Von Uwe Stolzmann

Liebe, Leidenschaft, Gewalt

Zum Tod des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez

Es war Mitte der Achtziger, ein Montagmorgen an einer Universität nahe der Ostsee, als ich Merkwürdiges erlebte: Die Kommilitonen gingen seltsam aufgekratzt in die Vorlesung - und das nur wegen eines Buchs. Sie schwärmten, und sie zeigten Selbstgemaltes, Stammbäume der Protagonisten, an hellen Sonntagsstunden zu Papier gebracht. Verrückt. Was mochte das für ein Buch sein? Und was für ein Wunderautor? García Márquez. Schon gelesen? Nein. Das Werk ist Pflicht! Ich würde dennoch nichts von ihm lesen, das wusste ich, denn der Eifer der Kollegen wirkte missionarisch. Und ein Buch, das einen Stammbaum brauchte, handgefertigt, nun, das roch nach Lesearbeit, nicht nach Vergnügen.

Ich habe den Roman dann doch gelesen, »Hundert Jahre Einsamkeit«, und die Erschütterung bei der Lektüre fühle ich noch heute. Was für ein Anfang: »Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendía sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennenzulernen.« Und was für ein Stoff: Die Biografie der Familie Buendía, Gutentag, über sechs Generationen. Das Porträt eines fiktiven Ortes, Macondo, der realer wirkt als die meisten realen Orte der Welt. Macondo, ein Paradies irgendwo in Lateinamerika, »ein Dorf von zwanzig Häusern aus Lehm«. Eine Geschichte der Wunder: Remedios die Schöne fährt zum Himmel; ein Held überlebt Aufstände wie Attentate im Dutzend, und die Figuren tragen die immer selben Namen: José Arcadio und Aureliano, Amaranta, Ursula, Santa Sofía. Dieser Erzähler ließ mich staunen. Bei jedem Buch aufs Neue.

Gabriel García Márquez, für Freunde nur »Gabo«, geboren 1927 in Aracataca, Kolumbien, einem Kaff zwischen Bergen und Meer. Jesuitenschüler, Jurastudent, Journalist. Verfasser großer Reportagen, etwa »Bericht eines Schiffbrüchigen« von 1955, später »Das Abenteuer des Miguel Littín« (über Chile unter Pinochet) oder »Nachricht von einer Entführung« (über die Drogenmafia). Miterfinder des »magischen Realismus«. Gabo hat das Etikett abgelehnt; er wusste, bei wem er als Literat in die Schule gegangen ist. Bei William Faulkner. Und bei einem Versicherungsangestellten deutscher Zunge: Franz Kafka.

Was waren Gabos Themen? Die Liebe. Die Leidenschaft. Die Vergänglichkeit, der Kreislauf alles Irdischen. Und Gewalt, die »Violencia« im Heimatland und auf dem Heimatkontinent. 1967 erschien »Cien años de soledad«, »Hundert Jahre Einsamkeit«; 1982 bekam der Verfasser dafür den Nobelpreis. Einsamkeit - der Begriff wurde zur Metapher für die Situation Lateinamerikas. Und »Einsamkeit« zieht sich als Leitmotiv durch Gabos Texte. Schon manche Romantitel wecken das Wort: »Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt« (1961), »Der Herbst des Patriarchen« (1975), »Der General in seinem Labyrinth« (1989).

García Márquez verstand sich als politischer Autor, als linker Aktivist. 1981 musste er deshalb aus Kolumbien fliehen, rund die Hälfte des Lebens verbrachte er in Mexiko. Links: Das hieß für Gabo, das kubanische Experiment bis zuletzt zu verteidigen. Links, das hieß für Gabo auch, im Jahr 2001 anders als andere über den Anschlag auf die Twin Towers zu schreiben. »Wie fühlt man sich, wenn man sieht, daß der Horror im eigenen Hof ausbricht und nicht im Wohnzimmer des Nachbarn? Wie fühlt sich die Angst an? Wie ist das, Yankee, zu wissen, daß der lange Krieg schließlich, am 11. September, in dein Haus gekommen ist?«

Der Romancier musste mit einem Hemmnis leben, einer Behinderung: dem eigenen Ruhm. Die Bücher wurden schwächer, der Ruhm aber wuchs. 2002 hat Gabo, schon an Krebs erkrankt, noch einmal für einen Bestseller gesorgt, mit seiner Autobiografie: »Vivir para contarla«. »Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben«, schrieb der Weise aus dem fernen Südamerika, »sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.« In dieser Biografie zeigt García Márquez noch einmal, was er am besten kann - mit Worten zaubern. Er zaubert ein Dörfchen namens Aracataca, eine Großmutter, die wie Kafka erzählt, und einen schüchternen Studenten aus der Provinz, der zum Magier von Macondo werden sollte. Seltsamer Typ, dieser Student: »wild wuchernder Schnurrbart, aufgewühlte Mähne, fragwürdig geblümte Hemden«.

Fünf Jahre nach der Publikation der Autobiografie ist Gabo noch einmal in Aracataca gewesen. Die Leute dort haben ihn bejubelt, sie feierten den Volkshelden, den Mythos des Schöpfers. Der Schöpfer ist nicht lange im Paradies geblieben, er kehrte zurück nach Mexiko. Und dort, in Mexiko, ist er am Donnerstag gestorben.

»Tausend Jahre Einsamkeit« sah Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos nun auf Twitter voraus. Keine Angst: Lateinamerikas Literatur kennt keine Einsamkeit. Dutzende guter Autoren sind nachgewachsen. Gabriel García Márquez aber bleibt ein Unikum, unvergänglich, auch ein Idol in meiner privaten Galerie.

Vor kurzem sprach ich mit einem Physiker, einem Techniker, wir kamen auf unsere Liebe zur Literatur des Südens und auf ein Buch des Kolumbianers, »Chronik eines angekündigten Todes« von 1981. Schon der erste Satz ist Magie, ich bekam ihn nicht ganz zusammen: »An dem Tag, an dem sie Santiago Nasar töten wollten, stand er um fünf Uhr dreißig morgens auf, um den Dampfer zu erwarten, mit dem der Bischof kam.« Der Fremde, dieser Physiker, Techniker, zitierte den Anfang prompt im Original: »El día que lo iban a matar, Santiago Nasar se levantó a las 5.30 de la mañana ...«

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