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Castorfs Lear

Wilfried Ortmann

Im langen Nachthemd des Krankenstandes feierte er sein heller und heller werdendes Bewusstsein. Es war jene kummervolle wie komische Helligkeit, wie sie von einer Selbstaufgabe ausgehen kann, von einem Verdämmern des Herrschertriebes. So spielte Wilfried Ortmann den König Lear in Frank Castorfs Inszenierung an der Berliner Volksbühne: mit einer grundtraurigen Narrheit, mit lächerlich-kauzigem Trotz und jener verdutzt polternden Weisheit, die immer zu spät begreift, dass der Mensch eher Patient denn Rebell ist, eher Eingeschlossener denn Ausbrechender. Vor allem dann, wenn er sich auf Macht so stützte, als habe sie ihn getragen. Ortmanns Lear wird depressiv, und depressiv wird, wer Gewichte trägt, ohne zu wissen wozu. So schmilzt Grundhärte, und ein weißes Nachthemd wird zum Banner friedfertigster Kapitulation.

Der hagere, kantig-knochige Wilfried Ortmann gehörte zur Startformation jener Castorf-Wilderer, die nach dem Ende der DDR mit rabiater Lust auf Sprengungen durch die Weltdramatik zogen. 1924 in Calbe geboren, war Ortmann seit 1952 an der Volksbühne, bei Wisten, bei Besson, bei Karge/Langhoff, bei Marquardt. Spielte in DEFA-Filmen (»Ware für Katalonien«, »Nackt unter Wölfen«), im Fernsehen (»Jeder stirbt für sich allein«, »Das unsichtbare Visier«, »Sachsens Glanz und Preußens Gloria«). Seine Fähigkeit fürs Böse und Dämonische führte ihn auch in internationale Produktionen, ein Spezialist für Nazioffiziere - etwa im sowjetischen Monumentalfilm »Befreiung«.

Er spielte an den Grenzen von lauernder Gewieftheit und fordernder Geradlinigkeit. Eher leise als laut. 1994 starb Wilfried Ortmann. Am Donnerstag wäre er 90 Jahre alt geworden. hds

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