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Manche Räume schreien nach Theater

Stefan Neugebauer inszeniert im Stadtbad Steglitz

In einem Schauspielergesicht findet ein Regisseur den Charakter, den er für ein bestimmtes Theaterstück lange suchte. Andere Inszenierende sagen beispielsweise, sie würden warten, bis ein Werk, das sie auf die Bühne bringen wollen, Kontakt zu ihnen aufnehme. Stefan Neugebauer lässt Orte auf sich wirken und entdeckt Stücke für sie. Er sagt: »Manche Räume schreien nach Theater. So ein Bühnenbild kann keiner bauen.«

Im Stadtbad Steglitz sei er zwei Stunden in der trockengelegten Schwimmhalle herumgelaufen, stand zuletzt unten im Becken, sah hoch und fühlte sich erbärmlich winzig. Hier inszenierte er »Woyzeck«. Der fühlte sich auch erbärmlich klein, von anderen benutzt. In des Stadtbads Näherei oder Sauna war Neugebauer in den vergangenen Jahren ebenso erfolgreich mit der Suche nach geeignetem künstlerischen Boden. Nun geht sie wieder los. Tschechows »Möwe« möchte er inszenieren. Werden die Wäscherei oder vielleicht das zum Stadtbad gehörende Café Freistil dafür zum russischen Landsitz?

Neugebauer ist künstlerischer Leiter des Clubtheaters Berlin, dessen Name sich fand, nachdem eine Schauspielergruppe im Berliner Club Cookies Theater gezeigt hatte. Dann ging es hinaus und hinein in ein Schaufenster in der Oranienstraße, in einen Kneipensaal und an andere Orte. Seit 2006 und der ersten Inszenierung im stillgelegten Steglitzer Stadtbad mit ungewöhnlichen Möglichkeiten war es vorbei mit dem Wandern.

An der Freien Universität Berlin und der Sorbonne in Paris studierte der geborene Potsdamer Romanistik, Germanistik und Theaterwissenschaft. Der »dramatischen Form bei Bernard-Marie Koltès« galt seine Magisterarbeit. Es folgten drei Jahre als Dramaturg und Regieassistent am Staatstheater Nürnberg. Zur ersten Regie war Neugebauer aber schon in Studienferien bei einem Workshop gekommen. Szenen zu »Warten auf Godot« galt es zu entwickeln. Die Rollen waren schnell vergeben. Er entschied sich für die Regie. »Ich wusste nicht wie, aber ich wollte. Und dann war das wie eine Initialzündung!«. Über 60 Inszenierungen brachte er seither auf die Bühne. »Godot« auch. Stücke mit wachsender Lebenserfahrung erneut anzupacken, reizt den gerade 50-jährigen Kreuzberger. Außer seinen Bühnenerfahrungen in Deutschland erarbeitete er vier Inszenierungen in Tirana, Albanien. Darunter »Woyzeck« in vier Sprachen und bei für ihn damals fremden Reaktionen bei Schauspielern und Publikum auf den Stoff.

Von außen nach innen arbeitete er schon immer bei seinen Produktionen, dringt in den Charakter der Figur vor. Damit nimmt der Spiel-Raum auch Einfluss auf die Handlung. Er sucht sich Schauspieler und Sänger, die das nachempfinden können, erlebt, dass sie andere Bilder entwickeln. Wenn sie gut sind, akzeptiert er sie. »Ist doch egal, von wem eine gute Idee ist.« Fügt verschmitzt hinzu, dass er sich die Bemerkung »Schade, nicht von mir« dann nicht verkneifen könne. Er ist kein »Langprober«, sagt er. Mit vier intensiven Stunden sei es zumeist für eine Probe genug. Anstrengend, aber im Vergleich dazu würden ihn 90 Minuten mit seinem gut eineinhalbjährigen Sohn fast stärker fordern. Langfristige Theaterpläne über Jahre hinaus im Stadtbad kann der Kreuzberger nicht machen. Die »kulturelle Zwischennutzung« laufe dort aus, sagt er. Was für ein Begriff. Was da an Künstler als »Zeitgeschenk« verteilt wird, klingt wie Trockenwohnen.

Geld verdienen muss er natürlich auch. Er unterrichtet Studenten aus aller Welt in deutscher Sprache, spricht selbst Italienisch, Französisch und Englisch. An einer Schule für Sozialpädagogik lehrt er zum Schwerpunkt Theaterarbeit. Manchmal habe er drei Jobs dieser Art gleichzeitig, erzählt Stefan Neugebauer. Mit dem Clubtheater das machen zu können, wofür er brennt, ist es ihm wert. Aber er redet weder von Geld noch von Überlastung. Nur: »Man braucht gute Nerven.«

Bei der Frage, woher er sich die Kraft für alles holt, kommt es im Kreuzberger Café zu einer herrlichen Szene. Neugebauer versinkt für Minuten ins Nachdenken. Er stützt den Kopf auf seine Hand, dreht ihn hin und her und murmelt schließlich etwas von »Spazierengehen vielleicht?«, um zu dem Schluss zu gelangen: »Damit habe ich mich überhaupt noch nicht beschäftigt.«

Was sagt man dazu? Der Mann ist glücklich.

Heute im Blauen Raum um 20 Uhr Premiere des Stücks »Totentanz« von August Strindberg. Weitere Aufführungen: 9. und 10.5., danach Do-Sa bis 14. Juni, jeweils 20 Uhr

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