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Gefährliches Halbwissen

  • Von Heidi Huß, Chemnitz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein Brief ist von dir gekommen. Aus Moskau. Datiert vom 28. April 1986. Und wir spüren deine Freude auf die bevorstehende Exkursion. In der Nacht vom 9. zum 10. Mai hin und in der darauffolgenden wieder zurück. Typisch Studenten!

»Kiew ist sicher eine zu große Stadt, um an einem Tag besichtigt zu werden«, schreibst du. »Und hoffentlich haben wir gutes Wetter. Da könnte man ja schon einmal ein Bad im Dnjepr probieren.« Jetzt sitzt du mit weiteren DDR-Studenten der Philosophischen Fakultät der Lomonossow-Universität im Nachtzug in die Hauptstadt der Ukrainischen SSR. Vielleicht schläfst du auch. Der kommende Tag, der 10. Mai 1986, wird anstrengend werden.

Was 14 Tage zuvor, am 25. April, geschah, du weißt es nicht, zumindest nicht genau: die 3000 Tonnen schwere Stahlbetonhülle des Reaktorblocks 4 im Atomkraftwerk Tschernobyl zerbirst, wird in die Luft geschleudert. Grafitelemente, Brennstäbe fliegen umher. Radioaktivität - nicht zu riechen, zu schmecken, zu hören - auf Straßen, Dächern, in den Vorgärten. Das todbringende Plutonium 239 mit einer Halbwertszeit von 24 000 Jahren wird bis zum Jahr 25 986 erst zur Hälfte verschwunden sein, wird dann immer noch als Staub auf Wiesen und Feldern liegen, auf Seen und Flüssen schwimmen. In der Ukraine. In Belorussland.

Doch das weiß ich nicht an jenem 9. Mai, als mich dein Brief erreicht. Auch du weißt es nicht, obwohl du näher dabei bist. Zwei Tage nach dem Super-GAU - ein bisher unbekanntes Wort für mich - also zwei Tage danach schreibst du von euren schauerlichen Reiseplänen.

Am 29. April 1986 druckt das »Neue Deutschland« an unauffälligster Stelle eine Mitteilung der SU-Nachrichtenagentur TASS: »Im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine hat sich eine Havarie ereignet... Einer der Kernreaktoren wurde beschädigt. Den Betroffenen wird Hilfe erwiesen.« Die Arbeit der Betriebe verlaufe normal, Westmeldungen über Tote seien Gerüchte, teilt am 2. Mai der UdSSR-Ministerrat mit.

Doch zu gleicher Zeit kämpfen bis zu 800 000 namenlose Liquidatoren - teils in den Stoffuniformen der Feuerwehr - gegen die unbarmherzige Strahlung, werden die Bewohner der Stadt Prypjat innerhalb von drei Stunden mit 1200 Bussen evakuiert.

Wie soll ich dich erreichen, mein Kind? Briefe landen in Sammelstellen und werden schubweise ausgehändigt. Telefonieren kannst du mit mir nur nach aufreibender Voranmeldung und langem Warten. Handys gibt es noch nicht.

Dann endlich, der nächste Brief, geschrieben Mitte Mai. Und du schwärmst: »Kiew ist herrlich! Wenn es sonst einen Park in einer Stadt gibt, so ist Kiew eine Stadt in einem riesigen Park. Überall Grün, Grün, Grün. Rot und weiß blühende Kastanien säumen die Straßen. Blumenrabatten, Springbrunnen, Bänke. Der richtige Ort zum Erholen. Auch wirkte Kiew weniger hektisch als Moskau, keine Menschenströme wälzten sich auf den Bürgersteigen.«

Du bist immer noch nicht aufgeklärt. So wie wir auch. Nur Halbwissen. Gefährliches Halbwissen.

Zehn Jahre später, im Jahr 1996, werden auch wir Kiew erleben dürfen, als deine Gäste. Die Stadt wird deine Wahlheimat und Arbeitsstätte werden. Für dich, deinen Mann, eure Kinder. Im dann vereinten Deutschland - nein, du hast dich nicht verhört - wird es für ehemalige Absolventen der Lomonossow-Universität vorerst keine Chance geben. Vom Balkon eurer schönen Wohnung in der Staranawodnitzkaja werdet ihr zum breit strömenden Dnjepr und zur über 60 Meter hohen aus Titan gegossenen Schwert tragenden »Mutter Heimat« schauen. Jeden Schluck Wasser werdet ihr filtern müssen, Lebensmittel aus dem Devisenladen holen, frischen Fisch für viele Jahre meiden, jedoch das schmackhafte Gemüse und Obst, das die Bauern von der Krim bringen, auf dem nahen Rynok kaufen. Wir werden über den Kreschtschatik bummeln, unter blühenden Kastanien, dankbar sein, dass der Wind - damals - entgegen der Regel nicht aus Nordwest wehte, und so eine Millionenmetropole überleben konnte. Im Hydropark, gegenüber dem Höhlenkloster mit den goldenen Kuppeln, werden wir den Alten zusehen, die sich nach Schostakowitschs melancholischem Walzer im Tanz drehen. Wir werden die lästigen Mücken verjagen und der Schwiegersohn wird beschwichtigen: »Solange sie schwirren ist alles gut. Sie spüren es zuerst.« Das alles wird sein. Knapp zwei Autostunden von Tschernobyl entfernt.

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