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Wo liegt die Mitte Europas?

Karl-Markus Gauß

Kremnické Bane, Purnuškes, Dilowe: Das sind die Namen dreier Dörfer in der Slowakei, Litauen und der Ukraine. Alle beanspruchen für sich, der Mittelpunkt Europas zu sein. Geografisch mag das - auf diese oder jene Weise - zutreffen. Politisch, wirtschaftlich und kulturell führen alle drei eine Randexistenz. Gleichzeitig Mitte und Rand: Diesem Widerspruch auf den Grund zu gehen, hat sich Karl-Markus Gauß zur Aufgabe gemacht.

Der Salzburger Schriftsteller betrachtet seine mondäne Heimatstadt als ebenso zu Mitteleuropa gehörig wie die von der Mehrheit der Europäer als randständig angesehene slowakische, litauische und ukrainische »Provinz«. Mitteleuropa ist keine geografische Landschaft. Politische Grenzen, die jene Region abstecken, gibt es auch nicht. Die Wahrnehmung entspringt eher einem Gefühl. Und doch ist Mitteleuropa sichtbar. Seine Umrisse entsprechen grob jenem Landkartenteppich, den die Territorien der ehemaligen k.u.k. Monarchie bilden.

Wer heute die Hauptorte des untergegangenen Habsburgerreichs bereist, würde sich in den zu Fußgängerzonen ausgebauten und zu Einkaufsmeilen reduzierten, einander merkwürdig ähnelnden Stadtzentren vorkommen wie in jeder beliebigen europäischen Metropole. Was hinter Fassaden und unter Oberflächen verborgen bleibt, fördert erst der tiefere Blick zutage.

Riskiert wird er in Buchtiteln wie »Die versprengten Deutschen« auf Minderheiten in Litauens Hauptstadt Vilnius, nur vier Kilometer entfernt von Purnuškes, oder auch in der slowakischen Zips, mit Kremnické Bane durch eine direkte Bahnlinie verbunden. Selten beachtete Albaner in Süditalien, jüdische Sepharden in Sarajevo, Sorben in Ostbrandenburg/Ostsachsen und deutschstämmige Gottscheer in Südslowenien werden ebenfalls in Erinnerung gerufen, so in »Die sterbenden Europäer«.

In diese Reihe passen würden die Huzulen, Angehörige eines russinischen Bergvolks, dessen Nachfahren heute noch im Dorf Dilowe und der nahen Stadt Rachiw beheimatet sind. Russinen siedelten im Osten Polens, der Slowakei und Ungarns, im Norden Rumäniens und im Westen der Ukraine. Rachowo, ihre Stadt, heißt ukrainisch Rachiw, rumänisch Rahau, ungarisch Rahó, slowakisch Rachov und polnisch Rachów. Wie selten mag den Bewohnern in ihrem Alltag bewusst werden, dass sie das Zentrum ihres Kontinents bevölkern?

Um alle diese Völker dem Vergessen zu entreißen, und um den ethnischen und kulturellen Reichtum Mitteleuropas zu würdigen, hat Gauß sie in seinen Büchern verewigt. In seinem neuesten Werk »Lob der Sprache, Glück des Schreibens« schreibt er unter anderem über das Volk seiner Herkunft, die Donauschwaben, begründet, warum die EU auf die kleinen Nationalitäten angewiesen ist und stellt die in seinen Augen wahre Hauptstadt Europas vor. Letztere ist nicht allzu weit von Purnuškes entfernt, liegt aber keineswegs in Litauen und »könnte überall sein«, meint Gauß, »im Elsass, in Südtirol und in Bosnien, in Siebenbürgen, in der Vojvodina und im Baltikum.«

Karl-Markus Gauß: Lob der Sprache, Glück des Schreibens. Verlag Otto Müller, 174 S., geb., 19 €.

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