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Aus Utopia auf die Straße

Nach zwei Jahren Besetzung wurde der Corrala Utopía in Sevilla geräumt

  • Von Carmela Negrete
  • Lesedauer: 4 Min.

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Zwangsräumungen sind in Spanien an der Tagesordnung. Die Betroffenen stehen auf der Straße oder besetzen Wohnungen und Häuser. Doch auch dort sind sie vor einer erneuten Räumung nicht sicher.

Noch vor Sonnenaufgang klingelte die Polizei am vergangenen Sonntag an den Türen der Corrala Utopía (Wohnblock Utopie), den Hausnummern 2, 4 und 6 der Avenida de las Juventudes Musicales in Sevilla. Dann wurden mehr als 20 Personen, unter ihnen Minderjährige und eine Person in schlechtem gesundheitlichen Zustand, aus den Wohnungen befördert, die sie seit fast zwei Jahren besetzt hatten. Viele von ihnen mit Tränen in den Augen und ohne zu wissen, wo sie die nächste Nacht verbringen sollten. Seit Ende Januar gab es vor dem Gebäude ein Protestcamp zur Verhinderung der Räumung. Mehrere Zelte reihten sich aneinander und eine Plane diente als Dach über einer Infoecke für Passanten mit zwei Sofas und einem Tisch.

»Sind das die Familien, die das Gebäude hier besetzt haben?«, fragte der Nachbar Aguasanta Quero (40). »Sie haben unsere volle Unterstützung«, versicherte er, bevor er seine Frau an der Hand nahm und sie weiter die Straße hinunterliefen. Gerade wurde das Essen, Kichererbseneintopf mit Gemüse, in Plastikbechern unter den Anwesenden verteilt.

Guillermo (14) und Jose Antonio (11), Aguasantas Söhne, kamen gerade aus der Schule nach Hause. Ihre Mutter bat sie um einen Moment Geduld, bis sie das Gespräch mit den Journalisten beendet habe. Es war nicht der geringste Einwand von ihnen zu hören, wussten sie doch um die Wichtigkeit der Kommunikationsarbeit in jenem Moment. Tatsächlich hielten sie zusammen mit den anderen Minderjährigen, die in der Corrala Utopía wohnten, eigene Plena ab. Wobei ihre Antwort auf die Frage, ob sie auf den Versammlungen über Politik sprachen, dann doch lautete: »Fast nie.«

Aguasanta erzählte, dass sie seit mehr als einem Jahr arbeitslos ist und davor als Verkäuferin von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends arbeitete - für 300 Euro im Monat. Als sie noch als Kellnerin arbeitete bevor sie vor vier Jahren ihren Job verlor, konnte sie eine Miete von 500 Euro immer pünktlich bezahlen. Dann musste sie zwei Jahre lang mit 400 Euro Familienbeihilfe über die Runden kommen. Mit einer Decke über den Schultern als Schutz vor der Kälte erklärte sie, dass auch der Vater ihrer drei Kinder, Taxifahrer von Beruf, gerade einen schwierigen Moment durchlebt und ebenfalls von der Zwangsräumung aus seiner Wohnung bedroht ist.

Mit ihren Kindern wohnte sie in dem besetzten Gebäude ohne fließendes Wasser, Licht oder Gas. Zum Wasserholen mussten die Bewohner die Straße überqueren und die Karaffe auffüllen. Nachdem sie im Oktober letzten Jahres die Stadtverwaltung von Sevilla besetzt hatten, um Wasseranschlüsse in den Wohnungen zu fordern, war gegenüber dem Gebäude ein Trinkwasserbrunnen eingerichtet worden. Dieses Wasser wurde zum Waschen und Kochen benutzt. Die drei Kinder von Aguasanta erhielten in der Schule einen Laptop, den sie aber zu Hause nicht aufladen konnten, geschweige denn damit im Internet zu surfen vermochten. Das Sozialamt beabsichtigte, die fünfzehn Minderjährigen aus der Corrala Utopía abzuholen, mit dem Argument, es handle sich um eine »soziale Notsituation«. »Die einzige Notsituation ist die Tatsache, dass wir weder Wohnung noch Geld haben. Aber die Kinder sind sauber, gehen in die Schule. Wenn wir eine normale Wohnung haben könnten, hätten wir sie auch«, so Aguasanta.

Einigen Familien, die im Gebäude wohnten, wurden von der Stadt Alternativwohnungen zur Verfügung gestellt. Nicht alle jedoch bekamen diese Möglichkeit, und das macht María Yanes (27) sehr wütend. Die junge Frau, die über kein Einkommen verfügt, sieht im Auseinandertreiben der Familien einen strategischen Fehler im gemeinsamen Kampf: »Wir waren hier eine richtige Familie, wir haben uns gegenseitig beschützt. Wir haben gemeinsam gekocht und gegessen.« Sie hat aber auch Verständnis für die persönlichen Gründe der Betroffenen.

Der Eintopf war längst kalt und dennoch hörte sie nicht auf von ihrem gemeinsamen Projekt zu erzählen mit dem Titel »Utopien sähen«. Sie planten, eine Genossenschaft zu gründen, mit einer Sozialküche, Weiterbildungsangeboten und Arbeitsplätzen. Einen Raum mit selbst geschaffenen Arbeitsplätzen, der auch offen steht für das Viertel. »Wir haben unser Vorhaben Ibercaja präsentiert, der Bank, die Eigentümerin des Gebäudes ist. Aber sie haben uns überhaupt keine Beachtung geschenkt.«

In der Zwischenzeit hat die andalusische Regionalregierung - eine Koalition zwischen der sozialistischen Partei und dem Linksbündnis Izquierda Unida - versucht, Sozialmieten mit der Stadt (regiert von der Volkspartei PP) und dem Bankinstitut auszuhandeln - ohne Erfolg. Der letzte Vorschlag bestand darin, der Stadt leerstehende Sozialwohnungen abzukaufen, um die Familien aus der Corrala Utopía darin unterzubringen, die jetzt auf der Straße sitzen. Nach mehr als zwei Jahren Kampf, wie so viele andere Menschen in Spanien auch. Zwangsgeräumt.

Übersetzung: Lissi Dobbler

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