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Als Linker auch montags ein Aktivist

Prinz Chaos II. über Montagsdemo, den Unterschied zwischen Sektierern und Aktivisten - und eine Firewall gegen Antisemitismus und Sündenbockpolitik

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Mein Revolutionslehrer Tony Cliff (Ygael Gluckstein, 1917 – 2000) erklärte die klassischen Fehler linker Intervention in Bewegungen – Sektierertum und Opportunismus – immer mit einer kleinen Geschichte. Wenn du auf dem Streikposten stehst und der Kollege neben Dir lässt einen üblen rassistischen Spruch vom Stapel: Was tust Du dann?

Du kannst entweder überhaupt nichts tun. Als hättest Du den Rassismus nicht bemerkt oder überhört, was der Kollege da gesagt hat, lächelst Du darüber hinweg, wechselst das Thema und sprichst über etwas Unverfängliches. Das ist das Verhalten eines Opportunisten.

Meine erste Montagsintervention, am 28. April in Berlin, blieb weitgehend opportunistisch. Allerdings hatte der Schritt auf diese Bühne (oder besser: der Sprung auf diese Tretmine) eine Kühnheit erfordert, von der ich mir seitdem manche Nacht sehnlichst gewünscht habe, sie nicht zu besitzen.

Stattdessen ging ich als erster bekannter Linker und als letzter Redner des Abends spontan auf die Bühne und entschuldigte mich stellvertretend für die Wochen des linken Trommelfeuers gegen die Demonstranten. Es war eine Geste der Versöhnung. Es war der Versuch, überhaupt eine Gesprächsebene zu eröffnen. Aber zweifellos habe ich zentrale Konflikte, die wir notwendigerweise austragen müsse, nur sehr unzureichend benannt in meinen ersten fünf Montagsminuten.

Zurück zu unserer kleinen Bewegungskunde nach Tony Cliff: Die zweite Möglichkeit, auf die rassistischen Sprüche des Kollegen am Streikposten zu reagieren, besteht darin, sich fürchterlich aufzuregen, den Kollegen als rassistisches Schwein zu beschimpfen und – weil man als Linker mit Rassisten niemals gemeinsame Sache macht! - selbst wütend den Streikposten zu verlassen. Das ist die Reaktion eines Sektierers.

Große Teile der Linken als Bewegung und Partei haben sich in Bezug auf die Montagsmahnwachen entschieden, eine solche sektiererische Haltung einzunehmen. Stefan Lindner formulierte das in dieser Zeitung so: »...solange sich dort nicht konsequent von bestimmten Inhalten distanziert wird, ist dies der falsche Ort für friedenspolitisches Engagement.«

Sieht man davon ab, dass der von Lindner anschließend beschriebene Montagsdiskurs ziemlich wenig zu tun hat mit der Realität der Berliner Mahnwachen, bleibt dabei ein Problem: Lindners Haltung bietet keinerlei Handlungsperspektive. Sie stellt auch nicht den geringsten Bezug her zu den Leuten, die sich derzeit zu Tausenden über diese Montagsmahnwachen politisieren. Scheiden diese Leute wirklich allesamt von vorneherein aus als Akteure für Frieden und gleiche Rechte in einer würdigeren Welt? Ich erlebe das anders.

Also zurück zu Tony Cliffs Streikpostenbeispiel: Ein Aktivist (Cliff nannte das: einen Revolutionär) wird den Rassismus des Kollegen keinesfalls unbeantwortet lassen. Er wird das Thema konfrontieren, mit dem Kollegen diskutieren, versuchen, seine Behauptungen zu widerlegen und einen Standpunkt der Solidarität stark zu machen. Er wird dabei auch einen Konflikt nicht scheuen.

Aber wenn der Bus mit den Streikbrechern kommt, wird der Aktivist das Werktor blockieren, gemeinsam auch mit diesem Kollegen – um die Diskussion über Rassismus hinterher umso erfolgreicher fortzuführen - und um den gemeinsam gewonnenen Streik zu feiern.

Pedram Shahyars Montagsrede vom 5. Mai, eine Woche nach meinem Opener, war weder opportunistisch noch sektiererisch. Das war die Rede eines Aktivisten! Pedram hat mit dieser Rede den Platz begeistert. Pedram hat demonstriert, wie man erfolgreich und prinzipienfest den Diskurs dieser Bewegung weiterentwickeln und transformieren kann: Das Gemeinsame zur Grundlage machen! Eine klare friedenspolitische Programmatik formulieren! Eine lodernde Firewall hochziehen gegen Antisemitismus, faschistische Unterwanderung und Sündenbockpolitik!. Humanistische Prinzipien einziehen! Einen progressiven Konsens bauen! – Aktionsorientierung.

Ob das immer und überall so funktioniert, ist schwer zu sagen. Die Montage sehen vor Ort jeweils sehr unterschiedlich aus. Der Diskurs der Bewegung ist sehr dynamisch und zweifellos in verschiedene Richtungen offen. Eine Rechtfertigung, von links gegen die Montagsdemos mit einer Sprache und Taktik vorzugehen, wie wir sie bisher für die Aufmärsche organisierter Neofaschisten reserviert hatten, kann ich nicht erkennen. Da hilft auch ein inflationär eingesetzte, expansive Faschismusbegriff nichts.

Übrigens wurde Jürgen Elsässer von der Hauptorganisation der deutschlandweiten Mahnwachen am vergangenen Freitag effektiv abgeschossen. Ich selbst werde heute Abend erneut auf der Berliner Montagsbühne sprechen, und diesmal vor allen Dingen auch singen.

Bin ich mir zu 100 Prozent sicher, das Richtige zu tun? Nein! Ich gratuliere allen Inhabern absoluter Wahrheiten und unverrückbarer Urteile auf allen Seiten der Debatte von ganzem Herzen. Euer Umgang miteinander ist übrigens grauenvoll.

Mir selber haben mehrere Wochen der intensiven Beschäftigung mit dieser Bewegung, mit ihren Gegnern, den jeweiligen Akteuren und Positionen, vor allem ein höchst widersprüchliches Bild vermittelt. Wir leben, in der Tat in gefährlichen Zeiten! Jede Handlungsoption birgt große Chancen und Risiken.

Immerhin bin ich mir klar, wofür ich selbst stehe, und ich werde konsequent für meine Überzeugungen eintreten, wie ich das tue, seit ich 16 Jahre alt bin: für Frieden, für meine gleichen schwulen Rechte, für neuartige Formen und Organe der Demokratie und für eine solidarischen Ökonomie in der Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Ich bin überzeugt, dass genau jetzt die Zeit gekommen ist, für diese Ziele aufzustehen und zu handeln. An sämtlichen Tagen der Woche. Auch montags.

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