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Seinsgeschichtlicher Antisemitismus?

Zur begonnenen Erstveröffentlichung von Martin Heideggers »Schwarze Hefte«

  • Von Hans-Christoph Rauh
  • Lesedauer: 6 Min.

Die Aufregung ist groß. Wie konnte ausgerechnet Martin Heidegger (1889-1976), ein weltweit anerkannter »Meisterdenker aus Deutschland«, den Nazis verfallen? Nun, das hat seine »Gründe«, die er selbst - obwohl stets fragend nach dem »Wesen des Grundes« - nie aufklärte. Sein »Sein und Zeit«-bedingter, »praktisch-politischer« Entschluss, für einen »geistig-volkischen Aufbruch« einzutreten, war überlegt und grundsätzlich und kein »banaler Irrtum«. Das NSDAP-Mitglied seit dem 1. Mai 1933 pries in seiner Antrittsrede als Rektor der Freiburger Universität am 27. Mai des Jahres »Größe und Herrlichkeit« des nationalsozialistischen »Aufbruchs«. Das hatte nach 1945 ein durch die französische Besatzungsmacht verhängtes Lehr- und Ämterverbot zur Folge, für Heidegger eine respektlose Maßnahme ohne jeden »Geschmack«.

Auch im abenteuerlichen »Spiegel«-Interview von 1966 »Nur ein Gott kann uns noch retten« finden sich keine kritischen und selbstkritischen Äußerungen zur verbrecherischen »Unzeit« großmachtdeutscher Geschichte, dem Zweiten Weltkrieg und dem millionenfachen Judenmord. Die ersten Buchveröffentlichungen über »Heidegger und der Nationalsozialismus« erschienen zu seinem 100. Geburtstag und gingen im dramatischen Umbruchsjahr 1989 unter.

Seit 1975 erscheint - von ihm so festgelegt - ohne jede Kommentierung und nunmehr bereits in dritter Familiengeneration beaufsichtigt sein philosophisches Gesamtwerk, inzwischen fast einhundert Bände (vom Umfang nur noch mit der Marx-Engel-Gesamtausgabe, MEGA, vergleichbar). Was darin bis dato noch fehlte, waren seine von 1931 bis 1971 geführten »seinsphilosophischen Denktagebücher«, von ihm selbst als »Schwarze Hefte« bezeichnet - was nicht den Inhalt, sondern deren Einbandgestaltung meinte. Es handelt es sich um über dreißig, druckreif verfasste Manuskripthefte, entstanden in seiner, dem großen Erfolg seines einzigen wirklichen Hauptwerkes »Sein und Zeit« (1927) folgenden persönlichen, philosophischen wie politischen Krise. Vieles darin ist nicht viel mehr als Selbstverständigung.

Nun ist ein Viertel dieser »Schwarzen Hefte« - die Jahrgänge 1931 bis 1941 - in der Gesamtausgabe in den Bänden 94 bis 96 publiziert. Das Eingangsheft von 1930, überschrieben mit »Überlegungen I«, sowie die Kriegshefte 1941 bis 1945 sind angeblich unauffindbar »verschollen«.

Die moralisch-politische Entrüstung des Feuilleton bezieht sich vor allem auf Heideggers Rektoramt 1933/34 und seine antisemitischen Äußerungen. Herausgeber Peter Trawny spricht von einem konzeptionellen »seinsgeschichtlichen Antisemitismus«. Doch was soll das heißen? Lenkt dies nicht letztlich von der alltagspolitisch übergreifenden nationalsozialistischen Einstellung Heideggers ab?

Dem von der NS-Propaganda kolportierten Mythos einer »jüdischen Weltverschwörung« unterlag der »Denker« freilich nicht in dem primitiven Maße wie weniger gelehrte Zeitgenossen. Zur Judenfrage äußerte er sich eher ähnlich ambivalent wie Nietzsche. Nur, jener war Privatgelehrter und Dichterphilosoph, Heidegger hingegen in einem staatlichen Lehramt tätig. Auf diesem Posten wurden von ihm nun ein Hauptvertreter des »subjektiven« Neukantianismus, Hermann Cohen, wie auch sein einst »hochverehrter Lehrer« und »lieber väterlicher Freund« Edmund Husserls als »jüdisch« abgetan.

Hat seine - so Heidegger über sich - »antibürgerliche«, »bodenständig-bäuerliche« Grundhaltung ihn dazu prädestiniert, den Nationalsozialismus als »revolutionären Aufbruch« zu werten? Sein früherer, von ihm später ebenfalls als »jüdisch« titulierter Schüler Karl Löwith bemerkte zu Heideggers Rektoratsrede, in der u. a. auch eine universitäre Einheit von »Arbeits-, Wehr- und Wissensdienst« propagiert wurde: Danach habe man nicht gewusst, ob man nun noch ernsthaft griechische Philosophie studieren oder gleich in die SA eintreten sollte. Heidegger meinte beides. Als man ihn selbst allerdings Anfang 1945 zum »Volksturm« dienstverpflichtete, empfand er das als eine unerträgliche Zumutung.

Wenn es jemals auftaucht, müsste im ersten »Schwarzen Heft« von 1930 zu lesen sein, wie Heidegger gemeinsam mit seiner nationalsozialistisch grundüberzeugten Ehefrau Hitlers »Mein Kampf« las. In den nun veröffentlichten »Überlegungen und Winke III« nennt Heidegger es eine »große Erfahrung und Beglückung«, »dass der Führer eine neue Wirklichkeit erweckt hat, die unserem Denken die rechte Bahn und Stoßkraft gibt.« In seinen »Überlegungen III« denkt Heidegger an fachbezogene »Führerschulen«, weltanschauliche» Dozentenlager« und eine zentrale »Reichhochschule«.

Heidegger wollte sehr wohl alltagspolitisch wirken. Das ändert sich, nach seinem frühen Rücktritt als Rektor. Nach dem so »irrtumshaften Scheitern« verhält er sich politisch auffallend unauffällig. Seine tatsächlich immer »kritischer« werdende Haltung zum »Vulgär-NS«, der seinem übersteigerten »geistigen Anspruch« nicht mehr entspricht, vertraut er jedoch nur seinen »Denktageheften« an. Jede »politische Wissenschaft« ist ihm nunmehr suspekt. So verneint er auch in dem »Spiegel«-Gespräch von 1966 und in einem 1969 im ZDF ausgestrahlten Interview jegliche Einflussmöglichkeit von Philosophie auf die Gesellschaft. Politische Wissenschaft ist ihm fortan »Scheinphilosohie«.

Was in der bisherigen Berichterstattung über die »Schwarzen Hefte« gänzlich ignoriert wird, sind die mit Kriegsbeginn gegen das kommunistische »Sowjet-Rußland« erfolgenden Hinweise zum Bolschewismus, den er als »autoritären Sozialismus« kennzeichnet, dem »realen NS« strukturgleich, dennoch mit diesem nicht »gleichzusetzen«. Seine Schülerin Hannah Arendt wird das später in »Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft« politikwissenschaftlich weiter ausführen. Heidegger erscheint es zwar als »wahnwitzig, den Bolschewismus durch das Rasseprinzip bekämpfen zu wollen«; ebenso sieht er den Krieg (mit Ernst Jünger) als »grauenvoll« an. Aber zugleich sei dieser seinsgeschichtlich unabwendbar. Da kennt der Existenzphilosoph kein »existentielles« Mitleid und Erbarmen, auch wenn sich »endzeitlich« seine beiden Söhne in sowjetischer Kriegsgefangenschaft »wiederfinden«.

In den letzten überlieferten »Überlegungen XII« von 1939 kommt Heidegger auf die »Reichskristallnacht« von 1938 zu sprechen. Die »zeitweilige Machtsteigerung des Judentums«, heißt es hier, sei nur möglich geworden durch »die Metaphysik des Abendlandes«, welche die »leere Rationalität u. Rechenfähigkeit« der Juden begünstigt habe. Zum 1941 seiner Ansicht nach »planetarisch« gewordenen Zweiten Weltkrieg - damit enden die »Überlegungen XV« - bemerkt er: »Das Weltjudentum, aufgestachelt durch die aus Deutschland hinausgelassenen Emigranten, ist überall unfassbar und braucht sich bei aller Machtentfaltung nirgends an kriegerischen Handlungen zu beteiligen, wogegen uns nur bleibt, das beste Blut der Besten des eigenen Volkers zu opfern.« Das ist nun wahrlich unglaublich! Zu den »hinausgelassenen«, in Wahrheit vertriebenen Emigranten gehörten zu jenen auch seine Schüler Hanna Arendt und Karl Löwith.

Herbert Marcuse, dessen Habilitationsschrift zu »Hegels Theorie der Geschichtlichkeit« Heidegger Anfang der 1930er Jahre abgelehnt hatte, schrieb an diesen nach dem Krieg: »Ein Philosoph kann sich im Politischen täuschen, dann wird er seinen Irrtum offen darlegen. Aber er kann sich nicht täuschen über ein Regime, das Millionen von Juden umgebracht hat, bloß weil sie Juden waren, das den Terror zum Normalzustand gemacht hat und alles, was je wirklich mit dem Begriff Geist und der Freiheit und Wahrheit verbunden war, in sein blutiges Gegenteil verkehrt hat. Ein Regime, das in allem u. jedem die tödliche Karikatur jener abendländischen Tradition war, die Sie selbst doch so eindringlich dargestellt und verteidigt haben.«

Peter Trawny (Hg.): Martin Heidegger Gesamtausgabe IV. Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main. Bd. 95, 456 S., br., 48 €; Bd. 96, 286 S., br., 37 €.

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