Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Der Energiehunger der Türkei

Stromverbrauch hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt - immer mehr heimische Braunkohle wird benötigt

Braunkohle ist der wichtigste heimische Energieträger in der Türkei. Wegen der stark steigenden Stromnachfrage steigt auch der Produktionsdruck auf die Zechenbetreiber - offenbar zu Lasten der Sicherheit.

Die Türkei ist ein Paradebeispiel für den Energiehunger von Schwellenländern: Das starke Wirtschaftswachstum mit Raten von durchschnittlich gut fünf Prozent hat dazu geführt, dass sich der Stromverbrauch allein in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt hat - von 130 Milliarden auf 240 Milliarden Kilowattstunden. Weltweit verzeichnete nur China ein höheres Nachfragewachstum. Und der Bedarf wird weiter massiv steigen, wie der Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur, Fatih Birol, erwartet: »Allein in Bezug auf den Strom muss die Türkei geschätzte 45 Gigawatt zusätzliche Leistungskapazität hinzufügen - mehr als jedes andere Land in Europa.« Um eine Vorstellung zu bekommen: Der gigantische Atatürk-Staudamm im Südosten hat eine Leistung von 2,4 Gigawatt, und das größte Kohlekraftwerk des Landes, Afsin Elbistan B in der Südtürkei, bringt es auf 1,4 Gigawatt.

Kohle macht ein gutes Viertel des gesamten Energieverbrauches aus. Braunkohle ist neben Wasserkraft bislang der einzige relevante heimische Energieträger - neben einigen großen Wasserkraftwerken, die auf Proteste von Umweltschützern und aus den Nachbarländern stoßen. Hingegen muss Erdgas, bislang führend bei der Stromerzeugung, ebenso wie Steinkohle nahezu komplett importiert werden. Abhängigkeit machte sich Anfang dieses Jahres schmerzlich bemerkbar, als der massive Wertverfall der türkischen Währung Lira den Importeuren innerhalb von nur einer Woche zwei Milliarden Dollar Verlust bescherte - Öl und Gas werden in der US-Währung gehandelt. Erst die massive Leitzinserhöhung der türkischen Zentralbank sorgte für Entspannung, aber die Importpreise bleiben hoch.

Die Regierung setzt daher auf den Ersatz der Importe. Allerdings kommt der Ausbau von Wind-, Solarenergie trotz sehr guter Bedingungen im Land wegen der geringen Lobby nur zögerlich voran. Ankara setzt auf große Lösungen. So ist der Bau von insgesamt drei Atomkraftwerken geplant - gebaut werden sie von Firmen aus Russland, Frankreich und Japan. Doch die Meiler werden frühestens 2023 bereitstehen, wobei Verzögerungen beim Bau eher die Regel sind.

Zumindest kurz- und mittelfristig ist der Druck gewaltig, immer mehr heimische Braunkohle aus dem Boden zu holen. Um rund sieben Gigawatt sollen die Kohle-Kraftwerkskapazitäten bis zum Jahr 2021 steigen. Vor einem Jahr schloss der staatliche Energieversorger EÜAS mit dem in Abu Dhabi ansässigen Staatskonzern TAQA einen Vertrag im Wert von zwölf Milliarden Dollar über den Bau neuer Kraftwerke und Tagebau-Kohleförderung in der Region Elbistan.

Groß ist der Druck, auf Teufel komm raus zu fördern. Im Jahr 2002 wurden etwa 52 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert, zehn Jahre später waren es schon 78 Millionen. Die größte Lagerstätte ist Elbistan, wo über drei Milliarden Tonnen vermutet werden. Es folgt der Bezirk Soma mit 800 Millionen Tonnen.

Das Problem bei der Braunkohle ist der deutlich niedrigere Energiegehalt als bei Steinkohle. Daher benötigt man riesige Mengen. Importe lohnen sich nicht, Braunkohle muss meist lokal verarbeitet werden. Der Druck gehe hier eher von den Zechen- und Kraftwerksbetreibern aus, die ihre Gewinne maximieren wollten, sagte ein deutscher Energiefachmann, der lange im Land gearbeitet hat, gegenüber dpa. Die Privatisierung vieler Zechen hat den Kostendruck vielfach noch verstärkt. Experten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) beklagen die sehr hohe Unfallgefahr in türkischen Bergwerken.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln