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Kapitalistische Landnahme im Weltraum

Die Mars-Mission als Spektakel und Akkumulationsfantasie

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Der Mars hat von jeher die menschliche Fantasie beflügelt. Ob in Filmen oder Büchern, die Reise zum 228 Millionen Kilometer entfernten Nachbarplaneten wurde fiktional unzählige Male durchgespielt. Aktuell erfreuen sich auch mehr oder weniger realistische Raumfahrtpläne größter Beliebtheit. Dabei sind es vor allem private Unternehmen und Stiftungen, die Menschen zum roten Planeten schicken wollen. NASA und ESA hingegen planen frühestens für die 2030er Jahre bemannte Marsflüge.

Das technische Problem dabei ist vor allem, Menschen vom Mars zurück zur Erde zu bringen. Zwei Missionen wollen diese Hürde umgehen. 2018 soll mit der »Mars Inspiration« ein bemannter Flug starten, den Mars umrunden und zur Erde zurückfliegen. 501 Tage sind für dieses Spektakel eingeplant, das die Weltraumfahrtobsession des Milliardärs Denis Tito krönen soll, der als Tourist schon die Weltraumstation ISS besucht hatte. Deutlich weiter geht da schon »Mars One«. Das Projekt eines holländischen Medienunternehmens will 2025 erst einmal vier Menschen auf dem roten Planten als Kolonisten dauerhaft absetzen, weitere sollen folgen. Dort werden sie in Containern leben, das Spektakel wird medial übertragen, um so das Unternehmen zu finanzieren. Nach der ersten Auswahl potenzieller Kandidaten ist ein Feld von gut 1000 Aspiranten übriggeblieben. Die Kolonisierung des Mars scheint unausweichlich und damit entsteht eine ganz neue Erzählung kapitalistischer Landnahmen.

Besitzansprüche im Weltraum werden durch den 1967 von den Vereinten Nationen verabschiedeten »Vertrag über die Grundsätze zur Regelung der Tätigkeiten von Staaten bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper« geregelt. Letztlich bietet der Vertrag aber kaum Rechtssicherheit, wie die Diskussionen um die geplante militärische Weltraumnutzung durch Ronald Reagans SDI-Pläne Anfang der 80er zeigten. Der Mondvertrag der UN von 1979 versucht detaillierter, auch für Privatpersonen mögliche Besitzansprüche im Weltraum zu regeln. Das Papier wurde aber nur von 15 Staaten ratifiziert, unter anderem von Österreich, Australien und Uruguay. Wer den roten Planeten kolonisieren oder irgendeiner Verwertung unterwerfen will, befindet sich rechtlich in einer Grauzone, die in der Weite des Weltraums definitiv nicht beseitigt werden kann.

Ironisch thematisiert wurde die Frage um Besitzansprüche auf den roten Planeten schon 1961 in Robert Heinleins Roman »Fremder in einer fremden Welt«, wo der Nachkomme einer verschollenen Marsmission juristisch plötzlich zum Alleinherrscher des Mars und bei seiner Rückkehr zur Erde zum Spielball globaler politischer Intrigen wird. Überhaupt dient in der Science-Fiction-Literatur die Inbesitznahme des roten Planeten immer wieder als narrativer Rahmen. Zumeist sind es imperialistische Landnahmen wie in Philip K. Dicks »Marsianischer Zeitsturz« oder in Ray Bradburys Klassiker von 1950 (»Die Mars-Chroniken«), bei denen den profitorientierten Menschen von der Erde »Das exotische Andere« in Form naturwüchsiger, nicht selten mit telepathischen Gaben ausgestatteter Marsianer begegnet.

Eine andere Variante ist die Eroberung der Erde durch den Mars, wie das schon Ende des 19. Jahrhunderts von H.G. Wells in »Krieg der Welten« und von Kurd Laßwitz in »Auf zwei Planeten« exerziert wurde. Dabei wird bei Laßwitz die Erde als marsianisches Protektorat zum Spielball kolonialer Interessen, während H.G. Wells gleich den imperialen Vernichtungskrieg in Szene setzt. Und sogar im sozialistischen Marsroman »Der rote Planet« von Alexander Bogdanow planen die Marsianer, die Erde zu kolonisieren. Die fiktionalen Beziehungen zwischen Mars und Erde haben immer etwas mit imperialen Besitzansprüchen und profitorientierten Landnahmen zu tun.

In der Realität des krisengeschüttelten Spätkapitalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts könnte die Kolonisierung des Mars auf eine im Grunde nicht weniger fantastisch anmutende Weise vonstatten gehen. Folgt man Rosa Luxemburg, benötigt der Kapitalismus stets ein Außen, das er absorbieren bzw. sich einverleiben kann. Diese Idee einer ständig sich fortsetzenden »ursprünglichen Akkumulation« wird ganz ähnlich auch bei den marxistischen Wissenschaftlern Silvia Federici und David Harvey verhandelt. Die Landnahmen im Weltraum bzw. auf dem Mars geschehen außerhalb einer vertragsförmigen gesellschaftlichen und ökonomischen Ordnung, werden aber durch eine mediale Übertragung auf die Erde und daran geknüpfte mögliche Spekulationen einem kapitalistischen Verwertungszweck unterworfen. Der globale Erdkapitalismus, ganz egal durch wen er in diesem Fall repräsentiert wird, verleibt sich dabei territoriale Stücke eines anderen Planeten ein. Ein Wettbewerb zwischen verschiedenen Firmen oder Konzernen um territoriale Ansprüche, Bodenschätze oder Patente im Weltraum, wie dies beispielsweise in Ridley Scotts Film »Alien« angedeutet wird, wäre eine weitere Entwicklung, von der wir aber weit entfernt sind.

Die Landnahme eines kleinen Territoriums auf dem Mars, um dort eine Fernsehshow zu veranstalten, würde erst einmal außerhalb jeder Konkurrenz stattfinden. Das Ereignis könnte aber durch seinen »innovativen Charakter« und sein radikales Alleinstellungsmerkmal als multifunktionale und vor allem globale Projektionsfläche ökonomischer, kultureller, sozialer und politischer Interessen dienen. Der legendäre Satz des Astronauten Neil Armstrong »Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!« rief auf eine damals ganz neue Weise ein globales Kollektiv an. Ein ähnlicher Vorgang könnte durch eine Marsmission entstehen. Waren die bisherigen Weltraumabenteuer meist nur auf mehrere Tage angelegt, haben wir es nun mit länger dauernden Ereignissen zu tun. Natürlich wird es bei »Inspiration Mars« und bei »Mars One« Höhepunkte der Berichterstattung geben, die den jeweiligen Anflug oder die Landung ganz oben auf die Nachrichtenagenda hieven und globale Einschaltquoten von nicht gekanntem Ausmaß erreichen.

Daneben dürften die Ereignisse über einen längeren Zeitraum im Spartenkanal laufen und interaktiv im Internet begleitet werden, inklusive Merchandising, soziale Netzwerkaktivitäten, Fanclubs und Conventions. Der mediale Resonanzraum würde die Missionen mit Hilfe seiner ganzen dezentralen Komplexität abbilden und fiktionale Räume des Mit-Erlebens schaffen. Angesichts dieses neuen, kollektiv erlebten »Außen« wäre es möglich, ein bis dahin nur schwer durchsetzbares globales »Wir-Gefühl« zu erzeugen. Die gebannt vor den Fernsehschirmen sitzende und sich in sozialen Netzwerken informierende und austauschende Menschheit würde »zusammenrücken«. In Zeiten einer zunehmend kritischen Sicht auf die Globalisierung könnte somit das Gefühl eines neuen Zusammenhalts erschaffen werden, dem sich dann individuelle oder partikulare Interessen etwa sozialpolitischer Natur unterzuordnen hätten.

Gleichzeitig könnten in einem über Spekulationen und Wetten akkumulierenden finanzialisierten Kapitalismus fiktionale Mars-Werte ganz neue und nur schwer einschätzbare Akkumulationsmöglichkeiten bieten. Denn das finanzdominierte Akkumulationsregime erzeugt etwa an den Börsen Werte durch Spekulationen rein fiktionalen Charakters - egal ob es Derivate, Versicherungspapiere oder Wetten auf zukünftige Werte sind. Der Bedarf zu spekulieren und dafür neue Felder zu erschließen, ist gerade in Zeiten der Krise von großer Bedeutung. Laut David Harvey waren bisher die Stadtsanierung und urbane Entwicklungsprogramme wichtige Hebel, um in Überakkumulationskrisen das überschüssige Kapital einer Verwendung zuzuführen. Nur: Je weiter die Sanierung und Verwertung der urbanen Räume voranschreitet, desto eher werden ganz »neue Landnahmen« nötig, um weitere Felder für die Kapitalakkumulation zu erschließen.

Über welche Bodenschätze verfügt der Mars, die für uns heute oder morgen interessant sind? Welche technologischen Schübe sind durch weitere Marsmissionen und deren Vorbereitung zu erwarten? Wird es irgendwann möglich sein, Bodenschätze vom Mars zur Erde zu transportieren? Wenn ja, wer wäre daran beteiligt? Welche technologische Forschung hätte wiederum daran Anteil und wie steigt ihr Wert? Welche Nebenprodukte ergeben sich aus den Forschungen? Welche Konzerne und Stiftungen werden dabei eine Rolle spielen? Gerade der radikal fiktionale Charakter der Spekulationen im finanzdominierten Akkumulationsregime machen es möglich, dass es nur bedingt eine Rolle spielt, wann eine realwirtschaftliche Verwertung wirklich stattfinden kann. Auch die weitere territoriale Aufteilung und Veräußerung verschiedener Claims auf der Marsoberfläche für unterschiedliche Zwecke der Forschung, Besiedlung oder Rohstoffgewinnung könnte enorme Akkumulationsmöglichkeiten freisetzen. Wer sollte das verhindern? Die UNO wohl kaum. Dieser Verwertungsprozess würde erst einmal in einem rechtsfreien Raum ohne jegliche staatliche Beschränkung ganz im Sinn radikal-liberaler Markgesetze stattfinden.

So spekulativ diese Vorstellungen über mögliche Landnahmen auf dem Mars auch sind, besitzen sie unter Umständen doch historische Dimension. Durch die Digitalisierung Anfang der 80er Jahre konnte der Kapitalismus die fordistische Akkumulationskrise auf eine damals sehr futuristisch und mit den Garagenfirmen à la Bill Gates nicht eben seriös wirkende Weise überwinden. Die Frage ist, ob und wie weit der Griff nach dem Weltraum womöglich die postfordistische Krise durch neue gigantische Spekulationsgründe in den »unendlichen Weiten« des noch zu vermessenden und für die Akkumulation zu kartographierenden Raums abfedern könnte.

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