Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Die hohen Kosten des arktischen Öls

Greenpeace protestiert auf See und in Rotterdam gegen Ölbohrungen

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 4 Min.
Das erste russische Öl aus der Arktis ist in Rotterdam gelandet. Der angekündigte und gefeierte Boom bleibt jedoch aus.

Im Allgemeinen freuen sich Seeleute, nach ihrer Reise von einem Willkommenskomitee begrüßt zu werden. Die Besatzung der »Michael Uljanow« dürfte jedoch wenig beglückt gewesen sein, im Hafen von Rotterdam vom Greenpeace-Schiff »Rainbow Warrior« willkommen geheißen zu werden. Die Umweltaktivisten versuchten, das Anlegen des Tankers zu verhindern, bis sie durch die niederländische Polizei zeitweise festgenommen wurden.

Dabei kann die Fahrt des russischen Schiffes durchaus als historisch bezeichnet werden. Es transportierte erstmals Rohöl nach Westeuropa, das auf einem Offshore-Feld in der Arktischen See gefördert worden war. Die reguläre Ausbeutung des Prirazlomnaja-Feldes hat offiziell begonnen. Der technische Erfolg hat aber einen hohen Preis. Einerseits bestehen Umweltgefahren im Falle eines Ölaustritts. Dagegen richtete sich insbesondere der Protest von Greenpeace, die im Übrigen immer noch auf die Freigabe ihres Schiffes »Arctic Sunrise« wartet, das von den russischen Behörden beschlagnahmt wurde, während die Besatzung gegen die Ölbohrungen in der Arktis protestierte.

Andererseits musste der Öl- und Gaskonzern Gazprom für die Erschließung des Feldes enorme Summen ausgeben. Allein die speziell konstruierte, eisgesicherte Plattform kostete über eine Milliarde Dollar. Sie liegt soweit im Meer, dass ein Pipeline-Transport über Land unrentabel wäre, zumal die Infrastruktur fehlen würde. Deshalb muss das Öl in Pendelfahrt verschifft werden. Da der Arktische Ozean aber im Meeresschelf relativ flach ist, müssen kleinere Tanker wie die »Michael Uljanow« mit einer Ladekapazität von 70 000 Tonnen Öl verwendet werden, deren Betrieb den Transport verteuert. Die Förderkosten von etwa 40 Dollar per Tonne sind bereits deutlich höher als beispielsweise im Nahen Osten oder auf dem russischen Festland. Dazu kommen in der Arktis zusätzliche Kosten für Eisbrecherabsicherung. Zudem muss das mühsam gewonnene Öl in Rotterdam zum Discountpreis verkauft werden, da seine Qualität geringer ist als die der Vergleichsmarke Brent. Der Profit für Gazprom ist also gering und lässt sich auch nur dadurch erzielen, dass das Unternehmen Steuererleichterungen vom russischen Staat bekommt. Und sollte der Rohölpreis, der aktuell um die 100 Dollar per Barrel schwankt, auf 80 bis 90 Dollar abrutschen, wird das arktische Offshorefeld endgültig unrentabel.

Russland sieht sich jedoch gezwungen, die eher marginalen arktischen Felder auszubeuten, da die bekannten Reserven auf dem Festland ihren Förderhöhepunkt bereits überschritten haben. Große Fördermengen sind zudem über Jahre vertraglich gebunden für Lieferungen an China, so dass nur relativ kleine Mengen für den Verkauf auf dem freien Markt zur Verfügung stehen. Darüber hinaus will Russland in der Arktis einen strategischen Vorsprung gegenüber den anderen Anrainerstaaten erreichen.

Die russischen Anstrengungen werden von diesen natürlich genau beobachtet, aber die Schlussfolgerungen beispielsweise Norwegens sind ganz anders. Obwohl auch hier der Öl- und Gassektor von großer Bedeutung ist, entscheidet die Rentabilität. So hat der mit arktischen Bohrungen sehr erfahrene Statoil-Konzern in der Norwegischen See mit dem Johan-Castberg-Feld zwar ein Vorkommen gefunden, das in der Größe vergleichbar ist mit dem russischen. Seine Ausbeutung wird aber auf sich warten lassen, da die Kosten nicht den Aufwand rechtfertigen. Ähnliches wurde bereits für ein arktisches Gasfeld entschieden.

Auch bei der Erschließung in grönländischen Gewässern sind die Ölgesellschaften zögerlich. Trotz immensen Aufwandes und hoher Summen für Probebohrungen, ist man hier immer noch nicht auf ein Feld gestoßen. Offiziell bekunden einige Unternehmen zwar weiter ihr Interesse, aber die bisher gewonnenen Daten werden noch sehr genau studiert, bevor erneut Hunderte von Millionen Euro in Probebohrungen fließen. Ähnlich zurückhaltend geben sich die Unternehmen gegenwärtig im bereits erschlossenen Alaska. Ob die gefundenen Felder den notwendigen Aufwand für Neuerschlüsse rechnen, muss erst genau kalkuliert werden.

Die noch vor wenigen Jahren euphorischen Töne vom kommenden arktischen Öl- und Gasboom sind inzwischen von wirtschaftlichem Realismus zurückgedrängt worden. Im Interesse der fragilen arktischen Natur wäre es besser, Auswege aus der fossilen Abhängigkeit der Menschheit zu suchen als Ressourcen für Projekte mit geringem Nutzen zu opfern.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln