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250 Liter Bier für einen Maibaum

Das Stehlen der blau-weißen Fruchtbarkeitssymbole hat Tradition in Bayern

Bier und Brotzeit sind das Mindeste, was Maibaumdiebe in Bayern fordern, wenn sie über die Herausgabe ihrer Beute verhandeln. Denn kein Dorf kann es sich leisten, am 1. Mai ohne den Baum dazustehen.

Es wurde gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war. Allein im Landkreis Miesbach - Wiege altbairischen Brauchtums - holten Burschen in den vergangenen Wochen mehrere Maibäume aus privaten Lagerhallen oder Bauhöfen der Gemeinde. Nachdem die Mitglieder von Trachten- oder Burschenvereinen die Lage um die Verstecke der Fruchtbarkeitssymbole ausgekundschaftet hatten, schlugen sie zu. Im Mondschein, wenn die Maibaumbewacher schliefen oder ihren »Schatz« auch nur einen Moment aus den Augen ließen, holten sie ihre Beute und brachten sie an einen geheimen Ort. Die Ernüchterung bei den Bestohlenen am nächsten Morgen war groß. Schließlich muss der Maibaum spätestens zur feierlichen Aufstellung am 1. Mai weiß-blau gestrichen und festlich geschmückt sein. Davor stehen aber harte Verhandlungen um die Auslöse an. Im Falle von Miesbach ließ es sich Bürgermeisterin Ingrid Pongratz (CSU) 250 Liter Bier und 70 Brotzeiten kosten, um das gute Stück von den Burschen aus Putzbrunn und Harthausen (Landkreis München) zurückzubekommen.

Im Gegenzug helfen die stolzen Diebe am 1. Mai beim Aufstellen des Maibaums auf dem Marktplatz. »Es ist Manneskraft gefragt«, erklärt der Geschäftsleitende Beamte im Rathaus, Klaus Heider. Der fast 30 Meter lange Stamm wird nach alter Tradition aufgerichtet. Dabei liegt das tonnenschwere Gehölz auf gekreuzten Stangen, den Schwalben oder Scherstangen. Nur mit ihrer Muskelkraft bringen junge Männer den Baum in vielen kleinen Schritten von der horizontalen in die vertikale Lage, wo er fest verankert wird. Zuvor schmücken sie den in den Landesfarben Weiß und Blau gestrichenen Baum mit Girlanden und versehen ihn mit den Zunftzeichen einheimischer Handwerksberufe.

Das Maibaumstehlen hat Tradition in Bayern. Seit Generationen ist die Dorfjugend darauf aus, der Nachbargemeinde den frisch gefällten und entrindeten Stamm zu stehlen. Früher wurden die Bäume auf Bauernhöfen versteckt. Inzwischen ist Hightech angesagt. Bewegungsmelder werden installiert, Überwachungskameras halten jeden Schritt um das potenzielle Diebesgut fest. Der Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, Norbert Göttler, mahnt denn auch die Jugend, beim Maibaumstehlen nicht übers Ziel hinauszuschießen. Die Wurzeln des europaweiten Maibaum-Brauchtums liegen nach Göttlers Erkenntnissen eher im Dunkeln. »Schriftliche Quellen gibt es seit der Barockzeit. Vermutlich haben sich die Zünfte und Handwerkergruppen gerne mit solch einem geschmückten Baum dargestellt«, sagt der Heimatpfleger. Ob der Brauch auf die Fruchtbarkeitsrituale und Baummysterien der Kelten zurückgeht, will Göttler der Deutung des Einzelnen überlassen - »wissenschaftlich gesichert behaupten kann man es nicht«.

Maibäume stehen jedenfalls vor der Vertretung des Freistaates in Brüssel genauso wie vor Seniorenheimen und Kindergärten. Und sogar die 2962 Meter hohe Zugspitze ziert ein Maibaum. dpa/nd

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