, fast immer mit der Bahn. Über die Jahre beobachtete er, wie Bahnhöfe verfielen, die nur noch als Haltepunkt mit Kassenautomat fungierten, wie Fahrpläne immer ungünstiger getaktet waren, wie ganze Regionen vom Fernverkehr abgehängt wurden und wie die zu wenigen Züge auf Verschleiß gefahren wurden, so dass Verspätungen zunahmen. Mit seinem Ärger darüber hielt er nie hinterm Berg - gerade in seinen Artikeln für »nd«, für das er seit Mitte der 1990er Jahre regelmäßig schrieb.

Wenn Verbraucherschützer über schlechten Service und überforderte Mitarbeiter schimpften, blieb Preuß aber zurückhaltend. Eisenbahner sind Fachkräfte in einem anspruchsvollen Job, dessen Bedeutung stark unterschätzt wird, so sein Credo. Auch nach der Pensionierung blieb er immer in Kontakt mit den Bahnkollegen, hatte ein offenes Ohr für die Sorgen der durch die Sparpolitik stark ausgedünnten Belegschaft. Dafür erfuhr er vieles über die internen Missstände. Auch in die populäre Bahnchef-Kritik stimmte Preuß nur bedingt mit ein. Es sei ja der staatliche Eigentümer, der den Kurs vorgibt. Sogar der selbstherrliche Hartmut Mehdorn brauchte die Rückendeckung der damals SPD-geführten Bundesregierung.

Unter Mehdorn, der Kritik nicht abkonnte, erhielt Preuß, obgleich einer der wichtigsten Eisenbahnexperten in Deutschland, zeitweilig keine Einladungen zu Presseveranstaltungen der DB. Das wurmte ihn, denn Informationen wollte er immer aus erster Hand haben. Unter Nachfolger Rüdiger Grube, der für mehr Transparenz angetreten war, änderte sich das. Erst kürzlich, am Rande des Neujahrsanfangs der Deutschen Bahn, fand sich die Gelegenheit zum Gespräch.

Auch im DB-Tower nahm man zur Kenntnis, dass sich Erich Preuß trotz aller Kritik für das öffentliche Verkehrsmittel Bahn einsetzte. In einem seiner letzten »nd«-Artikel resümierte er: »Allen Widrigkeiten und den ständig steigenden Fahrpreisen zum Trotz stehen die Bürger zur Deutschen Bahn wie wohl zu keinem anderen Unternehmen. Mit ihr sind sie in Liebe und Hass verbunden.« Ein Satz, der gerade auch auf den Verfasser zutraf.

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