Geldgier war das treibende Motiv

Verfahren um den Ex-Boss der Treberhilfe Harald Ehlert geht in die Endphase

Nach achtmonatiger Gerichtsverhandlung gegen Harald Ehlert gibt es immer noch kein Urteil. Die Verteidigung stellte weitere Anträge.

Es begann vor fast fünf Jahren völlig harmlos mit einem Strafzettel. Ein Fahrzeug der Berliner Treberhilfe kam im Juni 2009 mit überhöhter Geschwindigkeit in eine Radarkontrolle in Mecklenburg-Vorpommern. Der Fahrer konnte nicht festgestellt werden, also wurde das Sozialunternehmen verpflichtet, ein Fahrtenbuch zu führen. Dagegen klagte dessen damaliger Chef Harald Ehlert vor dem Verwaltungsgericht und brachte so - ungewollt - eine Lawine ins Rollen.

Am Mittwoch wollte das Landgericht nach achtmonatiger Verhandlung gegen den einstigen Sozialboss Ehlert wegen Steuerhinterziehung eigentlich das Urteil sprechen, doch weitere Anträge der Verteidigung sorgten für eine Verlängerung des Prozesses. Am letzten Verhandlungstag kamen seine Expansionspläne zur Sprache. So wollte Ehlert beispielsweise im Ruhrgebiet 1200 Wohneinheiten aufkaufen, das Geschäft kam aber nicht zustande.

Im Zuge der über Monate geführten Ermittlungen kam einiges ans Tageslicht. Ehlert ließ sich seine Geschäftsführertätigkeit fürstlich entlohnen, 365 000 Euro kassierte er im Jahr, fuhr neben dem Maserati noch weitere Luxuskarossen, leistete sich eine Villa am Schwielowsee - einschließlich der Angestellten. Die Treberhilfe mit damals 280 Mitarbeitern machte 2009, als die Geschäftsgebaren öffentlich wurden, einen Jahresumsatz von 12 Millionen Euro. Sie war mehr als nur ein Mittelstandsbetrieb.

In Schöneberg, Neukölln, Wedding, Treptow und Grunewald betreute sie etwa 30 Wohnprojekte und Cafés, versorgte zeitweise bis zu 3500 Menschen. Die Gelder stammten aus öffentlichen Mitteln. Die Einnahmen waren also garantiert. Dass sich Ehlert kräftig selbst bediente, zeigte zwar eine recht fragwürdige Moral, doch es war nicht strafbar. Ein privates Unternehmen entscheidet nun einmal selbst, wie es seinen Chef entlohnt. Und Harald Ehlert hatte als Chef für sich entschieden, dass seine exorbitanten Einkünfte in voller Übereinstimmung mit seinen Leistungen für die sozial Schwachen stehen.

Das Gericht musste nun auseinanderpflücken, wo und wie die Vermischung von Privatem und bezahlter Sozialarbeit zu kriminellen Unregelmäßigkeiten geführt hat. Beispielsweise bei der Nutzung des Dienst-Maserati. Damit ließ sich der Sozialmanager Ehlert nicht nur zu den einzelnen Anlaufstellen für Obdachlose fahren, auch für Wochenend- und Urlaubsfahrten wurde er genutzt. Die Treberhilfe galt als gemeinnützige Einrichtung, wäre die private Nutzung von Dienstfahrzeugen öffentlich geworden, hätte sie schon 2009 den Status verloren und Steuern zahlen müssen. Wie hoch der Betrug war, ließ sich nicht genau ermitteln, das Gericht ging von 610 000 Euro aus.

Als der Skandal öffentlich wurde, spielte die Sozialverwaltung des Senats nicht mehr mit und stellte die Zahlungen ein. Die Stimmung kippte, und Ehlert trat von seinem Posten zurück, hielt aber die Fäden im Hintergrund weiter in der Hand. Doch die Treberhilfe kam nicht zur Ruhe, 2011 ging sie mit einem Schuldenberg von 4,5 Millionen Euro in die Insolvenz. Für null Euro wurde sie vom evangelischen Diakonieverein Zehlendorf übernommen und in die Neue Treberhilfe überführt. Ehlert wollte immer noch mitspielen und versuchte, sich beim Arbeitsgericht als Mitarbeiter - wieder mit einem satten Gehalt - einzuklagen. Vergeblich. Die Situation wurde nach der Neustrukturierung nicht besser. Die Sozialstation konnte vielfach die Mieten für bereitgestellte Obdachlosenwohnungen nicht bezahlen. 2013 musste auch das Nachfolgeunternehmen in Teilbereichen Insolvenz anmelden.

Ein weiteres Verfahren kommt im Mai auf Ehlert zu. Das Amtsgericht Tiergarten verfügte gegen den Ex-Boss eine Strafzahlung von 24 000 Euro wegen Insolvenzverschleppung. Da Ehlert sich weigert zu zahlen, wird der Fall ab 20. Mai verhandelt.

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