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Katar muss sich ändern

Abdeslam Ouaddou aus Marokko war Fußballprofi in Katar, heute setzt er sich für die Rechte der Wanderarbeiter ein

Abdeslam Ouaddou lief 57 mal im Trikot der marokkanischen Auswahl auf, er war Kapitän der Nationalelf. Der 35-Jährige, der einen marokkanischen und einen französischen Pass hat, spielte in Englands Premier League für den FC Fulham und in Frankreich für AS Nancy und Stade Rennes. 2010 ging er nach Doha, wo er mit dem neugegründeten Lekhwiya SC sofort katarischer Meister wurde. Dann lernte er das katarische Kafala-System kennen, wie er nd-Redakteur Jirka Grahl erzählte.

nd: Herr Ouaddou, im Jahr 2010 entschlossen Sie sich, in die »Qatar Stars League« zu wechseln: Welche Vorstellung hatten Sie von diesem Land?
Ouaddou: Ehrlich gesagt, keine genaue. Ich wollte Fußball spielen, so wie ich es 18 Jahre lang getan hatte. Mit Leidenschaft, mit Freude - um Titel zu gewinnen! Ich wusste nichts vom Kafala-System. Hätte ich davon gewusst, wäre ich nie dahin gegangen.

Wie lange hat es gedauert, ehe Sie bemerkt haben, in Katar läuft etwas falsch?
Nach sehr kurzer Zeit wusste ich Bescheid. Ich brauchte für jeden Schritt im Leben meinen Sponsor, also meinen Kafil. Egal, ob ich ein Konto eröffnen wollte oder ein Haus anmieten, ich brauchte immer die Erlaubnis des Präsidenten von meinem Klub Lekhwiya. Ich konnte es kaum glauben, ich bin in Frankreich großgeworden, ich konnte mir das nicht vorstellen. Aber ich hatte Erfolg, und der Erfolg hat anfangs vieles überdeckt.

Sie wurden in ihrer ersten Saison Meister mit dem Klub Lekhwiya, der übrigens Nasser Al-Khelaifi gehört, dem milliardenschweren Besitzer von Paris St. Germain. Sie waren Kapitän der Mannschaft. Was gab es dann für ein Problem?
Ich kam aus Frankreich zurück, wo ich im Urlaub war, da nahm man mich zur Seite und sagte: Du wechselst den Klub, zu Qatar SC. Ich dachte, das sei ein Witz, das ergab überhaupt keinen Sinn.

Und dann?
Dann verriet man mir den Grund: Der Scheich Al-Thani selbst habe das beschlossen. Und was der Scheich beschließt, ist nicht mehr zu diskutieren. Dabei hatte ich noch einen gültigen Vertrag. Was blieb mir übrig? Ich wechselte und spielte ein Jahr lang für Qatar SC. Dann wollte plötzlich mein neuer Klub meinen gültigen Vertrag auflösen. Aber ich wollte nicht. Und dann ging es los: Ich wurde nicht mehr bezahlt, ich durfte nicht mehr mit dem Team trainieren, man ließ mich stattdessen bei 50 Grad allein trainieren, um physischen und psychologischen Druck zu erzeugen. Man nahm mir das Auto weg und bezahlte keine Miete für das Haus, in dem ich mit meiner Frau und drei Kindern lebte. Ich wandte mich an die FIFA, was die Katarer noch mehr verärgerte. Nach sieben Monaten hatten sie mich soweit, ich wollte zurück nach Frankreich gehen. Aber sie wollten mir kein Visum zur Ausreise geben, wenn ich nicht meine Klage bei der FIFA zurückziehe. Allein meiner Bekanntheit hatte ich es am Ende zu verdanken, dass ich schließlich das Land verlassen konnte.

Spielen Sie heute wieder?
Ich habe es noch einmal probiert, bei meinem alten Klub AS Nancy, aber es ging nicht mehr. Ich war 34 und hatte ein halbes Jahr lang nicht trainiert, da ging nicht mehr allzu viel, wie Sie sich vorstellen können.

Wer half Ihnen damals aus dem Land zu kommen?
Ich drohte damit, mich an Human Rights Watch zu wenden und die Medien, was am Ende ausreichend war. Man ist in Katar immer sehr besorgt um das Image.

Heute engagieren Sie sich für die Initiative des Internationalen Gewerkschaftsbundes, der die Abschaffung des Kafala-Systems fordert. Warum?
Millionen Menschen leiden unter diesem System. Wenn schon ich solche Schwierigkeiten mit Arbeitgebern hatte, stellen Sie sich doch bitte vor, wie schlecht es Arbeitern aus armen Ländern dort ergeht. Das muss sich ändern. Katar muss besser mit den Arbeitern umgehen. Wenn man dort ist, sieht man die Leute überall: Sie essen auf der Straße, manche schlafen sogar draußen. Sie bauen Shopping-Malls, in die sie an ihren freien Tagen nicht eingelassen werden. Nur für Araber oder Europäer - heißt es dann. Das ist Diskriminierung pur!

Joseph Blatter hat jüngst eingeräumt, die WM-Vergabe sei ein Fehler gewesen. Wie finden Sie das?
Er hat dabei leider nur von der Hitze gesprochen, nicht etwa von den ernsthaften Menschenrechtsproblemen. Ich kann nur alle, die im Sport unterwegs sind, bitten, sich für die Rechte der Arbeiter in Katar einzusetzen, die weiterhin unter entsetzlichen Bedingungen leben müssen: 30, 40 Männer in einem Raum eingepfercht, wo Ratten über den Fußboden laufen. Dreckiges Trinkwasser! Es gibt Fälle, wo Frauen von ihren Arbeitgebern vergewaltigt wurden und danach als Hausangestellte für ihren Vergewaltiger weiterarbeiten müssen. Es ist verrückt. Die großen Stars im Fußball hätten die nötige Power, diese Bedingungen in Katar anzuprangern. Ich hoffe auf sie. 400 Leute sind seit der WM-Vergabe 2010 schon auf den Baustellen des Landes gestorben, bis zu 4000 könnten es werden.

Sie sind im marokkanischen Fußball eine Legende. Sollten Sie eingeladen werden zur WM 2022 nach Katar, würden Sie dorthin fahren?
Solange sich die Verhältnisse nicht geändert haben, setze ich keinen Fuß mehr in dieses Land.

Was antworten Sie einem Fußballprofi, wenn er Sie fragt, ob er nach Katar gehen soll?
Nun, ich bin am Ende nicht derjenige, der das entscheiden sollte. Es geht ja auch bei einigen Spielern gut. Ich kann aber allen nur raten: Lasst Euch auf jeden Fall ein dauerhaftes Ausreisevisum geben! Mein französischer Kollege Zahir Belounis hatte es beispielsweise weitaus schwerer als ich. Er saß mit seiner Familie fast zwei Jahre lang in Katar fest, als sein Verein sich weigerte, seine ausstehenden Gehälter zu zahlen und ihm die Ausreise zu gewähren. Es kann sehr hart sein dort. Für die einfachen Arbeiter ist es die Hölle.

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