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Höhenflug und Schwerkraft

Das 51.Theatertreffen Berlin eröffnet heute mit Heiner Müllers »Zement«, Regie: Dimiter Gotscheff

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Staub: Herr der Dinge. Wir wirbeln ihn auf, er setzt sich. Schnee der Ewigkeit, den nichts wirklich wegwischen kann aus jener Kälte der Gezeiten, die ihn frisch hält. Botschafter der Landschaft von morgen: der Wüste. Von Staub gezeichnet und bedeckt, sehen Gesichter maskenlos aus: Denn sie erzählen von der letzten Wahrheit, in der jeder Mensch endet. Jede Ordnung, jede Macht, jede Ära.

Es war 1925 eine bedrängende Idee von Romancier Fjodor Gladkow, Aufbruch und Tragödie der Revolution mit der Produktion von Zement zu verbinden. »Mit dem Bau des Zementwerks beginnt der konkrete Sozialismus«. So steht es im Programmheft der Uraufführung von Heiner Müllers Dramatisierung im Jahre 1973 am Berliner Ensemble, Regie: Ruth Berghaus. Ein Satz, der das Werkzeug gegen die Waffe setzt, Frieden gegen Krieg, Arbeit gegen Chaos - und der doch zugleich, ungewollt wahrscheinlich, die Prophetie eines Niedergangs enthält. Der »konkrete« Sozialismus: Produktion von Beton, in dem diese Welt des Künftigen, nur mäßig lebendig, sich selber begraben wird. Zement: Verhärtung, Ummauerung. Das neue Führergeschlecht: Betonkopf und Bunkergemüt.

Mit Dimiter Gotscheffs Inszenierung am Münchner Residenztheater beginnt heute das 51. Theatertreffen Berlin. Es ist des Bulgaren künstlerisches Vermächtnis, er starb im Oktober vergangenen Jahres. Gotscheff entwarf einmal mehr eine Choreografie der schmerzenden Romantik, des romantischen Schmerzes: Der Höhenflug des Neuen wird ein vergeblicher Krieg gegen die Schwerkraft sein; ja, der Schwung der Revolution reißt Welten auf, was zuvörderst bedeutet: Es klaffen mehr Abgründe als vorher. Staub tanzt hier. Staub klebt.

Regimentskommissar Gleb Tschumalow muss Anfang der 1920er aus dem Schützengraben des Bürgerkrieges in die Werkhalle finden: die Militanz als Sündenfall der Avantgarde. Kommunist, aber im Bett daheim weiter ein Besitzer - Dascha, sein Weib, wird jedoch das Fanal der Gleichberechtigung wie ein Schwert schwingen: wie eine eiserne Urmutter der Emanzipation. Bibiana Beglau und Sebastian Blomberg spielen dieses Paar. Eine berührend innige wie eisbeschichtet frontale Beziehung. Dröhnender Aufeinanderprall, als sei ein Betonmischer der Animator. Dann wieder hoffende, verlorene Stille. Zwei wie Zementstaub, der lebt und nicht weiß, ob er Grabplatte oder Balkon für schönste Aussichten werden soll. Er wird Grabplatte für eine Liebe.

Das Spiel der so außerordentlichen Beglau (auf dem Theatertreffen ist sie auch in Castorfs Celine-Inszenierung »Reise ans Ende der Nacht« zu sehen, ebenfalls Residenztheater), steigert sich immer wieder zur faszinierenden Mischung aus Erstarrung und Eruption, aus kraftvollst abweisender Härte und geschmeidiger Wildkatzenschönheit, aus kühlsten Reaktionen und Hingaben mit ganzer Seele. Daschas Kind wird im Heim verhungern - Beglau porträtiert erschütternd, erschreckend jene revolutionäre Motorik, die »große Sache« mit so viel Leib und Seele zu betreiben, dass man für den einzelnen Menschen kein Herz mehr hat. Sebastian Blomberg als Gleb: bohrender, zäher Behauptungswille, der in den Kämpfen mit Dascha aber, bis ins stockend Komische hinein, in knäbische Hilflosigkeit abrutscht. Blomberg ist Feingeist hinter lederner, knarriger Ruppigkeit, ist kommissarische Derbheit, vor die sich aber mitunter besänftigend ein Schleier Unsicherheit wirft. Er schleppt den Stein des Sisyphos über die Bühne - metaphorischer Brocken, aber auch Altar, Sportgerät.

Ein starkes Ensemble. Arbeiter und Intellektuelle, Rote und deren Feinde, Proletariat und Bürgertum. Eine Szenerie um den Terror der Tugend und die Tugend des Terrors - Gotscheff inszenierte auf Ezio Toffoluttis schräger, heller, leerer Bühne, zwischen kalkig weißen Wänden, gleichsam einem Mausoleum des Mythos, traurige, trotzige, taumelnde, tänzelnde, tapfer heitere und trumpfend derbe Bewegungen. Entfessler und Enttäuschte. Aufpasser und Anpasser. Revolution: Freiheit, die kerkert; Gemeinwohl, das in Gemeinheiten führt; grenzenloser Machtanspruch baut Wände, an denen erschossen wird. Schwermütiger Geist, schwere Stiefel, leichtes Spiel. Ein Chor mit Strumpfmasken wie zu Zeiten, da Toffolutti mit Benno Besson arbeitete. Proletariat in Lumpen. Bewusst vorwärts schreitende Masse? Mitleidgestalten. Jemand diktiert etwas - und der Chor verwandelt sich in eine Schreibmaschine: das neue Leben wie ein Rechtschreibfehler im Text des Todes.

Wenn’s poetisch wird, gleicht der Abend einem Brief von den Toten - die uns darum bitten, Nachsicht mit uns selber zu haben, wenn wir heute, in den Trümmern des sozialistischen Zementwerks, den Traum der Jugend vors Gericht der Selbstprüfung zerren. Aber andererseits ist Gotscheff ganz bei sich und ganz bei Müller, wenn er sein Theater mit Verve und Konsequenz auch wie einen Stein gegen die Mentalität jenes geschichtlichen Selbstmitleids schleudert, das den Schuldspruch über Versagen und Verbrechen der Revolution durch trickreiche Dialektik und listige Relativierung zu entschärfen sucht.

Die besagten Toten. Valery Tscheplanowa im weißen Hemdchen, verhungerte Tochter der Tschumalows, singt traurig Russisches und übermütig Balkanisches. Pastoral und poppig. Helle, liebliche Stimme. Jagt ratternd durch Texte Müllers, in denen der Mythos Bande knüpft zwischen Einst und Jetzt. Absagen an Helden. Zum Beispiel Prometheus am Felsen: will nicht befreit werden in diese Welt des ekelhaften Menschen hinein. Oder Herakles, der uns berichten kann, wie schnell der Mensch zum Mörder wird, den just die edelste Moral mit der Lizenz zum Töten versorgt.

Gotscheff inszenierte stets gegen das überhitzte Pathos - mit aschedunklem Pathos. Kunst als Versuch, sich aus der Erfahrung einer grausamen Realität in die ästhetische Abstraktion zu heben. Um im Abstand überm Boden Traum und Trauma zum gemeinsamen Tanz zu bitten. Das Theatertreffen ehrt den Regisseur mit drei weiteren Inszenierungen: »Iwanow« von Tschechow an der Volksbühne, »Die Perser« von Aischylos und Müllers »Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten«, beide am Deutschen Theater Berlin. Das Haus der Berliner Festspiele zeigt Mark Lammerts Porträtzeichnungen von Gotscheff: »Eine Wand - 20 Zeichnungen«. Eine Videolounge bietet Werkstatt-Einblicke, im DT läuft das Filmporträt »Homo ludens«. Und nach einer der »Zement-Vorstellungen wird Sandy Lopicic, Bühnenmusiker des Regisseurs, mit seiner Band spielen: «Mitkos Lieder».

Am Schluss der expressiven «Zement»-Aufführung steht der in Kämpfen gekerbte, gegerbte, im Feuer der Selbstveränderung gestählte wie gebrochene Gleb mit gestemmtem Stein vor der Welt. Als trage er das Gewicht dieser Welt. Der Dichter Georg Maurer sagte einst vom Menschen, er finde nur in der Arbeit zu sich. Oder aber er sei «der Stein, der erschlägt». Wird Gleb unterm Stein zusammenbrechen? Wird das Revolutionieren doch irgendwann ein schlagender Beweis des lohnend Neuen sein können oder nur immer ein erschlagender Beweis des gehabt Furchtbaren bleiben? Arbeit, ja, welch eine Offenlegung (der Chor jetzt ohne Masken)! Auch die Erinnerung an Aufbrüche sorgt für genug Arbeit: Scheitern will immer wieder neu gelernt sein. Gleb leert einen Sack Zement aus, als ließe er einen Geist aus einer Flasche. Befreiter Staub. Dessen Thron ist die Welt - er wird sich setzen.

TV-Tipp: «Zement», 3sat, 3.5, 20.15 Uhr

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