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Tiefbraune Talare

Schleswig-Holstein: NS-Verstrickungen der Kirche nach 1945 werden endlich zum Thema

  • Von Dieter Hanisch, Kiel
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die evangelische Kirche im Norden will ihre NS-Vergangenheit aufarbeiten und beauftragte dazu einen Wissenschaftler. Dessen Recherchen ergaben ein verheerendes Bild.

Ein Buch über den Umgang der Evangelischen Kirche im Norden mit der nationalsozialistischen Vergangenheit schlägt derzeit in Schleswig-Holstein hohe Wellen. Im Zuge seiner Recherchen für das rund 350-seitige Werk ist der Autor Stephan Linck zudem auf eine enge Zusammenarbeit zwischen hohen Kirchenfunktionären und dem Verfassungsschutz gestoßen.

Bei seinen Forschungen über die Geschichte der Landeskirchen in Nordelbien in der Zeit zwischen 1945 bis 1965 befasste sich Linck mit der Frage, inwieweit in das NS-Regime eingebundene Kirchenleute auch nach 1945 in der Kirche aktiv waren. Der Kieler Historiker spürte diverse Beispiele für fortwährenden Antisemitismus, personelle Verstrickungen mit dem Ungeist des Dritten Reiches und Spitzeldienste auf. Überwachung, Misstrauen, politische Vorgaben sowie Vorurteile gehörten demnach während des Kalten Krieges zum Innenleben des Kirchenapparates.

Eine konsequente Entnazifizierung von Kirchenvertretern gab es laut Linck nur für eine kurze Zeit. Der Autor stellt mit Verweis auf erst 2012 aufgetauchte Quellen fest: »Fast alle schwer belasteten Pastoren waren ab 1950/51 wieder im Dienst.« In seinem Werk nennt er einige exemplarische Fälle. Hans Joachim Beyer ist solch einer. Er war einer der Vertrauten von Reinhard Heydrich, dem Gründer des Nachrichtendienstes der SS. Im Jahr 1947 wurde Beyer Leiter der landeskirchlichen Pressestelle - Nachrichten und Denunziation blieben sein Geschäft, indem er beispielsweise belastendes Material über Journalisten und Chefredakteure sammelte, um dann in deren Zeitungen kirchliche Texte zu platzieren.

1951 wurde Beyer Professor an der Pädagogischen Hochschule in Flensburg, zuvor hatte er jedoch noch seinen Pressestellennachfolger Wolfgang Baader eingearbeitet. Dieser erstellte Dossiers über unbequeme und unliebsame Pastoren, listete angebliche Verfehlungen auf, um diese in der Kirchenarbeit als Druckmittel zu verwenden. Über Baaders Schreibtisch liefen ab 1952 auch blaue Blätter eines »Vertraulichen Informationsdienstes«, die er Kirchenfunktionären zugänglich machte. In den Aufzeichnungen, die Linck zufällig in die Hände fielen, weil sie anders als auf den Schreiben angemahnt, nicht nach dem Lesen sofort vernichtet wurden, tauchten auch offenkundig Informationen des Verfassungsschutzes auf. Es ging um Pastoren, die der Kirchenspitze nicht genehm waren, die sich beispielsweise gegen die Militarisierung Westdeutschlands engagierten, aktive Oster-Marschierer waren oder ohne offizielle Belege der Deutschen Friedensunion (DFU) zugeordnet wurden, der eine kommunistische Nähe attestiert wurde. So stützte sich 1963 der damalige Bischof Wilhelm Halfmann bei Entscheidungen auf eine von Baader angefertigte Liste, auf der sich 48 Pastorennamen befanden, die der DFU zugerechnet wurden. Für Linck steht fest, dass die Quelle für diese Zurechnung beim Verfassungsschutz gelegen haben muss. Die bislang letzten Ausgaben des »Vertraulichen Informationsdienstes« konnte der Kieler Historiker für das Jahr 1968 ausmachen.

Der heutige Landesbischof Gerhard Ulrich schämt sich für die jahrelange Verdrängung des Themas und zeigt sich schockiert über die Ergebnisse der nun von Linck angepackten Aufarbeitung. Ulrich resümiert, dass das »Gesamtbild unserer Kirche von einer Verweigerung zur Auseinandersetzung oder gar zum Dialog mit dem Judentum geprägt« gewesen sei. Im Vorwort des in der Lutherischen Verlagsgesellschaft Kiel erschienenen Buches »Neue Anfänge?« heißt es von Ulrich: »Mittäterschaft wurde geleugnet (…) und gegenüber ehemals Verfolgten verhielt man sich vielfach schäbig.«

Der Nationalprotestantismus, der dem Nationalsozialismus in vielem den Weg bereitet hatte, konnte sich nach 1945 wieder durchsetzen und Wirkungsmacht erzielen, stellt der Bischof fest. Und auch die Bewertung Ulrichs, dass die Kirche den Antikommunismus ideologisch und theologisch verstärkte und damit dazu beitrug, Fronten zu verhärten, anstatt Mauern zu überwinden, lässt an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig.

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