Sieben Tage, sieben Nächte

Wolfgang Hübner über Redakteure, Zeitungsherstellung und »Roboterjournalismus«

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 2 Min.

Neulich fand sich in einem Zeitungsartikel der Satz: »Unfälle ließen sich trotz des Sicherheitsstandards bei ›grob fahrlässigem Verhalten‹ nicht immer gewährleisten.« Normalerweise würde man den kleinen Lapsus im Bereich Satzbau als Flüchtigkeitsfehler einstufen. Vielleicht aber verhält es sich anders. Vielleicht ist dieser Satz das Produkt von Roboterjournalismus, über den man dieser Tage allerhand lesen und auf einer Medienkonferenz in Wien auch hören konnte.

Im Kern geht es darum, dass immer mehr Abläufe im Redaktionsalltag rein maschinell erledigt werden könnten, von der Herstellung einer Grafik bis zum Verfassen einer Nachricht. Das passt ja eigentlich ganz gut in den Trend der Zeitungskrise: Zeitungen werden nicht nur von immer weniger Menschen gelesen, sondern auch von immer weniger Menschen hergestellt. Und in die kapitalistische Grundidee sowieso: Der Mensch als Produzent wird zunehmend entbehrlich, und wenn die Konsumtion auch noch ohne ihn funktioniert - um so besser.

Manchmal hat man ja den Eindruck, dass längst Roboter in diversen Redaktionen eingesetzt werden. Standardsätze wie »Die Parteien sind für den Wahlkampf gut aufgestellt«, »Die Bayern gewannen standesgemäß«, »Für den Wahlabend wird ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet«, »Der DAX tritt auf der Stelle« oder »Regierung und Opposition lieferten sich einen heftigen Schlagabtausch« kann jeder Roboter auswerfen.

Wie so oft bei technischen Innovationen im Zeitungswesen ist - man muss es leider einräumen - der Springer-Verlag führend. Bei der »Bild«-Zeitung haben sie schon seit vielen Jahren eine Kolumnenroboter, der auf den skurrilen Namen »Franz Josef Wagner« getauft wurde und täglich einen Text auf zuverlässig hohem grotesken Niveau generiert. Diesen Wahnsinn würde ein richtiger Mensch ja auf Dauer gar nicht aushalten.

Wenn das um sich greift - was bleibt da den menschlichen, den Humanredakteuren in Zukunft noch tun? Vielleicht nur noch, ab und zu ein seltenes, fast vergessenes Wörtchen wie etwa Imponderabilität einzustreuen, das dafür sorgt, dass dem Redaktionsroboter die Zündspulen durchschmoren. Aber werden solche Partisanenaktionen die Entwicklung aufhalten können? Schon nächstes Jahr werde man nicht mehr unterscheiden können, sagte ein Experte auf der Wiener Zeitungskonferenz, ob eine Sportnachricht von einer Maschine geschrieben wurde oder von einem Menschen. Das ist ein Satz, über den man gründlich nachdenken sollte. Spricht er für die neue Technik? Oder spricht er vielmehr gegen die Fähigkeiten der Menschen?

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