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Stress-Impfung für Lokführer

Spezielles Betreuungskonzept der Deutschen Bahn soll traumatisierten Mitarbeitern helfen

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Hunderte von Lokführern erleben jährlich, dass sich ein lebensmüder Mensch vor ihren Zug wirft. Eine umfassende Betreuung soll sie jetzt besser auf dieses Berufsrisiko vorbereiten.

Wer als Lokführer auf Deutschlands Schienen unterwegs ist, hat es nicht leicht. Durchschnittlich muss er in seinem Arbeitsleben zwei bis drei so genannte Überfahrungen verkraften. Mit anderen Worten: Er tötet mit seinem Zug einen Menschen, der sich in voller Absicht vor das Fahrzeug wirft, um sich das Leben zu nehmen.

Selbst wenn der Lokführer alle Maßnahmen einleitet und den Zug sofort bremst, hat er keine Chance, das zu verhindern. So ein Erlebnis hinterlässt Spuren auf der Seele - vom unmittelbaren Schockzustand bis hin zu Schlaflosigkeit, Zittern oder Angstzuständen. Diese körperlichen Symptome können unter Umständen erst Monate nach dem Geschehen auftreten, und sind für den Betroffenen nur schwer selbst in den Griff zu bekommen. Experten sprechen von einem Trauma, das sich zu einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln kann und behandelt werden muss.

Die Deutsche Bahn arbeitet deshalb seit zehn Jahren an einem Betreuungskonzept, das auf den Modulen Prävention, Betreuung in der Akutphase und Nachbetreuung aufbaut. Dabei steht dieses Betreuungskonzept nicht nur betroffenen Lokführern zur Verfügung, sondern auch anderen Bahnmitarbeitern, die mit einem traumatischen Erlebnis am Arbeitsplatz konfrontiert sind. Denn zu den Schienensuiziden (2012 gab es 680) kommen jährlich circa 1200 bis 1300 Vorfälle wie beispielsweise tätliche Übergriffe gegen Mitarbeiter an Verkaufsschaltern oder direkt in den Zügen. »Der Fokus des Konzeptes liegt allerdings klar auf unseren Lokführern mit dem Ziel, dass sie nach einem Suizid-Erlebnis nach einer angemessenen und individuellen Zeit ihre Arbeit fortsetzen können«, erklärt Annett Schlesier. Sie ist Gesundheitsmanagerin bei der Deutschen Bahn und stellte das Konzept auf dem Rehawissenschaftlichen Kolloquium des Leipziger Berufsförderungswerks vor wenigen Tagen in Leipzig vor. »Prävention bedeutet, die Lokführer bereits in der Ausbildung gedanklich darauf vorzubereiten und zu sensibilisieren, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Schienensuizid konfrontiert werden. Sie lernen die psychischen Symptome und entsprechenden Hilfsangebote kennen und erhalten quasi eine Stress-Impfung vorweg«, so die Gesundheitsmanagerin.

In der Akutphase geht es dann unter anderem um die psychische erste Hilfe am Ort des Geschehens. Dazu gehören der permanente Funkkontakt mit einem Vertrauensmitarbeiter, die direkte Ablösung des Lokführers oder auch die begleitete Heimfahrt des Betroffenen. Die Nachbereitung hat das Ziel, den Lokführer beruflich wieder einzugliedern. Nach der individuellen Freistellung wird er stufenweise und auf Wunsch unter psychologischer Betreuung an die Belastungssituation herangeführt, wozu auch das begleitete Vorbeifahren an der Unfallstelle zählt. Spätestens ein Vierteljahr nach dem Erlebnis erfolgt eine telefonische Nachbefragung durch einen Psychologen, um mögliche Restbeschwerden zu erkennen und einer chronischen Fehlentwicklung entgegen wirken zu können. In 98 Prozent gelingt dieser Bewältigungs- und Wiedereingliederungsprozess sehr gut, so dass auch bei einem weiteren derartigen Erlebnis die Lokführer besser mit der Situation umgehen können. Wer trotzdem gar nicht mehr auf die Lok zurück kann, dem bleibt es frei gestellt, bei der Bahn in einer anderen geeigneten Funktion zu bleiben oder das Unternehmen mit einer Abfindung verlassen.

Aber was ist in all den Jahren vorher mit den traumatisierten Lokführern passiert? »Betreuungskonzepte zur psychischen Bewältigung traumatischer Erlebnisse am Arbeitsplatz gibt es noch nicht lange, da das Thema «Trauma im Arbeitsleben» erst seit circa 20 Jahren überhaupt wahrgenommen wird«, erklärt die Psychologin Barbara Weißgerber von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Bei der Deutschen Bahn gesellt sich allerdings ein weiterer Faktor dazu, warum lange Zeit keine Betreuung von traumatisierten Mitarbeitern stattfand: »Das hatte auch viel mit dem Berufs- und dem entsprechenden Männerbild eines Lokführers zu tun. Lokführer wird man nicht, das ist man. Das sind harte Kerle, die nichts umhaut - zumindest verkörpern sie das nach außen«, so Schlesier. Erst interne Befragungen ergaben, dass auch bei den Lokführern ein Wunsch besteht, in diesen Situationen nicht allein gelassen bzw. darauf vorbereitet und betreut zu werden. Offenbar mit Erfolg; denn Auswertungen zeigen, dass die Tage der Arbeitsunfähigkeit nach dem traumatischen Erlebnis eines Schienensuizids von 42 mit Hilfe der intensiven psychischen Betreuung auf durchschnittlich zehn Tage gesenkt werden konnte.

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