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Leipzig

Leo Fischer meint: Das kann weg!

Es ist schlechterdings nicht mehr auszuhalten. Seit Anfang der Nullerjahre, vielleicht sogar schon länger, hört man es geheimnisvoll von Leipzig wispern; überall, besonders jedoch in der Hauptstadt. Leipzig sei ein Geheimtipp, raunt man, so wundervoll wie Berlin vor zehn Jahren, jung, quirlig, alternativ, optimistisch; Hightech und Lowtech teilten schon die Gewerbegebiete wie Tortenstücke unter sich auf; wer morgen vornedran sein möchte, sei gut beraten, dort noch heute hinzuziehen. Und geht nicht die Sage vom unermesslichen Reichtum an Seltenen Erden in der Region, beginnt dort nicht eventuell ein neues Bergbau- und Rohstoffzeitalter für Deutschland, für Europa? Die Tatsache, dass diese Gerüchte nicht zu altern scheinen; der Umstand, dass Leipzig seither nicht auch nur den allerkleinsten Schritt in Richtung Urbanität und Hipness getan hat; schließlich das Paradox vom allbekannten Geheimtipp, das dafür sorgt, dass sich Leipzig zu einer Art »Berghain« unter den Städten entwickelt - all das weist eher auf eine Neurose als auf echtes Interesse hin.

In Wahrheit ist Leipzig ein von trost-, reiz- und geistlosem Ödland umschlossener, ebenso trost-, reiz- und geistloser Flecken Erde, den nur eine gewisse architekturkritische Inkonsequenz der alliierten Fliegerstaffeln vorm totalen Bedeutungsverlust bewahrt hat. Leipzig ist in Bahnhofsnähe ein einziges aufgetakeltes Einkaufszentrum, in der Altstadt eine Puppenstube, ansonsten eine Mondlandschaft. Insgesamt hat die Stadt exakt das kulturelle Niveau und Lebensgefühl all jener anderen trübdeutschen Provinzfürstentümer, Bielefeld, Karlsruhe, Oldenburg, deren einziger Vorzug es ist, in sinnvoller Nähe keinerlei Alternative zu sich selbst zu haben. Einzig von Belang ist die Buchmesse - das Megaevent für Berliner Literaten, die für das Ticket nach Frankfurt zu faul sind und allen Ernstes glauben, dieser Flohmarkt sei bedeutsame Konkurrenz für die größte Messe der Welt. In der Leipzig-Euphorie kommt der Berliner Provinzialismus zu sich selbst: Weltstadt sein wollen, aber auf »Touris« schimpfen; 24 Stunden shoppen mögen, aber keine Gentrifizierung dulden; sich mit New York vergleichen, aber vom Kräutergärtlein träumen. Man wurschtelt mit im zentralen Feldlager des europäischen Imperialismus, dort, wo die großen Sicherheits- und Finanzallianzen geschlossen werden, glaubt aber, mit Tauschringen und Biobrause die Welt zu verändern. Wer aus Berlin nach Leipzig will, lässt genau diese Widersprüche hinter sich, kann wirklich in die ersehnte Provinz gehen und doch glauben, Avantgarde zu sein. Sollen sie doch hin - gebraucht werden sie ohnehin nirgendwo.

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