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Digitale Choleriker

Besinnungslose Institutionen provozieren besinnungslose Gedanken. Das Internet ist dafür ein Beispiel. Es ist ja nicht so, dass es vor der Internet-Zeit das Vorurteil, das zum Ressentiment mutierte, nicht gab, es hatte es nur schwerer, sich zu verbreiten. Man kann darin auch einen emanzipatorischen Vorteil erkennen, ihn zumindest erhoffen, nämlich den, dass die Wut nun über ein Erleichterungsventil sich dämpfen kann. Dieses Erleichterungsventil trägt im Internet die Bezeichnung Online-Forum. Jedes Medium - ob klassische Zeitung und Fernsehen oder Weblog und Internetplattform - dient heute als Aufregungsfeld der digitalen Choleriker.

Ihr aktueller Spiritus Rector ist Akif Pirinçci. Der hat ein Buch geschrieben. »Deutschland von Sinnen - der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer« heißt es und der Autor lässt sich darin in vulgärer Sprache über Schwule, Lesben, ethnische Minderheiten und andere aus, denen er unterstellt, klammheimlich kulturelle Hegemonie in Deutschland auszuüben. Das Buch wurde zum Bestseller, was den Redakteur der Wochenzeitung »Die Zeit«, Ijoma Mangold, unter der Überschrift »Die volle Ladung Hass« zur Gegenrede veranlasste. Die wiederum provozierte mehr oder weniger hasserfüllte Kommentare in dem Leserforum auf zeit.de. Tenor der Entgegnungen: Mangold wisse wie viele seines Berufsstandes nicht mehr, wie es um die gesellschaftliche Realität bestellt sei: Arabische Großfamilien tyrannisierten ganze Stadtteile, sexuelle Minderheiten seien in der Berichterstattung überrepräsentiert und um die Toleranz werde ein Popanz errichtet.

Mangolds Kollege Stefan Willeke machte sich die Mühe und versuchte persönlich mit den Lesern ins Gespräch zu kommen. Seine Reise zu den Lesern führte ihn in eine Realität, die auch den meisten Journalisten bekannt vorkommen dürfte. Es sind nämlich nicht die gesellschaftlich Marginalisierten, die die Online-Foren im Internet zur Entsorgung des besinnungslosen Gedanken nutzen. Promovierte Historiker sind darunter, Literaturwissenschaftler und Musiker, Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen, Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, die Deutschland als »ein Biotop der Angsthasen« bezeichnen und die sich von Moscheen und Händchen haltenden Schwulen bedroht fühlen.

»Eine deutsche Präzisionsarbeit ist das, die Transformation von Angst in Wut«, kommentiert Willeke auf zeit.de, und er fragt sich: »Wer setzt sich stärker über wessen Realität hinweg (...) - wir, die Journalisten (...) oder die aufgebrachten Leser?« Willeke zitiert eine 66-Jährige, »aktives Mitglied des Kunstvereins« in ihrem Wohnort, eine feinsinnige Dame, die sich eigentlich schon ob der vulgären Sprache von Pirinçcis abwenden müsste. Tut sie aber nicht. Sie fühlt sich von der Realität »überrollt (...) Sie sagt, sie habe Pirinçcis Buch tatsächlich gelesen, begeistert sei sie gewesen, an Bekannte habe sie es weitergereicht«, schreibt Willeke.

Wo aber steht geschrieben, dass Medien die Pflicht haben, die Realität so wiederzugeben, wie sich dies die Online-Community wünscht? Für andere Realitäten gibt es schließlich die Foren.

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